Gontenschwil
Sechs Beizen auf 2000 Einwohner: Was ist Gontenschwils Geheimrezept?

Das Dorf Gontenschwil zählt sechs Restaurants – jedes hat seine Eigenheit, deshalb können sie überleben. Und: Die Wirte leben sich nicht zu Leide, sondern lassen einander in Ruhe. So schafft sich jeder seine Nische.

Barbara Vogt
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«Geisshof»: Fischspezialitäten.
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«Waage»: Preisgünstige Menüs.
«Löwen»: Gut bürgerliche Küche.
«Helvetia»: Persönliche Bedienung.
«Bad Schwarzenberg»: Exklusive Karte.
Beizen-Serie: Gontenschwil - das Dorf der sechs Beizen

«Geisshof»: Fischspezialitäten.

Barbara Vogt

«Löwen», «Pinte», «Helvetia», «Waage», «Bad Schwarzenberg», «Geisshof». So heissen die sechs Gasthöfe in Gontenschwil. Es sind meistens Betriebe, die über Generationen oder Jahrzehnte hinweg geführt worden sind und eine langjährige Tradition haben.

Trotzdem ist es erstaunlich, dass ein Dorf mit etwas mehr als 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern eine solch vielfältige Beizenlandschaft aufweist. Viele Gemeinden darben ohne richtiges Lokal dahin oder jammern über den steten Wirtewechsel. Gemeindeammann Renate Gautschy erklärt sich das Phänomen in Gontenschwil so: «Die Gemeinde hat ein lebendiges Gemeinschaftsleben. Bevölkerung, Vereine und Parteien berücksichtigen die Restaurants. Wir haben zudem viele Wanderer, die in den Lokalen einkehren oder auswärtige Gesellschaften, die in einem davon essen.»

Hoher Besuch im Restaurant Helvetia: Maria bekochte russischen Botschafter

Die Beizen in Gontenschwil werden nicht nur von Geschäftsleuten aufgesucht, sondern auch von anderen Persönlichkeiten. Vor vielen Jahren besuchte ein russischer Botschafter mit seiner Entourage auf seiner Durchfahrt die Zschokke-Sammlung im Museum und speiste danach mit Gemeindeammann Renate Gautschy zu Mittag. «Gehen wir zu Maria ins ‹Helvetia», schlug sie vor. Maria deckte den runden Familientisch mit einem blütenweissen Tischtuch, stellte eine Kerze darauf und tischte der hohen Gesellschaft Zürich-Geschnetzeltes und zum Dessert gebrannte Creme auf. Die Gäste assen, tranken (auch Wodka), sassen auf dem gemütlichen Ofenbänkli und vergassen darüber die Zeit. Erst abends liess sich der russische Botschafter wieder zurück nach Bern chauffieren, so gut gefiel es ihm bei Maria. «Das ist eben die einfache Gasfreundschaft und Herzlichkeit, die in den Restaurants in Gontenschwil gepflegt wird», sagt Renate Gautschi. (BA)

Auch würden sich Angestellte der einheimischen Industriebetriebe in Gontenschwil verpflegen. Insbesondere Businessleute schätzten die einfache, gutbürgerliche Küche der Restaurants. Renate Gautschy sagt, dass die sechs Betriebe nur dank Engagement ihrer Betreiber existieren könnten. «Jeder einzelne Wirt chrampft und steckt sein Herzblut in seine Beiz.»

Die sechs Restaurants in Gontenschwil zu finden, ist nicht so einfach: Der «Löwen» und die «Pinte» liegen in Quartieren, zwischen hübschen Häusern und alten Bauernhöfen. Sie haben sich ihre Stammkundschaft durch ihre qualitätsvolle Küche aufgebaut und ziehen dadurch Auswärtige an. «Die Einheimischen haben ihre Stammbeiz», stellt die Wirtin der Pinte, Katharina Gütiger, fest. Die Vereine berücksichtigen alle Beizen und besuchen sie abwechslungsweise.

Wirt muss präsent sein

Die «Waage», die als einziges Restaurant an der Hauptstrasse liegt, wird vom deutschen Wirten Erich Ritter geführt. Er kocht preisgünstig und verköstigt Handwerker und Leute auf der Durchfahrt.

Die Wirtin des «Helvetia», die über 70-jährige Maria Joller, profitiert davon, dass ihr Restaurant nahe bei Schule und Gemeindeverwaltung liegt und dadurch die Angestellten und Lehrer bei ihr essen. Eigentlich möchte sie das «Veti» übergeben, doch hat sie bis jetzt keinen Nachfolger für ihr Restaurant gefunden. Noch immer kocht sie selber, backt Pizzen und betreut ihre Gäste.

Der Gasthof Bad Schwarzenberg ist für seine gute Küche über die Gemeinde- und Kantonsgrenze hinweg bekannt. «Mit der Küche allein ist es aber nicht getan», sagt Besitzer Dieter Roth. «Service, Ambiente müssen stimmen und der Wirt muss präsent sein.»

Auch der Gasthof Geisshof, der Tradition hat, und von dem man eine wunderbare Sicht übers Tal geniesst, zieht durch seine Fischspezialitäten Auswärtige an.

Wirte sitzen in andere Beiz

Jede Beiz in Gontenschwil habe ihr eigenes Angebot und dadurch auch ihre Berechtigung, findet Tanja Bolliger vom «Löwen». «Das gibt es nicht in vielen Dörfern.» Gibt es trotzdem eine Konkurrenz zwischen den Wirten? «Wir fallen uns nicht gerade um den Hals», sagt Dieter Roth vom «Bad Schwarzenberg», «doch lassen wir einander in Ruhe.» Jeder Beizer habe seine Qualität, sagt Erich Ritter von der «Waage». «Wenn wir einander respektieren, funktionierts.»

«Pinte»-Wirtin Katharina Gütiger findet, es bringe nichts, schlecht über die anderen Beizer zu reden. «Jeder kämpft, damit er überleben kann.»

Die Restaurants würden sich untereinander absprechen und nicht gleichzeitig Ferien machen. «Hin und wieder kehren wir sogar beim anderen ein.»

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