Muhen
Bestatter Luc Conrad flüchtet aus Haus eines Einbrecherkönigs

Einbrecherkönig Bernhart Matter ist längst tot. In seinem Geburtshaus in Muhen spielt sich jetzt eine Szene der SRF-Krimiserie «Der Bestatter» ab.

Barbara Vogt und Christine Fürst
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Der ehemalige Einbrecherkönig Bernhart Matter.
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Der Leichenwagen fährt beim «Bären» Muhen vor.
In Muhen spielt eine Szene der SRF-Krimiserie "Der Bestatter"
...und betritt die Gaststube. fotos: srf

Der ehemalige Einbrecherkönig Bernhart Matter.

F.G. Martin

Das Bestatterauto fährt beim «Bären» Muhen vor. Bestatter Luc Conrad, alias Mike Müller, steigt aus. Es ist heiss, Luc schwitzt in seinem dunklen Anzug und in seiner gestreiften Krawatte. Rasch betritt er die Gaststube. Er will nur kurz mal Zigaretten holen gehen. Dann verschwindet er auf mysteriöse Weise. Die kurze Szene im Müheler «Bären» ist heute Abend in der fünften Folge der dritten Staffel der Fernsehserie «Der Bestatter» zu sehen.

«Der Bestatter – Der Fremde im Sarg»: Trailer zur Folge 5 der 3. Staffel

Den Gasthof Bären als Drehort ausgesucht hat der Aarauer Marketingspezialist Marcel Suter zusammen mit der Produktionsfirma bereits im letzten April. «Der Besitzer willigte ein und die Produktionsfirma war absolut begeistert», sagt er. Alleine schon deswegen, weil der «Bären» seit längerem geschlossen ist und die Dreharbeiten dadurch einfach durchgeführt werden konnten. Auch die einheimische Rundstabfabrik Hans Erismann AG wird zum Drehort im Bestatter: Hier befindet sich die Firma «Merlinger Bestattungen – Rundstab- & Sargproduktion».

War der «Bären» Geburtsort?

Der «Bären» scheint ein Ort für Gaunereien zu sein: Nicht nur der Bestatter trieb sich beim Gasthof herum, auch Bernhart Matter. Der wohl berüchtigste Ein- und Ausbrecherkönig aller Zeiten soll am 21. Februar 1821 das Licht der Welt in diesem Haus erblickt haben. Legende oder Wirklichkeit? Darüber scheiden sich die Geister. Es gibt Historiker, die sagen, dass die Eltern Bernharts längst nicht mehr im «Bären» gewirtet haben, als der Bub zur Welt gekommen ist und es deswegen gar nicht sein Geburtshaus sein kann.

Doch dann gibt es die anderen, die dem Virus Bernhart Matters verfallen sind, Bücher geschrieben, Comics gezeichnet und unzählige Freilicht- und andere Theater über den Erzgauner aufgeführt haben. Sie sind felsenfest davon überzeugt, dass der Matter vom Müheler «Bären» stammt. Im Buch «Bernhart Matter – Berüchtigter Gauner, Sozialrebell und Kultfigur: Anekdoten und Legenden» von Nold Halder jedenfalls wird das Gasthaus zum Bären zum offiziellen Geburtshaus erklärt. In der spannenden Geschichte gibts sogar eine Zeichnung vom «Bären».

Nehmen wir an, der «Bären» ist das Geburtshaus Matters. Dann geht die Geschichte so: «Bernhartli» wuchs mit acht weiteren Geschwistern im Gasthof auf. Er war ein Schlingel sondergleichen und führte ein vogelfreies Leben. Schwänzte die Schule. Unternahm stattdessen mit der einzigen Kuh im Stall Weidgänge. Er war das schwarze Schaf der Familie. Früh begann er sich abends in der Wirtschaft, in Küche und Keller herumzutreiben und benutzte jede Gelegenheit, um von Dingen zu naschen, die ihm nicht gehörten. «Früh übt sich, was ein Häkchen werden will» – mit diesem sinnigen Zitat zeigt der Buchautor Matters frühen Hang zur Gaunerei auf.

Matter fing eine Maurerlehre an und half beim Bau der Aarauer Kaserne mit. Den vielen Versuchungen in der Stadt konnte er jedoch nicht widerstehen, und 1836 verübte er seinen ersten Einbruch in einer Bijouterie. Er nahm, was nicht niet- und nagelfest war. Er stahl nicht nur seinetwegen, sondern verteilte sein Diebesgut armen Menschen. Der «Robin Hood» des Aargau.

Aus der Traum von Amerika

Bernhart Matter spielte mit der Obrigkeit Katz und Maus. Er entwischte ihnen, wo und wie es ging. Haute die Wachtmeister der Gefängnisse übers Ohr. Entschwand wie ein Geist aus der Festung Aarburg, obwohl er von oben bis unten angekettet war. «Der Matter treibt schwarze Magie», tuschelten die Bauernweiber in Muhen aufgeregt.

Matter war Erzgauner und Lebemann: Er trank, hurte, rauchte im Elsass die dicksten Zigarren. Er liess sich für dreckige Geschäfte missbrauchen und träumte vom Goldrausch in Amerika. Gerne wäre er übers Meer gefahren, nur hielten ihn die Grenzwächter auf, weil er die Franzosenkrankheit, die Syphilis, hatte. Auch wenn er ein Frauenheld und Charmeur war: Matter liebte seine geschiedene Frau Barbara und sein Töchterchen Maria über alles. Immer wieder klopfte er an ihre Türe, suchte ihre Nähe und Liebe.

1854 schlug dem 33-jährigen Vagabunden sein letztes Stündchen: Bei der Richtstätte Fünflinden in Lenzburg wurde er als letzer Aargauer geköpft.

«Matterstübli» im «Bären»

Bernhart Matter, ein Gauner und Rebell. Ein Mythos. Ein Held, der in die Geschichte einging. Matter war aber auch ein Einsamer, ein Getriebener, ein Gejagter. In einer Aufführung in der Waldhütte Muhen 2012 inszenierte der Zürcher Schauspieler Mike Zeller diese ruhelose Seele eindrücklich: Wie er sich hungrig und erschöpft wie ein verletztes Tier in einer Ecke verkoch.

Namensvetter und Liedermacher Mani Matter hat Bernhart Matter ein Lied gewidmet, scherzend besingt er ihn als «Urgrossunggle», obwohl er nicht mit ihm verwandt war. Im «Bären» in Muhen wurde dem Erzgauner zu Ehren ein «Matterstübli» eingerichtet. Beim Betreten mag es den Besucher frösteln. Das Frösteln zieht sich bis in die Gegenwart, zumindest bis heute Abend, wenn Bestatter Luc Conrad in den dunklen Winkeln des Gasthofes verschwindet.

Das Restaurant soll Ende März neu eröffnet werden

Während im «Bestatter» Gäste im «Bären» sitzen, ist in Realität in der Gaststube schon lange kein Bier mehr ausgeschenkt worden. Sie ist seit längerem zu. Die Eigentümerin, die Wagen Immo AG aus Mägenwil, lässt nun verlauten, dass sich eine Vermietung an einen «ortsnahen Gastronomen» abzeichnet. Für die Eröffnung ins Auge gefasst sei der 31. März dieses Jahres. (cfü)

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