Lengnau
Auf dem «Rütli» des Schweizer Judentums: Das ambitionierte Projekt Doppeltür schreitet voran – bald folgt das Baugesuch

Weitere Geldgeberin, neues Logo und Schulkonzept für Lehrplan 21: Das geplante Besucherzentrum in Lengnau nimmt immer mehr Form an. Der Verein Doppeltür will im Surbtal ab 2023 die jüdisch-christliche Geschichte von Endingen und Lengnau vermitteln. Im Herbst steht ein wichtiger Schritt bevor.

Stefanie Garcia Lainez
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Noch heute zeugen die Doppeltüren an zahlreichen Häusern in Lengnau und Endingen von der jüdischen Geschichte im Surbtal.

Noch heute zeugen die Doppeltüren an zahlreichen Häusern in Lengnau und Endingen von der jüdischen Geschichte im Surbtal.

Alex Spichale

Das Projekt Doppeltür hat internationale Ausstrahlung und war von Anfang an ambitioniert: Ein Besucherzentrum will die jüdisch-christlichen Geschichte von Endingen und Lengnau vermitteln und sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen. Dazu wurde 2016 der gleichnamige Verein Doppeltür ins Leben gerufen. Ab 2023 sollen jährlich rund 30000 Besucherinnen und Besucher nach Lengnau in das neue Besucherzentrum reisen. Das aufwendige Projekt kommt trotz Corona in grossen Schritten voran: Bis im Herbst soll die Baueingabe erfolgen – ein weiterer Meilenstein in der Umsetzung.

Lukas Keller, Präsident des Vereins Doppeltür.

Lukas Keller, Präsident des Vereins Doppeltür.

Chris Iseli

«Klar erschwert Corona die Arbeit», sagt Vereinspräsident Lukas Keller. «Wir sind aber trotzdem gut unterwegs und zufrieden, was wir bisher erreicht haben.» Auch, was die Finanzen betrifft: Viele Stiftungen und privat Personen engagieren sich mit namhaften Beträgen, so kürzlich auch die Ernst Göhner Stiftung.

Bereits im Dezember sprach der Kanton 4,65 Millionen Franken – vier Millionen sind für die Projektumsetzung vorgesehen, 650000 Franken für den späteren Betrieb während der ersten fünf Jahre. Damit rückt der Verein dem Ziel von rund 11,2 Millionen Franken (inklusive einer Million als Reserve) näher. «Wir sind im Fahrplan, aber noch nicht am Ziel.»

Lengnau und Endingen gelten als «Rütli der Schweizer Juden»

Von Ende 1776 bis 1866 waren Lengnau und Endingen die einzigen Ortschaften in der Schweiz, in denen sich Juden dauerhaft niederlassen und eigene Gemeinden gründen durften. Davon zeugen noch heute die Doppeltüren an zahlreichen Häusern. Roy Oppenheim, Publizist und Initiant des Projekts, bezeichnet die beiden Surbtaler Dörfer deshalb symbol- und geschichtsträchtig als das «Rütli der Schweizer Juden».

Im historischen Doppeltürhaus an der Zürcherstrasse in Lengnau, nur wenige Meter von der grossen Synagoge beim Dorfplatz entfernt, soll diese Geschichte bald einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden:

Daniel Weissenbrunner

Zurzeit bereinigt der Verein das im vergangenen Herbst erarbeitete Vorprojekt. «Wir sind dazu mit verschiedenen interessierten Stellen im Kontakt», sagt Keller. Darunter auch die Denkmalpflege, mit der ein konstruktiver Austausch bestehe. Denn Lengnau ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung aufgeführt. Der ehemalige Endinger Ammann sagt:

«Wenn das Vorprojekt sauber ausgearbeitet ist, stellen wir das Baugesuch.»

Auch in anderen Bereichen schreitet das Projekt voran. So hat der Verein seit kurzem ein neues Logo: zwei sich überschneidenden Türen, welche die Annäherung verschiedener Kulturen als Schnittmenge symbolisiert. Auch wurde die Website überarbeitet.

Mobilitätskonzept: Erste Gespräche mit Gemeinderat haben stattgefunden

Eine vertieftere und sensible Betrachtung ist für das Mobilitätskonzept nötig, das die Bedürfnisse des Besucherzentrums, der Bevölkerung und der Umwelt unter einen Hut bringen soll. Ein Verkehrsplaner ermittelte die Frequenzen und den Bedarf. Zurzeit wird das Konzept erarbeitet, das auch regelt, wo die Besucher parkieren können.

«Das Dorfzentrum ist schon eng, gerade auch für Cars», sagt Lukas Keller. Hinzu kommt, dass sich die Gemeinde zurzeit mit der Zentrumsentwicklung beschäftigt, die im Dorfkern, also direkt vor dem Eingang des geplanten Besucherzentrums, eine Begegnungszone mit Tempo 20 als Ziel definiert. «Es braucht deshalb einen regen, gegenseitigen Austausch mit dem Gemeinderat, um unser Konzept und die Zentrumsplanung aufeinander abzustimmen.» Erste Gespräche mit dem Lengnauer Gemeinderat fanden bereits statt.

Von Ende 1776 bis 1866 waren Lengnau und Endingen die einzigen Ortschaften in der Schweiz, in denen sich Juden dauerhaft niederlassen konnten. Dieses Haus steht in Lengnau.

Von Ende 1776 bis 1866 waren Lengnau und Endingen die einzigen Ortschaften in der Schweiz, in denen sich Juden dauerhaft niederlassen konnten. Dieses Haus steht in Lengnau.

Zvg

Seit Anfang dieses Jahres ist beim Verein Doppeltür die Arbeitsgruppe Schulen aktiv: In Kooperation mit pädagogischen Hochschulen und dem Historischen Museum Baden werden Programmideen und Unterrichtsmaterial erarbeitet. Das Angebot soll sich am Lehrplan 21 orientieren. Ende dieses Monats steht ausserdem fest, wie die Ideen und Inhalte des Begegnungszentrums visuell umgesetzt werden. Derzeit läuft ein Wettbewerb mit vier auf räumliche Gestaltung und Szenografie spezialisierten Firmen. Danach starten die ersten Umsetzungsarbeiten.