Zetzwil
In der Chäsi muss die Milchkanne dem Suppentopf weichen

In der Chäsi Zetzwil kommt zu wenig Milch für einen Tanklastwagen zusammen, deshalb kann ab Ende Monat keine Milch mehr abgeliefert werden. Ruhe kehrt in der Chäsi deswegen aber nicht ein.

Alice Hell und Rahel Plüss
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Noch eine Woche fährt Verena Haller aus Zetzwil die Milch in die Chäsi.Alice Hell

Noch eine Woche fährt Verena Haller aus Zetzwil die Milch in die Chäsi.Alice Hell

Noch bringen zweimal täglich fünf Bauern – zwei aus Zetzwil, zwei aus Oberkulm und einer aus Gontenschwil – ihre Milch zur Abnahme in die Käserei Zetzwil. Aber die Tage, an denen Landwirte per Traktor die Milchkannen zur Käserei fahren, sind gezählt: Ab 1. März wird dort keine Milch mehr angenommen.

Bei den grossen Milchproduzenten, Zetzwil hat im Moment drei aktive, wird die Milch von einem Tanklastwagen abgeholt. «Der kommt aber erst ab 150 000 Kilogramm Jahresmindestmenge», sagt Martin Götti. Er ist der grösste Milchproduzent in Zetzwil und Kassier in der Käsereigenossenschaft.

Ein Tank mit Kühlung sei für die Milchlagerung Voraussetzung, denn der Lastwagen komme natürlich nicht zwei Mal am Tag und die Milch müsse gemäss Lebensmittelgesetzgebung innerhalb von vier Stunden auf vier Grad heruntergekühlt werden.

Nachdem die beiden kleineren Zetzwiler Milchproduzenten nun ihre Milch nicht mehr zweimal am Tag in die Chäsi bringen können, müssen sie eine andere Lösung finden. Vorgesehen ist, dass sie sich einen mobilen Kühltank anschaffen und die Milch alle zwei Tage zur Abnahmezeit durch den Lastwagen auf den Hof von Martin Götti bringen. Von dort wird sie dann zur grössten Schweizer Milchverarbeiterin, zu Emmi, nach Suhr gefahren.

«In Oberkulm werden die Milchproduzenten untereinander eine ähnliche Lösung wie wir finden», sagt Martin Götti. Der Gontenschwiler Bauer indes werde seine Milch aller Voraussicht nach zweimal täglich zur Sammelstelle Leimbach fahren – mit dem Auto statt dem Traktor, aber noch immer in der guten alten Milchkanne.

Suppe und Sauce statt Käse

Wer glaubt, in der Zetzwiler Chäsi sei jetzt nichts mehr los, hat sich getäuscht. Seit August wird dort gekocht. Die Käsereigenossenschaft hat die Räumlichkeiten an die Firma «Best Chef» vermietet. Inhaberin ist Ruth Brauen, ihr Bruder André Heiniger Produktionsberater. Beide wohnen in Kölliken. «Wir produzieren Suppen und Saucen ohne Geschmacksverstärker und ohne Farbstoffe», sagt André Heiniger.

Ihre Palette reiche von der Bündner Gerstensuppe über Hummersuppe bis zur Kokos-Limettensuppe und Dressings für Fleisch und Salate. Viele der 33 Produkte seien vegetarisch oder glutenfrei. «Wir erleichtern den Köchen die Arbeit. Trotzdem kann jeder seine Handschrift mit eigenem Finish dazugeben», erklärt Heiniger.

Geliefert wird beispielsweise an Metzgereien und an die Globus-Delikatessengeschäfte in der Schweiz. «Wir hatten auch schon Anfragen von Fitnesszentren und Bars, bei denen eine schnelle, gesunde Verpflegung gewünscht wird.»

André Heinigers Fachkenntnisse ergänzen die Produktion. «Wir schauten verschiedene, nicht mehr benutzte Käsereien an», so Heiniger. In Zetzwil fanden die beiden eine Lokalität, die ihren Bedürfnissen und den Anforderungen der Lebensmittelkontrolle entspricht: abgeschlossene Räumlichkeiten, weiss gekachelt bis oben.

Anschaffungen, wie ein 150-Liter-Chromstahltopf, bei dem Temperatur und Rührwerk automatisiert sind, verwandeln die Käserei in eine gut eingerichtete Grossküche. Ein Drucksteamer, ein universeller Backofen sowie ein Abfüllanlage gehören ebenfalls dazu.

Zukunft ungewiss

Was mit der 1884 gegründeten Käsereigenossenschaft an der Hauptstrasse geschieht, ist noch ungewiss. Die Dreizimmerwohnung im oberen Teil der Käserei ist vermietet. Mit «Best Chef» besteht ein Mietvertrag für zwei Jahre. «Was nachher mit dem Gebäude passiert, steht in den Sternen», sagt der seit 1992 amtierende Präsident der Käsereigenossenschaft, Theo Mosimann.

Sicher ist, dass in nächster Zeit kein jodelnder Käsermeister sein Handwerk in Zetzwil ausübt. Walter Voramwald produzierte von 1978 bis 1998 grösstenteils Emmentaler. Aber auch Spezialitätenkäsli, Joghurt, Quark und Pastmilch fanden Liebhaber von Aarau bis Beromünster.

Sein Nachfolger Ruedi Siegrist führte zusammen mit seiner Frau den Laden und die Milchannahme. Als Eigenprodukte bot er Quark, Joghurt und Pastmilch an, bis der Laden Ende Juni 2011 aus gesundheitlichen und finanziellen Gründen geschlossen wurde.

Aus der Chronik von Max Hirt

1889 Die Milch wird zu 10.50 Franken per 100 Kilogramm verkauft, Schotte und Buttermilch gehen an die Lieferanten zurück.

1898 Der als Präsident nicht wieder gewählte Rudolf Frey kündigt der Käsereigenossenschaft die Lokalitäten. Die Gesellschaft beschliesst, eine eigene Käserei zu bauen. Wirt Samuel Haller verkauft den Landwirten das Land zu 30 Rappen pro Quadratmeter.

1899 Jedes Aktivmitglied muss beim Bau der Käserei während viereinhalb Tagen mitarbeiten und an die Anzahlung der Käsereigebäudeschuld 14 Franken in zwei Raten leisten.

1908 Anschaffung eines neuen Käsekessis von ungefähr 1200 Litern Inhalt. Beitritt zum neu gegründeten Aargauischen Milchproduzentenverband.

1913 Wegen Vermehrung der Milch mit Wasser werden zwei Mitglieder des Betruges überwiesen und aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

1918 Ein Bauer wird entsprechend seines Gesuchs aus der Gesellschaft entlassen, weil er eine grosse Familie zu versorgen hat und deshalb keine Milch mehr in die Käserei liefern kann.

1954 Der Zetzwiler Käser Theophil Mühlemann erhält für seinen Emmentaler eine Goldmedaille. Auch bei der Rahmlieferung sowie der Käsereibutter ist er Goldmedaillengewinner.

1968 Die Käserei hat 38 Milchlieferanten mit total 344 Kühen. Fünf Jahre später sind es nur noch 29 Milchlieferanten mit total 326 Kühen. Die Gesamtmilchmenge beträgt knapp 1,03 Millionen Liter, 1950 ist sie noch gut 600 000 Liter.

1998 Ende der Käseherstellung in Zetzwil. (AH)