Resort Widenmoos
Guttenberg war in Reitnau und niemand sollte es wissen

Der ehemalige deutsche Verteidigungsminister war einen Tag im Aargau und warnte vor einer Politik per SMS und Mail. Und er tönte an, in absehbarer Zeit nicht wieder aktiver Politiker zu werden.

Max Dohner
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Karl-Theodor zu Guttenberg war im Aargau (Archiv)

Karl-Theodor zu Guttenberg war im Aargau (Archiv)

Keystone

Beim Löffeln eines Weinschaumsüpplis in der «Krone» von Solothurn sagte ein Gast beiläufig: «Freiherr zu Guttenberg kommt.» Wie bitte? Der ehemalige Verteidigungsminister, der in Europa jeden Auftrittstermin absagte, seit er zurücktreten musste wegen Plagiaten in seiner Doktorarbeit? «Ja», bestätigte der Gast, «aber niemand soll es wissen, sonst kommt er nicht. Der Anlass, wo er auftritt, ist auch strikte privat.»

Dreierlei war dann unmöglich: erstens ein Interview mit dem Freiherrn. Zweitens, dabei zu sein an seinem Vortrag am vergangenen Freitag. Und drittens eine Abschrift des Referats zu bekommen. Zu Guttenberg redete in weiten Teilen frei, gestützt auf ein paar Notizzettel. Leute, die anwesend waren im Resort Widenmoos, das ihn eingeladen hatte, als zu Guttenberg noch Verteidigungsminister war, rühmten den Vortrag: «Rhetorisch brillant, mit diversen Bonmots zum Schmunzeln.» Begleitet war zu Guttenberg von seiner Gattin Stephanie, die «sehr natürlich und äusserst sympathisch» gewirkt habe.

Der az liegt die Gästeliste vor

Was uns ein Teilnehmer vom Anlass einzig versprechen konnte, war die Namenliste der Gäste. Zweimal fuhren wir am Wochenende am verabredeten Milchkasten vorbei, in dem die Namenliste stecken sollte – zweimal vergeblich. Seis drum: Der az liegt die Liste mit rund 250 Namen vor. Neben einer Reihe von KMU-Vertretern aus nah und fern, Klinikleitern, Stiftungspräsidenten, Bankenchefs, Architekten, Golfclub-Besitzern, Anlageberatern und Anwälten aus nahezu allen Spezialgebieten hörten sich als Gäste unter anderen der ehemalige Chefredaktor des ZDF, Nikolaus Brender, und der ehemalige CEO der Swiss, André Dosé, den Vortrag des Freiherrn an.

So auch der ehemalige Staatssekretär Jean-Daniel Gerber, der deutsche Botschafter Peter Gottwald, Regierungsrat Alex Hürzeler, Robert A. Jeker, Verwaltungsratspräsident der MCH Messe Basel, der ehemalige Korpskommandant Christophe Keckeis, Roland Mack, Geschäftsführer des Europa-Park Rust, Pius Segmüller, einst Kommandant der Schweizergarde in Rom, Professor Albert A. Stahel von der Universität Zürich, Moritz Suter, bis vor kurzem Verleger der BaZ in Basel, und Guido Zäch vom Paraplegiker-Zentrum in Nottwil.

Ein Nutz-Netzwerk

Mit diesem Namedropping ist eines mindestens angetönt: Im Resort Widenmoos von Reitnau geht es in erster Linie um das Nutz-Netzwerk. Auf der Homepage heisst es dazu – unter dem Stichwort «Vision»: «In gegenseitiger Achtung miteinander kommunizieren, Freundschaften eingehen, hegen und pflegen, einander – wo immer möglich – im Geschäftsleben zu berücksichtigen.»

Der Co-Gründer und heutige Besitzer des Widenmoos, Fredy Bühler, will den Club nicht entlang von Parteigrenzen führen und ist auch selber nicht Mitglied einer Partei. Auch mit «konservativer Revolution» habe der Club «nichts am Hut». Auf der Liste namhafter Referenten während der Jahre sind in der Tat alle gesellschaftlichen Segmente vertreten: natürlich die Politik – mit Ministern, Bundesräten, Kanzlern, Präsidenten. Dann die Kirche – mit Hans Küng zum Beispiel, Henry Kardinal Schwery, Ignatz Bubis (1999 verstorben), Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland oder Obdachlosen-Pfarrer Ernst Sieber.

Die Wirtschaft – die Nationalbank, der Präsident des Schweizer Arbeitgeber-Verbandes, Hansueli Loosli, heute Verwaltungsratspräsident bei Coop, usw. Der Adel – mit Otto von Habsburg (im Juli dieses Jahres verstorben) oder Prinz Rüdiger von Sachsen. Die Kultur – Alexander Pereira, der Schriftsteller Pavel Kohout. Die Medien – u.a. Erich Gysling, Ulrich Tilgner oder Roger Köppel. Sogar der Sport – mit Berti Vogts, Sepp Blatter oder dem Boxer Henry Maske.

Keine Presse!

Die wichtigste Spielregel während aller dieser Jahre bei diesen Begegnungen war und ist: keine Presse!

«Das ist gar nicht schlecht», sagen selbst Leute, die eingeladen waren, den Tagungen aber auch kritisch gegenüberstehen: «Wäre Presse zugegen, kämen so manche Leute nicht.» Die Kritik bezieht sich auf einen gewissen «dialogischen Mangel». Davon wünschten sich Einzelne mehr im «Widenmoos». Alle loben indes «die liebenswürdige Grosszügigkeit» des Gastgebers, Fredy Bühler, eines Mannes, 1948 geboren, der aus dem Rheintal stammt und gerne kernig und direkt redet. 1990 hatte Bühler die einstige Bally-Villa im «Widenmoos» gekauft. Nächstes Jahr feiert der private, dort angesiedelte Club sein zwanzigjähriges Bestehen. Die Mitgliedschaft kostet 12000 Franken im Jahr. Für sein rund einstündiges Referat, heisst es, habe Karl-Theodor zu Guttenberg ein ansehnliches, aber nicht horrendes Honorar erhalten.

Einen Tag mit der Frau in Reitnau

Einen Tag verbrachte der Freiherr, angereist von New York, mit Ehefrau in Reitnau. Sein Referat stand unter dem Titel: «Verraten wir unsere Kinder? – Der Konflikt zwischen Ad-hoc-Handeln und der Verantwortung für Themen mit globaler Relevanz».

Die Politik, so fasste ein Anwesender die Rede Guttenbergs zusammen, setze sich nur noch kurzfristige Ziele, die sich im feuerwehrmässigen Krisenmanagement und in der Wiederwahl erschöpften. 21 Krisengipfel in den letzten Monaten hätten dieses Instant-Handeln gezeigt, angetrieben durch SMS und Mails. Kaum jemand denke dabei daran, ob das auch den nachfolgenden Generationen nütze? «Wiederwahl oder Kinderwohl?», fragte Guttenberg.

Zu seinem eigenen politischen Schicksal habe der Freiherr wenig gesagt, begangene Fehler eingeräumt und, mit Blick auf seine Zukunft, gesagt: «In absehbarer Zeit werde ich nicht wieder aktiver Politiker, aber ich werde mich politisch äussern.»

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