Die Weisheit kommt mit dem Alter: Davon war James Madison (1751 bis 1836), Mitautor der amerikanischen Verfassung, überzeugt. Wer sich ins Repräsentantenhaus (das Pendant zum Nationalrat) wählen lassen wolle, müsse mindestens 25 Jahre alt sein, legte Madison 1787 fest. Für ein Senats-Mandat (das Pendant zum Ständerat) müsse man sogar das 30. Altersjahr abgeschlossen haben. Madison begründete diese zusätzliche Auflage an angehende Senatoren mit der «höheren Anforderung an die Stabilität des Charakters», die das Amt mit sich bringe. Schliesslich hätten Senatoren mehr Macht als gewöhnliche Abgeordnete und bräuchten daher einen moralisch klareren Blick auf die Dinge.

Die Regel gilt bis heute. Jüngst aber ist eine Debatte über die von US-Senatoren eingeforderte charakterliche Stabilität ausgebrochen. Grund dafür: die Kandidatur des Republikaners Roy Moore für den Senatssitz in Alabama. Heute entscheiden die Wähler, ob der 70-Jährige als Senator nach Washington ziehen darf. Die Umfragen prophezeien ihm einen Sieg. Wenn Moore gewinnen sollte, wäre es dahin mit der «Stabilität des Charakters» im Senat. Denn dann nähme ein mutmasslicher Kinderschänder Einsitz im höchsten gesetzgeberischen Gremium der USA.

Hausverbot in der Gadsden-Mall

Acht Frauen haben Anschuldigungen gegen Moore erhoben. Sie reichen von sexueller Belästigung bis hin zu versuchter Vergewaltigung. Mehrere Opfer waren minderjährig. Leigh Corfman war erst 14 Jahre alt, als Moore sie begrapscht und sexuell bedrängt haben soll. Laut dem Magazin «The New Yorker» hatte der ehemalige Staatsanwalt, der 2016 wegen seiner schwulenfeindlichen Haltung suspendiert worden war, in den 1970er-Jahren gar Hausverbot in einem Einkaufszentrum der Stadt Gadsden, weil er mehrfach Minderjährigen nachgestellt und sie bedrängt haben soll.

Verwerflich sind aber nicht nur Moores mutmassliche Taten (er bestreitet, je etwas Illegales gemacht zu haben). Verwerflich ist vor allem die Art und Weise, wie ein beträchtlicher Teil der amerikanischen Öffentlichkeit mit den Vorwürfen gegen den Senatskandidaten umgeht. Kritische Stimmen gibt es zwar vereinzelt auch auf der republikanischen Seite. Zu einem geeinten Aufruf an Moore, er solle von seiner Kandidatur zurücktreten, können sich seine Parteikollegen aber partout nicht durchringen. Viele Republikaner – allen voran Präsident Trump – fürchten sich zu sehr vor einem Verlust der Stimmenmehrheit im Senat und der damit verbundenen Chancenlosigkeit ihrer Reformvorhaben. Der Präsident hat dem Senatskandidaten Moore deshalb seine volle Unterstützung zugesagt.

Die Vietnamkriegs-Ausrede

Ein absurdes Ausmass nahm die Verteidigung Moores an, als der Pfarrer Flip Benham kürzlich sagte, man müsse dessen Begehren nach «reinen jungen Frauen» verstehen. Schliesslich seien fast alle Damen in seinem Alter vergeben gewesen, als er aus dem Vietnamkrieg zurückgekehrt sei. Da habe er gar keine andere Wahl gehabt, als sich nach unten zu orientieren. Noch absurder war die Behauptung der Moore-Sprecherin Jane Porter, die vergangene Woche im Fernsehen gesagt hat, neben den ganz wenigen Einzelfällen von Frauen, die Moore sexuelle Belästigung vorwerfen, gebe es eine grosse Gruppe von Frauen, die ihm nichts vorwerfen würden.

Das zeigt: Der moralische Relativismus greift wild um sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und wie unbegrenzt die Möglichkeiten in Übersee selbst für mutmassliche pädosexuelle Straftäter sein können, das wird sich bei der heutigen Wahl zeigen. Sollte Moore tatsächlich gewinnen, dann sollte sich Amerika ernsthaft fragen, was eigentlich noch passieren muss, bevor die Gesellschaft die moralische Notbremse zieht. Dass der heutige Präsident vor einigen Jahren damit prahlte, er könne alle Frauen begrapschen, weil er berühmt sei, hat dafür nicht gereicht. Dass ein zur Wahl stehender Politiker mehrere Mädchen sexuell bedrängte, scheint aller Voraussicht nach auch nicht zu reichen.

Der moralische Kompass funktioniert nicht mehr in der (noch) mächtigsten Nation der Welt. Amerika wäre nicht das erste Imperium, das an seiner eigenen Dekadenz zugrunde geht. Roy Moore wird nicht der letzte Kaiser sein. Die Krone aber, die er sich heute voraussichtlich aufsetzt, ist eine gefährliche.

samuel.schumacher@azmedien.ch