Prozess
Notorischer Prügler: «Lieber tot als eine stationäre Behandlung»

Vor dem Bezirksgericht Kulm stand zum wiederholten Mal ein heute 46-jähriger Mann mit einer Persönlichkeitsstörung. Das Gericht verurteilt den notorischen Prügler zu Gefängnis und einer therapeutischer Massnahme.

Bastian Heiniger
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Martin – Trinker, Süchtiger, Schläger – wurde vom Gericht zu Gefängnis und therapeutischer Massnahme verurteilt

Martin – Trinker, Süchtiger, Schläger – wurde vom Gericht zu Gefängnis und therapeutischer Massnahme verurteilt

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Der Beschuldigte befindet sich zwar nicht mehr in Freiheit, er tut aber so. Als ihn zwei Polizisten in Handschellen und Fussfesseln in den Gerichtssaal führen, begrüsst er einen Freund und reisst Witze.

Während dem Prozess beginnt er plötzlich zu lachen. So einen Schmarren, habe er noch nie gehört, unterbricht er das Plädoyer des Staatsanwalts.

Er gestikuliert und argumentiert, so als hätte er alles um sich herum vergessen, als befände er sich in einer lebhaften Diskussion am Stammtisch. Psychopathische Züge, attestiert ihm der Staatsanwalt. Von hoher Intelligenz seines Mandanten spricht der Verteidiger.

Martin*, 46, steht nach über einem Jahr zum zweiten Mal vor dem Bezirksgericht Kulm. Ein Urteil fiel damals nicht.

Stattdessen sollte ein neues Gutachten klären, ob Martin eine psychische Störung hat und wie gefährlich er tatsächlich ist. Es soll den Richtern helfen zu entscheiden, ob Martin verwahrt werden muss.

Die Liste der beschuldigten Tatbestände ist lang. Mal fuhr er ohne Ausweis, mal unter Alkohol, mal hatte er Marihuana bei sich, mal feuerte er mit einer Pumpaction auf ein Feld.

Dann soll er einen leicht behinderten jungen Mann verprügelt, ihm ein Messer an den Hals gehalten und gesagt haben: «Das nächste Mal ramme ich es dir in die Kehle.»

Das aber war nicht der Hauptanklagepunkt. Der junge Mann zog später seinen Strafantrag zurück. Im vorzeitigen Strafvollzug sitzt Martin wegen einer Tat, die er Ende 2012 beging.

Tritte ins Gesicht des Opfers

Damals ging er um 22 Uhr zu einem Mann, um ihn zu verprügeln. Als dieser flüchten wollte, erhielt er Schläge in die Rippen. Gemäss Anklageschrift zückte Martin eine 9mm, hielt sie dem Mann ins Genick und befahl ihm, sich niederzuknien. Dann schlug er ihm mit dem Pistolengriff auf den Kopf.

Das mit der Pistole bestreitet Martin. Und das Gericht spricht ihn zumindest in diesem Punkt frei. Ob Martin, eine Waffe bei sich trug, kann die Staatsanwaltschaft nicht beweisen.

Denn beim Opfer deuten keine Verletzungen auf einen Schlag mit der Pistole hin. Bei der Einvernahme aber gab Martin zu, geschlagen und getreten zu haben – auch als das Opfer bereits am Boden lag. «Mit Schuhen und Fäusten mitten in die Fresse», sagte er damals.

Dass Martin eine angemessene Strafe antreten soll, streitet nicht einmal sein Verteidiger ab. Vor Gericht ging es nur noch um eine frage: Verwahrung oder Therapie. Der Staatsanwalt forderte die Verwahrung.

Der Beschuldigte habe als 16-Jähriger zum ersten Mal gegen das Gesetz verstossen und sei unterdessen 13 mal verurteilt worden.

Er zeige weder Reue noch Einsicht, gehe rücksichtslos vor und habe seine Opfer zufällig ausgesucht. Martin sei gemeingefährlich. Und das Risiko auf eine Wiederholungstat zu hoch. «Der Beschuldigte verbrachte sein halbes Leben im Gefängnis – geholfen hat es offenbar nicht.»

Jahrelange Therapie gefordert

Auch Marc Graf, Klinikdirektor Forensisch Psychiatrische Klinik Basel, sieht kaum Hoffnung auf eine Besserung. Graf erstellte das psychiatrische Gutachten.

Beim Prozess sagt er: Martins Persönlichkeitsstörung würde eine jahrelange stationäre Behandlung erfordern. «Die Chancen auf Heilung ist gering, selbst wenn er kooperiert.»

Nur: Davon ist nicht auszugehen. Martin sagt: «Lieber tot, als eine stationäre Therapie.» Für zehn Stunden pro Tag würde da sein Leben von Sozialarbeitern, Therapeuten und Psychiatern bestimmt. Das seien nur Versuche an einem Menschen, helfe aber nicht, sagt Martin.

Vielmehr wünscht er sicht eine ambulante Behandlung. Und dafür hat er sich auf eigene Initiative bereits einen geeigneten Therapeuten ausgesucht.

Ein Strafprozess sei kein Wunschkonzert, sagt der Gerichtspräsident. Das Gericht verurteilt Martin zu einer Gefängnisstrafe von viereinhalb Jahren und einer stationären Behandlung.

Diese müsse den Täter ja nicht heilen, sagt der Gerichtspräsident. Sie müsse lediglich sicherstellen, dass er keine Straftaten mehr begehe. Wird sich Martin, wie angekündigt, der Behandlung widersetzen, droht ihm dennoch die Verwahrung.

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