Bohrlöcher
«Organisatorische Mängel»: Atomaufsicht rüffelt AKW Leibstadt

Sicherheitstechnisch seien die Bohrlöcher der Schutzhülle des AKW Leibstadt von geringer Bedeutung gewesen – nicht aber, was die Organisation angeht. Dort gäbe es Mängel. Zu diesem Schluss kommt die Atomaufsichtsbehörde, das ENSI.

Fabian Hägler
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Heute sind die Bohrlöcher verschlossen: Mitte Juli zeigte Ulrich Schläppi, Betriebsleiter im AKW Leibstadt, den Medien die verschweissten Stellen.

Heute sind die Bohrlöcher verschlossen: Mitte Juli zeigte Ulrich Schläppi, Betriebsleiter im AKW Leibstadt, den Medien die verschweissten Stellen.

Chris Iseli

Bei der Montage von Feuerlöschern im Reaktorgebäude des AKW Leibstadt hatte ein Arbeiter im Jahr 2008 sechs Löcher in die Schutzhülle gebohrt. Obwohl dies erst sechs Jahre später bei einem Kontrollrundgang festgestellt wurde, kommt das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi zum Schluss, die sicherheitstechnische Bedeutung der Bohrlöcher sei gering.

Die Behörde bestätigt frühere Aussagen der Kraftwerksleitung, dass keine unzulässigen radioaktiven Stoffe in die Umwelt gelangt seien. Auch bei einem Störfall hätten die Grenzwerte trotz der Löcher eingehalten können.

Die Löcher im Containment des AKW Leibstadt sind vor sechs Jahren gebohrt und am 24. Juni 2014 entdeckt worden. Inzwischen sind sie zugeschweisst.

Die Löcher im Containment des AKW Leibstadt sind vor sechs Jahren gebohrt und am 24. Juni 2014 entdeckt worden. Inzwischen sind sie zugeschweisst.

Chris Iseli

Das Vorkommnis zeige aber, dass im AKW Leibstadt im Jahr 2008 «bedeutende organisatorische Mängel» bestanden hätten, schreibt die Behörde. Georg Schwarz, stellvertretender Ensi-Direktor und Leiter des Aufsichtsbereichs Kernkraftwerke, hält fest: «Die Qualitätssicherung in der Betriebsorganisation hätte solche Beschädigungen verhindern müssen.»

Mitarbeiter besser schulen

Um ähnliche Fehler künftig zu vermeiden, muss das AKW Leibstadt externe Mitarbeiter bei Revisionen besser betreuen und schulen. Zudem müssten die Arbeiten zur Instandhaltung so gestaltet sein, «dass eine mögliche Beeinträchtigung der nuklearen Sicherheit bereits bei der Planung der durchzuführenden Tätigkeiten erkannt werde», schreibt das Ensi.

Das AKW Leibstadt

Das AKW Leibstadt

Keystone

Das AKW muss überdies sicherstellen, dass eine Qualitätsprüfung durchgeführt und dokumentiert wird. Die Kraftwerksleitung muss dem Ensi alle getroffenen Massnahmen ausführlich darlegen. «Wir werden zudem nächstes Jahr das Thema Mensch und Organisation im Kernkraftwerk Leibstadt besonders eng begleiten», ergänzt Georg Schwarz.

Kraftwerk hat Berichte eingereicht

Karin Giacomuzzi, Leiterin Information im Atomkraftwerk Leibstadt, sagt dazu: «Wir haben dem Ensi schon Ende September und Ende Oktober die geforderten Berichte eingereicht.» Diese legen dar, wie das Kraftwerk die Mängel bei der Einführung und Betreuung externer Mitarbeitender behoben hat. Zudem zeigen sie auf, «wie wir die Instandhaltungsprozesse vor allem bei der Planung der Tätigkeiten sowie bei der Qualitätsüberprüfung verbessert haben».

Unabhängig von den Forderungen des Ensi und den Bohrlöchern habe das Kraftwerk die Prozesse schon früher so angepasst, dass ein derartiger Vorfall heute nicht mehr möglich wäre. Überdies liege seit kurzem eine umfassende Ursachenanalyse eines externen Büros vor. «Diese gibt uns weitere Anhaltspunkte, wo Veränderungen nötig sind, um die Sicherheit und Sicherheitskultur weiter zu verbessern», erläutert Giacomuzzi.

Greenpeace fordert Untersuchung

Greenpeace begrüsst in einer Mitteilung den detaillierten Bericht und die geforderten Massnahmen zur Behebung der Mängel in der Sicherheitskultur im AKW Leibstadt. Stossend sei aber, dass sich das Ensi selbst aus der Verantwortung zu stehlen versuche. «Wir sind enttäuscht, dass der Bericht kein Wort verliert zur Rolle und Verantwortung der Aufsichtsbehörde», sagt Greenpeace-Atomexperte Florian Kasser.

Warum die Löcher nicht entdeckt wurden, obwohl das Regelwerk vorsieht, dass Inspektoren die Schutzhülle regelmässig von Auge prüfen müssen, ist für Greenpeace unverständlich. Deshalb verlangt die Umweltschutzorganisation, die Rolle des Ensi müsse von einer unabhängigen Stelle untersucht werden. Mit dieser Forderung will Greenpeace an Bundesrätin Doris Leuthard gelangen.

Drucktest nur alle zehn Jahre

Georg Schwarz stellvertreten-der Ensi-Direktor und Leiter Aufsichtsbereich Kernkraftwerke: «Die Bohrlöcher wurden so spät entdeckt, weil sie durch Halterungen der Feuerlöscher abgedeckt waren.»

Georg Schwarz stellvertreten-der Ensi-Direktor und Leiter Aufsichtsbereich Kernkraftwerke: «Die Bohrlöcher wurden so spät entdeckt, weil sie durch Halterungen der Feuerlöscher abgedeckt waren.»

zvg

Bei einem sogenannten Leckratentest wären die Löcher aber aufgefallen. Dabei wird der Luftdruck im Innern des Containments stark erhöht. Sinkt der Druck oder ist ein grösseres Volumen als berechnet notwendig, gibt es irgendwo ein Leck. Das Problem bei den Bohrlöchern von Leibstadt: Der letzte Leckratentest wurde im August 2008 vorgenommen – also vor der Montage der Handfeuerlöscher. Der nächste wird laut Georg Schwarz voraussichtlich 2018 durchgeführt.

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