Gontenschwil
«Das ist unrealistisch»: Kanton will in Aargauer Gemeinde die Fläche von 14 Fussballfeldern auszonen

Die Bau- und Nutzungsordnung der Gemeinde Gontenschwil muss revidiert werden. Der Kanton forderte von der Gemeinde dabei aktive Auszonungen von 10 Hektaren – eine unrealistische Forderung, halten die beteiligten Planer fest.

Melanie Eichenberger
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Die gemeindeeigene Parzelle 1070 an der Bergstrasse im Gontenschwiler Oberdorf soll ausgezont werden.

Die gemeindeeigene Parzelle 1070 an der Bergstrasse im Gontenschwiler Oberdorf soll ausgezont werden.

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Die Gemeinde Gontenschwil muss in den nächsten 25 Jahren ihr Siedlungsgebiet verkleinern. Dies sieht der kantonale Richtplan vor, der dafür bereits zwei Gebiete mit einer Fläche von 2,1 ha bestimmt hat: die Gebiete «Sackrain» und «Kirchmatt». Zusätzlich fordert der Kanton, dass Gontenschwil weitere 10 ha – also eine Fläche von 14 Fussballfeldern – auszont.

Umgesetzt werden soll dies in der laufenden Gesamtrevision der Nutzungsplanung Siedlung und Kulturland. Die Bau- und Nutzungsordnung (BNO) muss alle 15 bis 20 Jahre revidiert werden. In Gontenschwil ist dies letztmals 1996 geschehen.

«Wir haben so lange gewartet, bis der Kanton gesagt hat: Jetzt macht ihr zuerst die Revision, bevor ihr wieder mit neuen Baugesuchen kommt», sagte Gemeindeammann Renate Gautschy anlässlich der Informationsveranstaltung über das Mitwirkungsverfahren, das seit Montag läuft. Die Veranstaltung stiess auf grosses Interesse – rund 90 Personen folgten der Einladung. Wie sich Gontenschwil in den nächsten Jahren entwickeln soll, zeigt ein Blick in die Unterlagen des Mitwirkungsverfahrens, die bis Ende Mai öffentlich aufliegen.

Die sechs wichtigsten Punkte

Auszonungen: Das ist die grösste Herausforderung für Gontenschwil in der laufenden Revision. Der Kanton hat in seiner fachlichen Stellungnahme aus dem Jahr 2016 die Gemeinde dazu verpflichtet, aktive Auszonungen (beziehungsweise Nichteinzonungen) zu prüfen, und zwar im Umfang von 10 ha.

«Es war ein langwieriger Prozess, bis wir zu dieser Lösung gekommen sind.» – Renate Gautschy, Gemeindeammann

«Es war ein langwieriger Prozess, bis wir zu dieser Lösung gekommen sind.» – Renate Gautschy, Gemeindeammann

zvg

Dies, weil Gontenschwil über eine zu grosse Zonenkapazität im Vergleich zum prognostizierten Wachstum des Dorfes verfügt. Dazu hat die Gemeinde eine «Auslegeordnung Auszonung» erstellt. Darin kommen die Projektverantwortlichen zum Schluss, dass von den geforderten 10 ha nur deren 2,2 für eine Auszonung infrage kommen – davon 0,14 ha gemeindeeigenes Land. Mit den betroffenen Eigentümern wurde das Gespräch gesucht. Somit sollen neben den 2,1 ha, die vom kantonalen Richtplan bestimmt wurden, weitere 2,2 ha ausgezont werden.

«Wir sind zum Schluss gekommen, dass die geforderten 10 Hektaren unrealistisch und nicht umsetzbar sind», sagten die beteiligten Planer der Metron Raumentwicklung AG anlässlich der Informationsveranstaltung.

Ausscheidung Spezialzone Ponyhof: Seit 1986 wird der Ponyhof im Gebiet Schwarzenberg bewirtschaftet und hat sich seither als überregional bedeutsame heilpädagogische Institution entwickelt. Der Betrieb liegt in der Landwirtschaftszone und ist daher nicht zonenkonform.

Er kann sich in dieser Situation räumlich nicht mehr weiterentwickeln, was für den Fortbestand existenziell ist. Dies ist auch explizit seitens Gemeinderat von klarem öffentlichem Interesse. Mit der Schaffung einer Spezialzone werden die nötigen planerischen Rahmenbedingungen definiert. «Es war ein langwieriger Prozess, bis wir zu dieser Lösung gekommen sind», sagte Renate Gautschy.

