Koblenz
Studie erstaunt: Täglich passieren 27'000 Fahrzeuge die Grenze – fast doppelt so viele wie bisher angenommen

Noch immer warten das Zurzibiet und der Landkreis Waldshut auf eine grenzüberschreitende Studie, die Zahlen zu den Verkehrsströmen liefern soll. Nun ist auf deutscher Seite ein Gutachten mit ersten Angaben dazu präsentiert worden. Für den Koblenzer Ammann sind die Zahlen «erschreckend» – wenn sie denn zutreffen.

Stefanie Garcia Lainez
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Fahren nun täglich rund 15'000 Fahrzeuge oder deren 27'000 über den Zoll in Koblenz?

Fahren nun täglich rund 15'000 Fahrzeuge oder deren 27'000 über den Zoll in Koblenz?

Alex Spichale/Archiv

Mit Spannung wird in Koblenz und auf deutscher Seite eine umfassende grenzüberschreitende Verkehrsstudie erwartet. Sie hätte diesen Sommer aufzeigen sollen, wie viele Autos und Lastwagen auf beiden Seiten des Rheins unterwegs sind und den Zoll in Koblenz passieren. Wegen Corona verzögert sich die Veröffentlichung aber um rund ein halbes Jahr.

Vor kurzem wurde jedoch auf deutscher Seite ein anderes Gutachten der Öffentlichkeit vorgestellt. Deren Resultat sorgt im Zurzibiet für Staunen: Der Grenzübergang in Koblenz sei mit 27'000 Fahrzeugen pro Tag fast doppelt so hoch belastet als angenommen. In den vergangenen Jahren ging man von rund 15'000 Fahrzeugen täglich aus. Ohne vierspurige Autobahn auf deutscher Seite wären es dereinst gar deren 32'000.

«Nicht nachvollziehbar, woher die Zahlen stammen»

«Das wäre erschreckend», sagt der Koblenzer Ammann Andreas Wanzenried (parteilos). Ob diese Angaben stimmen, dazu könne er sich nicht äussern. Denn: «Für mich ist nicht nachvollziehbar, woher die Zahlen stammen und welche Annahmen getroffen wurden.» Die Verfasser der Studie hätten sich sicher viel überlegt. Dennoch werfe die Präsentation der Studie bei ihm mehr Fragen auf, als dass sie beantworte.

«Was immer noch fehlt, ist eine Gesamtsicht des Verkehrs», sagt Wanzenried. So sei unklar, inwiefern die Flexibilisierung des Zollsystems berücksichtigt wurde. Die Chauffeure sollen sich dereinst einige Kilometer vor dem Zoll online registrieren können und müssten nicht mehr über einen bestimmten Übergang fahren. «Grossräumig aufgesetzte digitale Verkehrslenkungsmassnahmen könnten hier ebenfalls eine Entspannung bringen.»

Auch nicht ersichtlich sei, ob die Elektrifizierung der Hochrhein-Linie auf deutscher Seite miteinbezogen wurde, in welche der Bund 200 Millionen Franken investiert. «Die schnellere und effizientere Bahn mit besserer Verbindung zwischen den beiden Ländern sollte Pendler von der Strasse auf die Schiene verlagern.» Mit Auswirkungen auf den Verkehr in der Region.

Studie sei «Grundlage» für zweite Brücke

Die Studie dient gemäss «Südkurier» als Grundlage für die Planung der Autobahn A98 auf deutscher Seite und einer zweite Rheinbrücke zwischen Koblenz und Waldshut, die zur Verkehrsentlastung beitragen soll. Ein möglicher Standort eines weiteren Rheinübergangs wäre aber auch in Sisseln im Bezirk Laufenburg denkbar, weil dort eine Rheinbrücke die A98 auf deutscher und die A3 auf Schweizer Seite miteinander verknüpfen könnte.

Im vergangenen September unterzeichneten beide Länder in Waldshut eine Absichtserklärung, den Letter of Intent. Das Ziel ist, den grenzüberschreitenden Verkehr entlang des Hochrheins zu verbessern, möglicherweise auch mit einer weiteren Brücke.

Die Experten, welche die nun veröffentlichte Studie erstellten, gehen davon aus, dass sich das tägliche Verkehrsaufkommen in Waldshut ohne die Autobahn A98 um 18,5 Prozent erhöhen würde. Die Zahlen würden somit sowohl für einen Weiterbau der A98 als auch für weitere Brücken in die Schweiz sprechen.

«Die Studie macht Werbung für die Realisierung der A98 im Raum Waldshut», sagt Wanzenried. Eine Autobahn als Ost-West-Verbindung würde jedoch zum einen mehr Verkehr nach Koblenz bringen, könne zum anderen zu einem Abfluss führen. «Doch wie sich diese Zahlen verhalten und entwickeln, wird nicht genügend ersichtlich.» Dabei sei der Blick in die Zukunft wichtig. «Wir möchten den Stau reduzieren. Die Frage ist aber, mit welchen Massnahmen das möglich ist.»

Mit Brücke sie nicht gelöst, wie der Mehrverkehr abfliesst

Ob eine neue Rheinbrücke im Raum Waldshut/Koblenz dafür allein das richtige Mittel ist, bezweifelt er. Zuerst müssten schneller umsetzbare Massnahmen angegangen werden, ist Wanzenried überzeugt. Wie der noch fehlende Ausbau am Brückenkopf Waldshut in Richtung Waldshut oder die Abstimmung der grenzüberschreitenden ÖV-Fahrpläne. Er sagt:

«Auch ist mit einem neuen Brückenstandort nicht gelöst, wie der daraus entstehende Mehrverkehr abfliesst.»

Die notwendigen Begleitmassnahmen beidseitig des Rheins könnten viel teurer sein als die Brücke selbst.

Nach wie vor ist also offen, wie sich welche Verkehrsträger im Raum Waldshut/Koblenz in Zukunft entwickeln und wie diese gelenkt werden könnten. Diese Antworten soll die noch immer ausstehende grenzüberschreitende Studie liefern.

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