Seit bald fünf Jahren lebt Marc Oliver Rohner (41) in Hongkong. Der Maschinenbauingenieur aus dem Zurzibiet arbeitet in der Metropole als General Manager für ein Schweizer Unternehmen. Per Mail schildert er der «Nordwestschweiz» die Lage vor Ort. 

Marc Rohner, Sie waren in Tokyo und sind am Mittwochnachmittag nach Hongkong zurückgekommen. Haben Sie vor der Abreise schon etwas von den Protesten mitbekommen?

Marc Rohner: Ich bin am Montagmorgen geschäftlich nach Tokyo gereist – nachdem am Sonntag und am Montag die friedlichen Proteste erstaunlicherweise mit Tränengas aufgelöst wurden. Proteste sind hier in Hongkong nichts Neues: Es gab schon seit einigen Jahren jeweils sonntags moderate und bewilligte Protestbewegungen im kleineren Rahmen. Sie richteten sich allgemein gegen Einschränkungen und Einmischungen der Zentralregierung aus Peking in die Politik Hongkongs. Vergangenen Sonntag hatten sich die neuen Proteste noch auf Hongkong Island beschränkt und hatten deshalb keinen Einfluss auf meine Abreise. Jedoch waren da einige wichtige Verkehrsachsen in «Central» bereits seit Tagen blockiert. Man muss sich das vorstellen – mehrspurige Strassen im wichtigsten Finanzdistrikt Asiens!

Wie haben Sie die Situation bei Ihrer Rückkehr wahrgenommen?

Bis zum Mittwochnachmittag hatte sich die allgemeine Lage etwas verschärft. Das Central District war zwar nicht mehr komplett blockiert, aber einige Firmen und Banken hatten ihre Büros – auch im Hinblick auf die Feiertage am Mittwoch und am Donnerstag – früher geschlossen. Die verstärkten Interventionen der Regierung haben sich jedoch seit Montag gelegt, und die Proteste werden bis heute – Stand Mittwochabend – gewaltfrei geduldet. Dies, obwohl die Besetzungen zugenommen und sich auf weitere Districts ausgeweitet haben.

Am Mittwochabend wurde zum Beispiel um 21 Uhr die Canton Road in Tsim Sha Tsui, ganz in unserer Nähe, wegen den Besetzungen geschlossen.

Sie arbeiten als General Manager für ein Schweizer Unternehmen, das in Hongkong einen Geschäftssitz hat. Wirken sich die Proteste auf die Firma aus?

Nein, im Moment sind die Besetzungen für unseren Betrieb in Hongkong selber noch nicht von Bedeutung. Die politische Situation auf dem chinesischen Festland hat aber Auswirkungen auf unsere Arbeit. 

Inwiefern?

Dort ist unsere Firma durch die extrem verstärkte Internet-Zensur betroffen. Was sich mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking in Gang gesetzt hat, wurde sukzessive verstärkt. Die Erreichbarkeit von Internetseiten ist seit Mai diesen Jahres wieder vermehrt eingeschränkt worden. Freie Zugänge aus dem chinesischen Festland ins World Wide Web sind nur noch mit speziellen Technologien wie VPN machbar. Das ist für unsere Tätigkeit in China ein alltägliches Problem – nicht erst seit vergangener Woche.

Kommen wir noch einmal auf die Proteste in Hongkong zu sprechen. Kann man sich dort eigentlich noch frei bewegen?

Die Einschränkungen im Privatleben sind im Moment noch gering. Hongkong ist sehr dicht besiedelt, und man kann sich innerhalb der Protestzonen zu Fuss bewegen. Nur die Taxis müssen einige Umwege in Kauf nehmen.

Wie reagieren die Einwohner auf die Proteste?

Es ist generell eine gewisse Toleranz für die Proteste spürbar, auch weil sie gewaltfrei organisiert sind. Wir reden hier im Moment noch nicht von militanten Bewegungen, im Gegenteil: Viele Familien mit Kinderwagen haben sich angeschlossen.

In Hongkong leben viele Expats. Sprechen Sie untereinander überhaupt über die politischen Probleme Hongkongs?

Im Moment nur oberflächlich. Man hofft immer noch auf eine baldige Beruhigung. Und weil die letzten Unruhen sehr lange her sind, ist man geneigt, das Ganze noch nicht so ganz ernst zu nehmen – obwohl niemand weiss, welche der Konfliktparteien am ehesten noch nachgeben könnte. Andererseits ist es auch schwer vorstellbar, dass sich in Hongkong wirkliche Probleme daraus ergeben werden.

Weshalb nicht?

