Bezirksgericht Zurzach
Aussage gegen Aussage: Schlug und bedrohte er sie – oder sind das alles Lügen?

Drohungen und Tätlichkeiten: Ein ungleiches Paar tischte vor dem Bezirksgericht Zurzach komplett unterschiedliche Versionen auf.

Louis Probst
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Ob der Mann gegen seine ehemalige Lebensgefährtin tätlich wurde, blieb vor Gericht unklar. (Symbolbild)

Ob der Mann gegen seine ehemalige Lebensgefährtin tätlich wurde, blieb vor Gericht unklar. (Symbolbild)

KEYSTONE/DPA/Maurizio Gambarini

«Das ist alles erfunden – nichts ist wahr», erklärte der Beschuldigte. «Das sagt er immer», widersprach die Klägerin. «Ich habe nicht gelogen. Das ist alles die Wahrheit.»

Vor Gerichtspräsident und Einzelrichter Cyrill Kramer fand sich das ungleiche Paar – er in den Sechzigern, sie um einiges jünger – wieder, nachdem die Frau ihren einstigen Gefährten angezeigt hatte. Gemäss Anklage hatte der Beschuldigte die Frau regelmässig geohrfeigt, sie mehrmals am Hals gepackt, seine Faust vor ihrem Gesicht geschüttelt und ihr angedroht, sie niederzuschlagen.

Busse und Gefängnisstrafe auf Bewährung

Die Staatsanwaltschaft forderte wegen mehrfacher Drohung und mehrfacher Tätlichkeiten eine bedingte Freiheitsstrafe von drei Monaten sowie Bussen von insgesamt 3800 Franken. Zudem beantragte sie den Widerruf des bedingten Aufschubes von zwei happigen Geldstrafen aus früheren Verfahren.

«Ich habe mich bedroht gefühlt», erklärte die Klägerin. «Ich habe immer noch Angstattacken und psychische Probleme.» Auf die Frage, weshalb sie erst Monate nach den Vorfällen Anzeige erstattet habe, sagte sie: «Ich musste mich erst sammeln. Es geht mir heute noch nicht gut. Zudem bin ich im Ausland bei meiner Mutter gewesen.» Und auf die Frage, weshalb sie den Beschuldigten denn nicht einfach verlassen habe, entgegnete sie:

«Anfänglich war er nicht so. Er ist auch immer wieder mit Blumen und Pralinen gekommen, hat geweint und um Verzeihung gebeten.»

«Ich nehme das zur Kenntnis», meinte der Beschuldigte. «Das schockt mich. Alle haben mich vor ihr gewarnt. Jetzt habe ich die Quittung. Die Vorwürfe stimmen alle nicht. Sie hat mich gepackt, als ich die Schlüssel
zurückwollte. Sie ist viel stärker als ich. Ich bin ein alter Mann.» Bei diesen Schlüsseln ging es um solche für ein Auto, das der Beschuldigte – so die Klägerin – ihr geschenkt habe. Der Beschuldigte dagegen betrachtete das Auto als «Investition in die gemeinsame Zukunft». Er hatte denn auch Anzeige gegen sie erstattet. Zu einem Verfahren war es jedoch nicht gekommen.

Der Beschuldigte bestätigte, dass man sich, einen Monat nachdem man sich aufgrund einer Verwechslung kennen gelernt hatte, verlobt habe. «Sie setzte dann Druck auf, wollte heiraten», sagte er. «Ich habe aber keine Zukunft gesehen. Es kann sein, dass ich ihr gegenüber die Nerven verloren habe. Aber ich habe sie nie geschlagen. Vielleicht habe ich sie verbal eingeschüchtert, weil ich eine laute Stimme habe. Ich bin manchmal sauer geworden und habe unschöne Ausdrücke verwendet.» Zur drohenden Strafe sagte er:

«Das kann ich nicht akzeptieren. Es gibt keinen Grund, mich zu bestrafen. Ich bin bestohlen worden.»

Die Klägerin dagegen fand, dass er unbedingt bestraft werden müsse. «Mein Leben ist nicht mehr, wie es einmal war.» Der Gerichtspräsident sprach den Beschuldigten von Schuld und Strafe frei. Die Verfahrenskosten gehen auf die Staatskasse. «Die Anklageschrift ist relativ vage gefasst», erklärte er in der mündlichen Begründung des Urteils. «Die Angabe ‹zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt› zieht sich durch die gesamte Anklage.»

Dass die Klägerin just im Anschluss an ihre Befragung zum Vorwurf der Veruntreuung des angeblich geschenkten Autos ihrerseits Klage erhoben habe, lasse gewisse Zweifel wecken. Es sei nicht so, dass der Klägerin Unwahrheit vorzuwerfen wäre. Aber es gebe keine Zeugen. Aussage stehe gegen Aussage. Der Nachweis der Staatsanwaltschaft reiche nicht. Daher müsse ein Freispruch erfolgen. Es bleibe letztlich offen, was die Wahrheit ist.

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