Ausscheidung «Siedlungsei» Schweinemaststall: Der Landwirtschaftsbetrieb von Daniel Haller in Gontenschwil umfasst eine Fläche von rund 36 Fussballfeldern (26 ha). Er betreibt eine Schweinezucht, deren Wertschöpfung er durch das Ausmästen der Ferkel steigern will. Dafür plant er einen neuen Schweinemaststall mit 300 Mastplätzen. Der Betriebsstandort des Schweinezüchters im Unterdorf ist dazu nicht geeignet.

Er grenzt unmittelbar an eine Zone mit hohem Anteil an Wohnnutzungen (Dorfzone). Gemeinsam mit dem Bauernverband Aargau wurde eine Standortevaluation durchgeführt. Neun Standorte, darunter auch Fremdlandparzellen, wurden einer Nutzwertanalyse durch den Bauernverband Aargau sowie einer Prüfung in Bezug auf den kantonalen Richtplan unterzogen.

Lediglich der Eigenland-Standort Chräbsmatt in der Nähe der ARA kommt demnach infrage. Hier sollen die planungsrechtlichen Voraussetzungen für den Neubau geschaffen werden und in der Landschaftsschutzzone «Wyna-Ebene» ein sogenanntes «Siedlungsei» ausgeschieden werden.

Das Gontenschwiler Dorfbild ist im Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz (ISOS) als Ortsbild von regionaler Bedeutung aufgeführt. Durch die rege Bautätigkeit sind diese historischen Dorfteile «Unterdorf», «Kirche» und «Oberdorf» zusammengewachsen und die historische Struktur ist kaum mehr ablesbar.

Es bestehen Möglichkeiten, mit punktuellen Massnahmen diese Struktur wieder etwas zu akzentuieren, indem die offenen Freiräume und Perspektiven erhalten und entlang des Strassenraums die Eingänge der historischen Dorfteile hervorgehoben werden.

So soll beispielsweise der Gontenschwiler «Central Park» – Wiese zwischen Schulhaus und Kirche – von einer Zone für öffentliche Bauten in eine Grünzone umgezont werden oder die Ortsdurchfahrt durch Umgestaltung und Aufwertung zu höheren Attraktivität des öffentlichen Raumes und zur Verbesserung der Sicherheit für den Fuss- und Radverkehr beitragen.

Verdichtung im Unterdorf: Für die Eigentümer sollen Anreize geschaffen werden für verdichtetes Bauen. So wird beispielsweise vorgesehen, in der Zone Unterdorf eine Aufstockung von drei auf vier Etagen bzw. von zwei auf drei zuzulassen.

Erstmals wird ein Bauinventar umgesetzt: Der Kanton hat bereits 22 Schutzobjekte bestimmt, diese werden nun in das Bauinventar der Gemeinde Gontenschwil aufgenommen. Für die Eigentümer bedeutet dies, dass ihre Gebäude mit einem Abbruchverbot belegt werden.

Grünes Gontenschwil: Die Krux mit der Landwirtschaftszone

Gontenschwil blickt auf eine ewige Leidensgeschichte zurück, was Bauzonen bzw. Landwirtschaftszonen betrifft. Das Dorf verfügt über viele Grünflächen und ist auch darauf bedacht, diese zu bewahren. Trotzdem sind Häuser und Betriebe in der Landwirtschaftszone sehr eingeschränkt. So steht die Existenz von Margrit Stebler auf dem Hof «Steinig» vor dem Ende (Lesen Sie hier.) Zu diesem Fall gab es auch an der Informationsveranstaltung Fragen. Da die Problematik des «Steinig» nicht BNO-relevant ist, wurde nicht näher darauf eingegangen. Der Ponyhof Schwarzenberg und der «Steinig»-Hof seien zwei paar Schuhe.

Bereits in den Achtzigerjahren kam es zu einem Bau-Skandal im «Wannental». Ein Ehepaar, das eine Villa in der Landwirtschaftszone baute, durfte diese gar nie beziehen. Es wurde sogar aufgefordert, sie wieder abzureissen. Nach einem langen Hin und Her wurde die Liegenschaft Anfang 1990er-Jahre weiterverkauft und darin ein Behindertenwohnheim eingerichtet. Bewilligt wurde die Umnutzung, weil die Stiftung auch Kleintiere halten sowie Obst und Gemüse anbauen wollte.

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