Zurzibiet
Dank starkem Euro geht Einkaufstourismus zurück – wieso Gewerbler trotzdem nicht jubeln

Der Euro ist wieder teurer, das Einkaufen im grenznahen Deutschland verliert damit an Attraktivität. Doch ist das schon die Trendwende? Das sagen die Gewerbetreibenden in der Grenzregion.

Andreas Fretz
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Der Einkaufstourismus hat seinen Höhepunkt überschritten. Trotz Lichtblick wird vor Euphorie gewarnt.Keystone

Der Einkaufstourismus hat seinen Höhepunkt überschritten. Trotz Lichtblick wird vor Euphorie gewarnt.Keystone

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Die fetten Jahre für den deutschen Einzelhandel entlang der Schweizer Grenze scheinen vorbei. Der Einkaufstourismus hat seinen Höhepunkt überschritten. Das belegt zumindest die Statistik für den Rückerstattungsanspruch: Die Zahl der abgestempelten Ausfuhrscheine, um die deutsche Mehrwertsteuer von 19 Prozent zu kassieren, hat 2017 im Bundesland Baden-Württemberg erstmals seit über zehn Jahren abgenommen. Der in den letzten Wochen erstarkte Euro dürfte diese Entwicklung weiter unterstützen. Ist das die Trendwende im Einkaufstourismus?

«Der Wechselkurs bewegt sich aus Sicht der Grenzregion Zurzibiet in eine positive Richtung», sagt Peter Andres, Geschäftsführer des Wirtschaftsforums Zurzibiet. Um konkrete Zahlen zu nennen, sei es aber noch zu früh.

Von einem «Lichtblick» spricht Josef Haus, Vizepräsident des Gewerbevereins Rheintal-Studenland. Nach Jahren des Ächzens und Klagens sei das «eine erfreuliche Entwicklung». Haus warnt aber vor zuviel Euphorie: «Der grösste Feind unseres Detailhandels ist das Internet und nicht der Einkaufstourismus.»

Ende einer Extremsituation

Auch Andres relativiert: «Der Wechselkurs – das sagt ja schon das Wort – ist stets Schwankungen unterworfen. Das war zu D-Mark-Zeiten nicht anders.» Wichtig sei, dass stabile Verhältnisse herrschten. «Ein verlässlicher Wechselkurs ist wichtig. Als die Schweizerische Nationalbank Anfang 2015 die Untergrenze aufgehoben hatte, herrschte eine Extremsituation.»

Eine Extremsituation, die Einkaufstouristen und den deutschen Einzelhandel freute. Noch vor einem Jahr zahlten Schweizer in Deutschland – kursbedingt – 12 Prozent weniger. Heute fahren Deutsche, die im Zurzibiet einkaufen, 12 Prozent günstiger. Die Detailhandelsriesen Migros und Coop spüren in ihren Grenzfilialen bereits einen Effekt. Beide betreiben in Bad Zurzach je einen Supermarkt. «Wir stellen seit einiger Zeit eine Stagnation der Auslandseinkäufe von Schweizern fest, die sich positiv auf unsere Grenzfilialen auswirkt. Die Stärkung des Euros hilft da sicher mit», sagt Andrea Bauer, Mediensprecherin der Genossenschaft Migros Aare. «Auch Kunden aus Deutschland kommen wieder vermehrt in unsere Grenzfilialen», so Bauer.

Besonders beliebt bei den deutschen Kunden seien spezifische Marken von Teigwaren, Kaffee, Käse und Schokolade, die man in deutschen Supermärkten nicht finde. Die Tendenz, dass «Kunden, die im Ausland eingekauft haben, wieder vermehrt in der Schweiz einkaufen», bestätigt auch Coop-Mediensprecherin Alena Kress.

Diese Entwicklung wird auch von Deutscher Seite bestätigt. In Städten wie Waldshut oder Konstanz machen Einzelhändler über 50 Prozent ihres Umsatzes mit Schweizer Kunden. Seit letztem Herbst, sagt Olaf Kather, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Südbaden, sei die Abnahme der Kunden aus der Schweiz signifikant und das setze sich auch in den ersten Monaten dieses Jahres fort. Spürbar sei das vor allem in der Möbelbranche und im Handel mit Unterhaltungselektronik.

«Die Zurückhaltung der Einkaufstouristen hat nach Ansicht des Verbandes damit zu tun, dass der Euro für die Schweizer teurer geworden ist, Waren in der Schweiz billiger wurden und die Politik die Nachbarn dränge, doch wieder im Heimatland zu kaufen», schreibt der «Südkurier». Andererseits zogen die Preise ab 2010 in Süddeutschland an. Die Milliarden, die Schweizer Einkaufstouristen brachten, befeuerten die Preisaufschläge. Dennoch seien die Eidgenossen nach wie vor ein wichtiger Faktor für den Einzelhandel entlang der Grenze. In der Zukunft aber, glauben die Einzelhandelsfunktionäre, werde der Rückgang des Schweizer Kaufinteresses anhalten, darauf müsse sich der Markt einstellen.

Insgesamt sind an den Zollämtern des Hauptzollamtes Singen – der Bezirk erstreckt sich von Waldshut bis Konstanz – im Jahr 2017 rund 10,79 Mio. Ausfuhrscheine abgestempelt worden. Das sind gegenüber dem Vorjahr immerhin 4 Prozent oder 440'000 grüne Zettel weniger. Das Hauptzollamt Lörrach vermeldete für 2017 einen Rückgang von 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch die Tendenz verstärkt sich im neuen Jahr. Seit Anfang 2018 spüre man einen Rückgang um etwa 5 Prozent.

Gegen leere Schaufenster

Josef Haus vom Gewerbeverein hofft, dass nebst den Detailhandelsriesen auch die regionalen KMU von der Kursentwicklung profitieren. Zumindest freut er sich, dass in der Bad Zurzacher Schwertgasse unlängst ein Weinhändler und eine Geschenkboutique eröffnet haben. Auch für das Ladenlokal, wo früher Steiner Optik ansässig war, wurde ein Nachfolger gefunden. «Es ist wichtig, dass die grossen Schaufenster nicht leer stehen», sagt Haus, «das sendet ein Signal aus.»

Auch bei den Verantwortlichen des Thermalbads Zurzach nimmt man den Aufstieg des Euro wahr. Geschäftsführer Dominik Keller sagt: «Wir haben grosse Freude an der aktuellen Entwicklung des Wechselkurses. Dadurch haben wir bei uns mehr deutsche Gäste und erhoffen uns dadurch einen weiteren Zuwachs.» Im ersten Quartal 2018 nahm die Gästezahl um 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu.

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