Wynental
Aargauer Unternehmer Thomas Huber über den Euro-Schock: «Es hat uns nicht weggeputzt»

Die Firmen im Tal schauen nach dem Euro-Schock wieder vorwärts. Unternehmer Thomas Huber über das Federnlassen und warum es einfacher ist, einen Generaldirektor zu finden als einen guten Meister

Rahel Plüss
Drucken
Teilen
«Es gibt immer die ‹Bluffer› und die ‹Jammeri›», sagt Unternehmer Thomas Huber (62), Oberkulm.

«Es gibt immer die ‹Bluffer› und die ‹Jammeri›», sagt Unternehmer Thomas Huber (62), Oberkulm.

Rahel Plüss

Die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) im Kanton schauen wieder vorwärts. Das zeigt die jüngste Umfrage des Aargauischen Gewerbeverbands. Offensichtlich konnten viele Firmen dank Innovation den hohen Frankenkurs besser bewältigen als befürchtet. Viele sind optimistisch (die az berichtete). Doch gilt dieser allgemeine Trend auch für das Wynental? Die az hat bei Thomas Huber, Unternehmer und Präsident der Regionalgruppe Wynental der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK), nachgefragt. Die Regionalgruppe hatte für 2016 wiederum mit einer repräsentativen Umfrage bei den Unternehmen im Tal den Puls gemessen. 35 Firmen mit total 2700 Angestellten haben teilgenommen.

Herr Huber, vor einem Jahr haben Sie gesagt, der Optimismus der Unternehmen sei geblufft. Wars so?

Thomas Huber: Das ist aufgrund einer solchen Umfrage natürlich schwierig zu sagen. Es gibt immer die «Bluffer» und die «Jammeri». Aber der Grundton ist eher positiv Ende 2016.

Sie stehen als Unternehmer und Vertreter der AIHK im Kontakt mit anderen Unternehmern aus dem Tal. Deckt sich Ihr persönlicher Eindruck mit den Umfrageergebnissen?

Man erzählt sich auch unter Kollegen nicht immer alles. Wenn ein Unternehmen ein gutes Image hat, will man das nicht durch Jammern zerstören.

Dann gab es auch Überraschungen?

Ja. Dass die Alu Metall Guss AG (AMG) in Gontenschwil zumacht, war beispielsweise im Vorfeld nie so deutlich durchgedrungen. Natürlich hatte man von Problemen gehört, dass denen das Wasser aber zuoberst steht, hat man nicht gewusst.

Rund 60 Mitarbeiter waren von der Schliessung betroffen. Wieder ein Industriebetrieb weniger im Tal.

Ja. Das Wynental ist länger, je weniger eine Industrie- und je länger, je mehr eine Dienstleistungsgegend im Bereich Gesundheit und Soziales. Früher haben die Metaller den Ton angegeben: Die Alu Menziken, Vogt Drahtwerke, Injecta – viele sind verschwunden. Der grösste Arbeitgeber im Tal ist unterdessen die Stiftung Schürmatt mit über 400 Arbeitsplätzen.

Werden auch Stellen geschaffen?

Ja, so wie ich das aus der Umfrage entnehme, sind im Sozialbereich mehr Arbeitsplätze angeboten worden als im Vorjahr.

Wie viele Menschen arbeiten in der Region?

Das Wynental hat rund 30 000 Einwohner und 10 000 Arbeitsplätze. Aber eben, da sind alle Branchen mitgezählt, auch das Spital und soziale Institutionen.

Im Aargau sind die Unternehmen wieder optimistisch. Gilt das auch fürs Wynental?

Die Industrie hat sicher mehr Probleme als die Dienstleister. Aber ich meine, diejenigen, die jetzt noch da sind, haben das Gröbste überstanden. Man schaut tatsächlich wieder vorwärts. Man ist den Euro-Schock am Verdauen. Man musste Federn lassen, aber es hat einem nicht den Schnauf abgestellt. Und jetzt fangen die ergriffenen Massnahmen an zu greifen.

Was sind das für Massnahmen?

Kosten senken. Was man am ringsten beeinflussen kann, ist der eigene Sand im Getriebe. Man probiert, die Fertigung so schlank wie möglich zu halten, Leerläufe zu vermeiden, Prozesse zu optimieren.

Durch Automatisierung?

Nein. Nicht unbedingt. Wenn Sie intern gewisse Prozesse nicht im Griff haben, brauchen Sie Personal um die Fehler zu finden und zu korrigieren. Diese Leute braucht es nachher nicht mehr.

