Schöftland
Pikardie – Ein Stück Frankreich im Suhrental

Hat der Schöftler Ortsteil Pikardie seinen Namen von der nordfranzösischen Provinz? Im Dreissigjährigen Krieg sollen hier angeblich französische Soldaten interniert gewesen sein, die den Namen aus ihrer Heimat mitgebracht hätten.

Andreas Fahrländer
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Picardie, Pikardie oder gar Pikardey? Wie der Schöftler Ortsteil richtig geschrieben wird, ist bis heute nicht ganz klar.

Picardie, Pikardie oder gar Pikardey? Wie der Schöftler Ortsteil richtig geschrieben wird, ist bis heute nicht ganz klar.

Andreas Fahrländer

Vom Schöftler Schloss aus führt die Picardiestrasse über die Schnellstrassenüberführung in den Ortsteil Pikardie, mit K geschrieben. Woher der Name der Pikardie in Schöftland stammt, ist ein Rätsel. Hat eine französische Provinz Pate gestanden?

Die Picardie mit C liegt eine Autostunde nördlich von Paris. Die Provinzhauptstadt Amiens ist berühmt für ihre prächtige Kathedrale – notabene die grösste Kirche Frankreichs. Hier teilte im 4. Jahrhundert der Heilige Martin seinen Mantel mit dem Bettler.

Alt Gemeindeammann Rudolf Bolliger, der auf dem Bauernhof an der Picardiestrasse lebt, hat von seinen Eltern gehört, dass in der Pikardie einst internierte Franzosen einquartiert gewesen seien. Seine Frau Christine Bolliger präzisiert: «Angeblich gab es hier Soldaten aus der Picardie im Dreissigjährigen Krieg. Wenn die drüben im Dorf in der Wirtschaft waren, sagten sie zum Abschied jeweils ‹Wir gehen heim in die Picardie!› Die Einheimischen haben den Namen dann wahrscheinlich übernommen.» Gemeindeschreiber Rudolf Maurer kennt diese Erzählungen auch aus seiner Kindheit. Allerdings habe er auch schon gehört, diese Erklärung könne so nicht stimmen.

Schriftliche Erwähnung 1782

Die Einquartierung von Soldaten hat in Schöftland jedenfalls eine lange Geschichte. Im Dreissigjährigen Krieg (1618-1648) gab es tatsächlich französische und deutsche Soldaten, die im Berner Aargau untergebracht waren. Umkämpft war damals allerdings vor allem das Fricktal, die Aargauer Südtäler dienten bloss als Durchgangsstation. Der Name Pikardie taucht spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Eine erste schriftliche Erwähnung des Flurnamens ist im sogenannten «Regionbuch» von 1782 nachzuweisen. In dieser Bestandesaufnahme von Gütern und Höfen sind 12 Häuser in der Pikardie verzeichnet. Im «Geographisch-statistischen Handlexikon der Schweiz für Reisende und Geschäftsmänner», das 1822 bei Heinrich Remigius Sauerländer in Aarau erschienen ist, findet sich der Eintrag: «Pikardey, zerstreute Häuser in der Pfarre und dem Kreise Schöftland, im Aargauischen Bezirk Kulm».

Mit C oder mit K?

Die Schreibweise variiert bis heute. Während die Strasse mit C wie im Französischen geschrieben wird, heisst die Bushaltestelle Pikardie. Rudolf Maurer erklärt: «Bei der Überarbeitung der Flurnamen im Zuge der letzten Güterregulierung haben wir uns auf die Schreibweise mit K geeinigt. Die Strasse allerdings behielt die französische Schreibweise mit C.»

Im sächsischen Dresden gibt es übrigens einen Namensvetter. Der kleine Platz «An der Pikardie» erhielt seinen Namen nicht von französischen Soldaten, sondern nach einem Bauern namens Picard, der dort Land besass. Vielleicht gibt es für die Schöftler Picardie ja eine ganz ähnliche Erklärung? In der Schweiz gibt es heute 119 Telefonbucheinträge für den Namen Picard – immerhin sechs davon im Aargau.

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