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96 Prozent waren gegen EU-Austritt: wie der Brexit Gibraltar zum Zittern bringt

Gibraltar gehört seit 1704 zu Grossbritannien.

Gibraltar gehört seit 1704 zu Grossbritannien.

Viele Bewohner Gibraltars sind verzweifelt. Die meisten Touristen werden ausbleiben, wenn sie sich bis zu vier Stunden an der Grenze anstellen müssen. Die Auswirkungen des Brexit könnten verheerend sein für das Shoppingparadies.

Strahlend blauer Himmel, eine laue Brise streicht durch die Palmen. Touristen geniessen auf den Restaurantterrassen des Casemates Square in Gibraltar die Sonne. Von Brexit-Panik ist in der britischen «Kolonie» am Südzipfel Spaniens nichts zu spüren. Kellner servieren Paellas mit spanischem Rotwein und Fish’n’Chips mit britischem Bier.

Wie jeden Tag bummeln Tausende Touristen durch die Geschäfte. Sie decken sich mit Zigarettenstangen, Spirituosen, Uhren, Parfüms und Kleidung ein. Das britische Überseegebiet ist ein Shoppingparadies ohne Mehrwertsteuer, das jährlich über 700'000 Besucher anzieht. «Ich hoffe, das wird auch nach dem Brexit so bleiben», sagt Gigi Sene, die hier ein Büromöbelgeschäft unterhält. Sie lebt nicht direkt von den Touristen, wohl aber viele ihrer Kunden: Banken, Wechselstuben, Reiseagenturen, Hotels, Restaurants.

Diesen Samstag wird der Grenzübergang zwischen der südspanischen Kleinstadt La Línea de la Concepción und Gibraltar zur EU-Aussengrenze. Bis Ende 2020 gibt es noch eine Übergangsphase. «Sollte es danach zu härteren Grenzkontrollen kommen, muss ich hier dichtmachen», befürchtet Gigi Sene. Die meisten Touristen werden aber ausbleiben, wenn sie sich bis zu vier Stunden an der Grenze anstellen müssen. Die Auswirkungen des Brexit könnten verheerend sein für Gibraltar.

96 Prozent der Bewohner Gibraltars waren gegen den Brexit

1704 nahm Grossbritannien die Halbinsel an der Meerenge zwischen Spanien und Marokko in Besitz. Seit 300 Jahren fordert Madrid den sogenannten «Affenfelsen» zurück, auf dem nur knapp 32'000 Menschen und 300 Berberaffen leben – und auf dem sich wegen der steuerlichen Vorteile rund 15'000 Briefkastenfirmen angesiedelt haben.

Gibraltars Regierungschef Fabian Picardo plant nun, nach dem Brexit dem Schengen-Raum beizutreten, um den reibungslosen Grenzverkehr zu ermöglichen. Für Gigi Sene und viele andere Unternehmen ist aber auch das keine Lösung, denn ein Schengen-Beitritt würde bedeuten, dass Gibraltar ebenfalls eine Mehrwertsteuer einführen müsste. «Damit wäre unser Marktvorteil weg», erklärt Sene.

Viele Bewohner Gibraltars sind verzweifelt. 96 Prozent der Bevölkerung stimmten 2016 gegen den Brexit. Zu verflochten sind die wirtschaftlichen, aber auch kulturellen und familiären Beziehungen zum spanischen Umland. «Dabei dürfte der Brexit vor allem die spanischen Arbeitspendler hart treffen, von denen Gibraltar abhängt. Täglich kommen 11'000 Arbeiter von Spanien rüber», erklärt Juan José Uceda vom Verband spanischer Arbeiter in Gibraltar. «Es gibt hier kaum Alternativen zu Jobs in Gibraltar.» In der umliegenden Region Campo de Gibraltar liegt die Arbeitslosenquote bei über 35 Prozent.

Juan Franco, Bürgermeister der Kleinstadt La Línea, ist jedoch zuversichtlich, dass sich London und Madrid irgendwie einigen werden. Franco sieht sogar eine Chance im Brexit: «Jahrzehntelang hat Spanien nicht in unsere Region investiert und uns wirtschaftlich von Gibraltar abhängig gemacht. Vielleicht ändert sich das nun.»

Unternehmerin Gigi Sene hofft nur, dass nicht wieder das passiert, was ihr in ihrer Jugend widerfuhr: Von 1969 bis 1982 schloss der spanische Diktator Franco komplett die Grenze, um Gibraltar in die Knie zu zwingen und spanisch zu machen. «Wir lebten wie in einem offenen Gefängnis.»

Was passiert jetzt mit den 300'000 Briten in Spanien?

100 Kilometer weiter zittert auch Sue Hawkes dem Brexit entgegen. Wie viele britische Residenten an der südspanischen Costa del Sol ist sie regelrecht besorgt um ihre Zukunft. Die 77-jährige Britin lebt seit über neun Jahren in Mijas, gemeinsam mit über 9000 anderen britischen Auswanderern. Sie haben hier ihre britischen Pubs, ihr britisches Essen, ihre britischen Zeitungen.

«Was passiert nun, wenn sich die Politiker bis Ende des Jahres auf keine Lösung einigen? Muss ich dann alle drei Monate das Land verlassen, wie andere Nicht-EU-Bürger?», fragt sich Rentnerin Sue verzweifelt. Ähnliche Fragen dürften sich die über 300'000 Briten stellen, die heute in Spanien leben. Madrid will ihnen ein Bleiberecht gewähren, wenn das im umgekehrten Fall auch den 110'000 in Grossbritannien lebenden Spaniern gewährt wird.

«Die Briten hier haben Angst, richtige Angst», sagt Arancha López, Leiterin der Residentenabteilung im Rathaus von Mijas. In den vergangenen Monaten seien die Anfragen von britischen Residenten förmlich explodiert. «Wir versuchen, ihre Zweifel auszuräumen. Doch wir wissen ja selber nicht, wohin die Reise geht», sagt López.

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