Effizienzsteigerung quasi als positiver Nebeneffekt des Euro-Schocks?

Ja, das hat etwas. Wir waren vielleicht alle ein bisschen zu satt und selbstgefällig und haben uns zu wenig gekümmert. Dadurch, dass die Ertragslage durch den Euro-Sturz schlechter geworden ist, muss man jetzt genauer hinschauen. Da sind wir jetzt schwer dran und das kostet auch Stellen.

Was heisst das fürs Wynental?

Der Stellenabbau kann 2016/2017 durchaus in der Grössenordnung von gegen 5 Prozent liegen.

Im Kantonsmittel wird die Auftragslage als leicht besser beurteilt als im Vorjahr. Und im Wynental?

Die Auslastung vieler Firmen ist gut. Die Auftragsbücher sind ordentlich voll; aber man erzeugt die Marge nicht, die es braucht. Wobei, wir haben auch festgestellt, dass es mehr verträgt, als wir gedacht haben.

Wie meinen Sie das?

Viele Firmen im Wynental sind stark exportlastig. Fischer Reinach beispielsweise über 90 Prozent, wir zu zwei Dritteln. Wenn man Margenprobleme hat, weil man in Euro fakturiert, muss man auch auf der Preisseite etwas machen. Wir bei Romay mussten unsere Preise erhöhen; und es hat uns nicht weggeputzt. Als kleiner Zulieferer lässt man sich vielleicht manchmal ein bisschen zu sehr einschüchtern. Auf jeden Fall haben wir 2016 für Romay schöne, neue Aufträge gewonnen.

Und Sie denken, dass es anderen auch so geht?

Ich gehe davon aus. Ich kenne nicht jeden Betrieb im Detail. Der Schock ist überstanden. Der Geschäftsgang wird von der Mehrheit der befragten Unternehmen von 2015 auf 2016 punkto Ertragslage und Umsatz als gleich oder besser eingestuft.

Hauptsorgen der KMU im Kanton sind neben den hohen Kosten im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz der Fachkräfte- und Lernendenmangel. Im Wynental auch?

Ja. Das ist ein heftiges Thema. Einen Generaldirektor findet man einfacher als einen guten Meister.

Ist das Wynental unattraktiv?

Ich denke, dass es eher die Abgelegenheit ist. Wir haben ein kleines Einzugsgebiet. Unser Teich für die Rekrutierung guter Fachkräfte ist zu klein. Und die Menschen kommen selten aus den Ballungszentren in die Peripherie. Allenfalls pendeln sie, aber sie zügeln nicht. Aber das ist ein anderes Thema.

Wie siehts bei den Lernenden aus?

Lehrstellenmangel haben wir keinen. Wir haben Lernendenmangel. Gut qualifizierte Schüler wollen an die Kanti oder machen allenfalls eine Lehre auf der Bank oder bei der Gemeinde und nicht in einem Industriebetrieb. Und die, die zu uns kommen wollen, bringen die Schulleistung nicht.

Alu Menziken baut ein Werk in Rumänien, Fischer Reinach hat eins in Deutschland übernommen. Beide sagen, es gehe darum, den Schweizer Standort zu stärken. Ist das nicht nur ein Deckmänteli?

Nein, das glaube ich nicht. Eher dass man Dinge, die man mit hiesigen Lohnkosten nicht produzieren kann, im Ausland macht und dadurch als ganzes Unternehmen konkurrenzfähig bleibt.

Romay hat eine Tochterfirma mit 120 Angestellten in Qingdao in China. Dort produzieren Sie praktisch die gleichen Medizinaltechnikprodukte wie in Oberkulm. Erhöhen Sie so die Margen?

Nein. Wir beliefern dort den Markt in Asien. Wir haben das durchgerechnet. Die Ware nach Europa zu bringen, lohnt sich nicht. China ist einfach zu weit weg für unsere Art Produkte. Die Transportwege und die Reaktionszeiten sind zu lang.

Schauen Sie persönlich optimistisch in die Zukunft?

Damoklesschwert ist natürlich die Währungssituation. Wenn sich der Franken weiter aufwertet – aus welchen Gründen auch immer –, wird es wieder heftig. Trotzdem, wir haben gesehen, dass es zu schaffen ist. Ich glaube, viele haben aufs Dach bekommen und sind jetzt fleissig dabei, ihre Ertragskraft zu verbessern. Wenn man seine Hausaufgaben macht, verträgt es auch wieder mehr.

Aktuelle Nachrichten