Muhen
Mit Selbstwert zum Erfolg – das ist das Motto vom Wendepunkt

Seit einem Jahr ist Markus Hoffmann Betriebsleiter im Sozialunternehmen Wendepunkt in Muhen.

Flurina Dünki
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Markus Hoffmann auf der «Wendepunkt»-Terrasse.

Markus Hoffmann auf der «Wendepunkt»-Terrasse.

Colin Frei

Markus Hoffmann war ein zielstrebiger junger Mann, hatte eben seine Lehre zum Konstrukteur beendet und das Studium Maschinenbau begonnen – als er plötzlich innehalten musste. «Die Richtung, die ich eingeschlagen hatte, war mir zu einseitig, zu sehr auf das Technische fokussiert», sagt der heute 46-Jährige. Eine Neuorientierung drängte sich auf. Aber wohin sollte diese führen?

Um das herauszufinden, ging Hoffmann erst einmal weit weg. Nach Afrika. Mit einer Jugendorganisation reiste er nach Guinea und Malawi. Dort packte er beim Hausbau an und arbeitete in einem Waisenhaus. Nach diesem Zwischenjahr wusste er: Der Mensch sollte ins Zentrum seiner Arbeit rücken.

Menschen unterstützen, das ist heute tatsächlich der Kern seiner Arbeit. Seit 2010 arbeitet er im Sozialunternehmen Wendepunkt in Muhen. Dieses bietet neben angepassten (geschützten) Arbeitsplätzen für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung Programme zur Wiederintegration in den Arbeitsmarkt oder zur vorübergehenden Beschäftigung von Stellensuchenden, vorzeitigen Schulabgängern und Asylsuchenden.

In der Küche der Konditorei und Confiserie weiss der Besucher nicht, wer genau zu welcher Klientensparte gehört. Und das ist auch nicht nötig. Eifrig wird der hauseigenen Müeslimischung der fruchtige Touch verpasst oder die Eistorte für den Catering-Auftrag zusammengesetzt. Auch die Klientin, die einen Geburtstagskuchen mit Kerzen garniert, ist äusserst konzentriert: Alle Abstände zwischen den Kerzen müssen gleich sein.

Den Menschen Selbstwert wieder zurückgeben

«Mit meiner Arbeit kann ich helfen, Menschen wieder in die Arbeit und damit in die Gesellschaft zu integrieren», sagt Hoffmann. «Wir können ihnen Selbstwert zurückgeben.» Treffen könne Arbeitslosigkeit jeden, Umstände dafür gäbe es viele. Hoffmann trat als Leiter Montage/Verpackerei in den «Wendepunkt» ein, dazu kam später der Posten des stellvertretenden Betriebsleiters. Am 1. Januar 2019 wurde er zum Betriebsleiter befördert. Damit trägt er seit einem Jahr die Verantwortung für alle sechs Arbeitsbereiche. Neben Montage/Logistik sind das Konditorei/Confiserie, Gartenbau, Gastronomie, Allroundservice und das Restaurant Laterne in der Aarauer Altstadt. 30 Mitarbeiter sind ihm unterstellt, die mit den 165 Wendepunkt-Klienten arbeiten.

Aus dem Suhrental stammt der neue Betriebsleiter nicht, das verrät sein Ostschweizer Dialekt. «Ich bin aus dem Appenzellerland», sagt er, und seinem Schmunzeln ist zu entnehmen, dass er oft nach seiner Herkunft gefragt wird. Wie kommt also ein Appenzeller in den Müheler Betrieb? Die Suche nach einem Beruf mit Sinn hat Hoffmann nach der Rückkehr aus Afrika schnell einmal nach Aarau geführt. Dort absolvierte er am Theologisch-Diakonischen Seminar TDS die Ausbildung zum Sozialdiakon. Der Aargau war kein unbekanntes Pflaster mehr.

Als er sich vor 10 Jahren im Stellenbeschrieb der Stiftung Wendepunkt wiedererkannte, zögerte er nicht lange. Inzwischen wohnt er mit seiner fünfköpfigen Familie seit über sechs Jahren in Niederlenz.

Auch Hoffnung und Perspektive sind Erfolge

Kann er nach seinem ersten Jahr als Betriebsleiter auf Erfolge zurückblicken? Gerade diese seien in seiner Branche schwer zu messen, weil sie von vielen Faktoren abhängten, sagt Hoffmann. Es gelte, wirtschaftliche Ziele zu erreichen und gleichzeitig Förderziele mit den Klienten. «Aber ja, trotz der grossen Herausforderung können wir von Erfolg sprechen», sagt er. «Viele schaffen den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt, viele der IV-Klienten werden in ihrer psychischen Beeinträchtigung nach eigenen Aussagen stabil.» Hierzu beitragen, ist Hoffmann überzeugt, würden Wertschätzung, sinnstiftende Arbeit und festigende Tagesstrukturen. «Es zählt nicht nur Messbares. Jeder noch so kleine Schritt, der den persönlichen Lebenslauf mit Hoffnung und Perspektive belebt, ist ein Erfolg.»

Viel zu tun gab dem neuen Betriebsleiter im vergangenen Jahr der Bereich Konditorei. Diesen richtet das Unternehmen momentan neu aus. Hatte man bisher eine sehr breite Angebotspalette, will man sich nun klarer fokussieren. Vor allem auf Kuchen und Torten. In der Küche und Backstube sieht man diesen Fokus bereits.

«Als Sozialunternehmen stellen wir den Mitarbeiter und die Klienten in den Mittelpunkt», sagt Hoffmann. Langfristig führe dies auch zu guten Geschäftszahlen. Eine Strategie, findet der Betriebsleiter, die auch in «normalen» Unternehmen Schule machen könnte.