Nach einer ersten Abwanderungswelle aus Hongkong, aus Angst vor der Zentralregierung vor der Übergabe an China 1997, hatte sich die Lage in den letzten 15 Jahren wieder beruhigt. Hongkong war die vergangenen 20 Jahre vom Wachstum und von seiner Rolle als «Tor zu China» und «pulsierende Werkbank der Welt» weitgehend von politischen Querelen abgelenkt. Hauptsächlich daraus resultiert auch der aktuell sehr hohe Wohlstand – und als Nebenerscheinung der grosse Wohlstandsunterschied.

Sie leben seit 2010 in Hongkong. Zuvor waren Sie mehrere Jahre lang in Zhongshan, einer Stadt in der südchinesischen Provinz Guangdong. Gibt es Unterschiede zwischen Hongkongern und Chinesen vom Festland?

Ja, die gibt es. Die Kultur und die Sprache sind, zumindest zwischen der Provinz Guangdong und Hongkong, zwar dieselbe - man spricht kantonesisch. Aber die 100 Jahre britischen Einflusses auf Hongkong sind natürlich auch in sozialer und in zivilisatorischer Hinsicht spürbar.

Wo zeigen sich diese Unterschiede?

Hongkong ist vollkommen westlich-demokratisch geprägt. Frühere und auch aktuelle Spannungen in Hongkong sind auf die massive Zuwanderung von Festlandchinesen zurückzuführen. Der in diesem Falle dem Kommunismus entsprungene Proletarismus ist meiner Meinung nach noch stark vorhanden. Der Festlandchinese wird daher von Hongkongs breiter Masse immer noch als zweitklassig und unzivilisiert betrachtet. Die Wirtschaftselite Hongkongs profitiert zwar seit Jahrzehnten von China, man versucht aber am Wochenende so schnell wie möglich wieder in die Zivilisation nach Hause zurück zu kehren. Da sind westliche Expats in China wesentlich toleranter und geduldiger. Man erkennt also trotz teilweise grossen Öffnungen, Fortschritten und neuem Selbstverständnis des Festlandchinesen noch deutlich seinen kommunistischen Hintergrund – was wohlverstanden nicht nur negativ ist. Es gibt verschiedene positive Lebens-, Sozial- und Arbeitsaspekte, welche man zugunsten der kommunistischen Erziehung werten kann. Hongkong und China haben eigentlich noch 33 Jahre Zeit, sich einander anzugleichen – bis dann gilt noch das «Ein Land – zwei Systeme»-Gesetz.

Merkt man, dass China in den letzten Jahren mehr Einfluss auf Hongkong gewonnen hat?

Die Zentralregierung hat schon seit der Übernahme von England 1997 deutlichen Einsitz in der Regierung Hongkongs. Das formelle Staatsoberhaupt ist der chinesische Staatspräsident.

Zudem sind in Gamisonen organisierte chinesische Streitkräfte hier stationiert. Sie dürfen sich jedoch nicht unters Volk mischen, und man bekommt von ihnen auch nichts mit. Breit angelegte Zensur oder Überwachung ist in Hongkong aber nicht bemerkbar, zumindest nicht für mich als politisch nicht aktiver Langzeit-Gast. Mir ist zudem aufgefallen, dass bei meinem ersten Besuch in Hongkong 1993 die englische Sprache stärker verankert war als heute. Das hat sicherlich damit zu tun, dass die offizielle und von der Regierung mehr geförderte Sprache wieder Mandarin ist. Die vermehrte und schnelle Zuwanderung des chinesischen Mittelstandes fördert diesen Effekt weiter.

These: Bisher ist es primär die Generation junger, intellektueller Hongkonger Studenten, die aufbegehrt. Bei älteren Hongkongern, bei Wirtschaftsvertretern oder bei Expats sieht man das Demokratieproblem nicht als gravierend an, man steht nicht hinter der Protestbewegung. Sehen Sie das auch so?

Das ist eine interessante These, die sicher im Gesamtzusammenhang der ganzen politischen Problematik zwischen Hongkong und China zu betrachten ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich für solch sozialpolitisch langfristige und wichtige Entscheidungen eher die jungen Generationen stark machen. Vor allem Studenten, welche am Anfang ihrer Karriere und vor ihrer Zukunft stehen. Lokale wie ausländische Wirtschaftsvertreter und die hier lebenden Expats sind ja zum allergrössten Teil auch Intellektuelle. Nur zeigt es eben, dass sich die geplanten Wahlen 2017 nicht unmittelbar und direkt auf das Leben durchschlagen werden, sondern eine langfristige Strategie zur Übernahme Hongkongs in 33 Jahren sind. Und davor fürchten sich vor allem junge Generationen. Wer soll sich wem für eine friedliche Vereinigung anpassen? Die Demokratie dem Kommunismus – oder umgekehrt?