Zum Abenteuer seines Lebens brach Werner Knechtli mit vierzehneinhalb auf. 1965 in Schöftland, genannt Schöftle, Suhrental, Kanton Aargau, in Papis Fiat 1100. Er wusste schon damals genau, was er von der Welt wollte, und er war sich schon damals sicher, dass die Welt nicht auf ihn warten sollte.

Ein halbes Jahrhundert später steht Werner Knechtli, inzwischen 68, in der Lounge des Hotels Savoy Baur en Ville, Paradeplatz, Zürich. Kronleuchter mit Juwelen, royalblau gemusterter Teppich, goldene Treppengeländer. An der Réception diskutiert der Concierge mit einem Gast über den Tiefgang dessen Segelboots. Smalltalk der Connaisseure.

Kein Napoleon

Dass er heute hier stehen würde, als Direktor des Savoy Baur en Ville, gebaut 1838, ältestes Hotel der Stadt, 104 Zimmer, das hätte Werner Knechtli vor zwei Jahren nicht geglaubt. Die Fachpresse war sich 2015 einig: Einer der erfolgreichsten Hotelmanager Europas gehe «in den Ruhestand», hiess es, oder «Hotelier-Legende zieht sich zurück».

Das Hotel Savoy Baur en Ville am Zürcher Paradeplatz.

Das Hotel Savoy Baur en Ville am Zürcher Paradeplatz.

TV-Moderator Rainer Maria Salzgeber orchestrierte in vier Akten die Verabschiedung im «Radisson Blu» am Flughafen Zürich. Klotens Stadtpräsident kam, der Flughafen-CEO, die oberste «Radisson»-Chefetage. «Grosses Abschieds-Theater», schrieb «Travelnews.ch». Doch Knechtli war nie einverstanden mit dieser Wortwahl.

Er habe den Journalisten noch während der Feier gesagt: «Schreibt ja nicht das Wort Ruhestand.» Sonst bekomme er ja nie mehr einen Job. «Ganz ufhöre, isch gar nüt.» Das sei «nicht gut für die Gesundheit, mentally, und finanziell», sagt er, und versichert sich beim Fotografen, dass zwischen Gurt und Veston kein weisser Ausschnitt des Hemdes zu sehen ist.

Der Perfektionismus ist ein Element, das Knechtli so weit gebracht hat. Das andere: Er sei eben eher der «Extrovert». Einer vom Team, «kein Napoleon». Nur so habe er es geschafft, sich jedes Mal neu anzupassen. Elf Länder, elfmal Hoteldirektor: Kuwait, Kenia, Kopenhagen – Bordeaux, Berlin, Zürich – London, Prag, Wien. «Brutal schön» sei die Donaustadt, die von allen sein Lieblingsplatz blieb.

Persönlich: Werner Knechtli

In Schöftland im Suhrental aufgewachsen, wusste Knechtli schon in der Kochlehre in Neuchâtel, dass er Hoteldirektor werden will. Für die Rezidor-Gruppe eröffnete und führte er über 30 Jahre Radisson-Blu-Hotels auf der ganzen Welt. 2015 trat er aus und beriet seither Betriebe im Mandat. Am 1. September übernahm er die Direktion des «Savoy Baur en Ville» in Zürich. Knechtli ist Oldtimer-Fan und sammelt seltene Möbel.

Als er 1978 in Riad, Saudi-Arabien, das erst zweite internationale Hotel im Land eröffnete, gab es zuerst keinen Strom. Ergo auch keine funktionierende Klimaanlage. «Bei 45 Grad statteten wir die 300 Zimmer mit Möbeln aus Basel aus. That’s a challenge!»

Nachteil seines Wesens: Sobald der Betrieb normal wurde, wurde es Knechtli langweilig. «Ich habe gerne Pionierarbeit. Nicht, wenn schon alles läuft.» Die Radisson-Blu-Gruppe (heute Rezidor) war 32 Jahre sein Arbeitgeber. Und Knechtli der Mann für Eröffnungen, Umbauten, Turbulenzen. Der Direktor für alle Fälle. Offizielle Konzernphilosophie, die alle Mitarbeitenden auf einem Anstecker tragen: «Yes, I can.»

Teeservice am Spielfeldrand

Mit dem zu arbeiten, was man zur Verfügung hat, lernte er auf dem Fussballplatz in Schöftland, 2. Liga, 60er-Jahre. Er servierte den Pausentee, erhielt Komplimente, wie gut er das mache. Als der Vater sagte: «Lerne Koch, Hunger haben die Leute immer», war ihm klar, dass der recht hatte, aber dass ihm, Werner, das Kochen allein nicht reichen würde. Mit dem Fiat 1100 fuhr die Familie im Sommer ins Tessin.

Die Route ging via Luzern vorbei am «Palace» und am «National». «Da wusste ich schlagartig: Ich will Hoteldirektor werden.» In Neuenburg fand er seine Lehrstelle, «La Cave Neuchâteloise», «isch hüt au zue, leider». Dann Hotelfachschule Luzern, nicht wegen der Verbundenheit zum Ort seiner Inspiration, sondern weil der Vater, Drucker bei Ringier in Zofingen, nicht so viel Geld hatte und der junge Koch Zugbillett und Schulgeld selber berappen musste.

Werner Knechtli in der Lobby seines Hotels am Zürcher Paradeplatz.

Werner Knechtli in der Lobby seines Hotels am Zürcher Paradeplatz.

Erste Stelle in Ascona. Die Rekrutenschule, natürlich als Küchenchef. Zweite Stelle in Italien, und von da an nie mehr näher von zu Hause als ein paar Flugstunden. «Ein Nomadenleben» habe er geführt, «jedes Mal die Freunde verlieren und wieder neu anfangen, aber das hat mir nichts ausgemacht».

Die Welt wurde sein Zuhause, aber Schöftland blieb seine Heimat: «Ich bin ein Traditionalist. Sagt man das so in Deutsch? Seit 1680 sind wir in zehnter Generation in Schöftle. Das sind roots, die extrem tief sind.» 2008 wurde seine Mutter krank. «Chum hei!», habe sie ihn aufgeboten. «Do han ich gseit: That’s the moment. Ich chume hei, aber du muesch Nünzgi wärde.» In Kloten eröffnete der Sohn das Radisson Blu Hotel Zurich Airport, und Mama wurde 91 Jahre und einen Tag alt.

«Everything is open»

Zuletzt war Knechtli als Berater unterwegs. Doch als die Besitzer des «Savoy», das seit 1985 vom gleichen Ehepaar geführt worden war, vor ein paar Wochen anriefen, musste er nicht lange überlegen. Am 1. September trat Werner Knechtli im «Baur en Ville» die Nachfolge an. Für wie lange? «Jä, ich würde schon sagen, ich bleibe 25 Jahre!» Sein Grinsen verrät ihn. Nein, «everything is open».

In seinem Alter müsse man «nicht mehr allzu strategisch einen Zeitplan aufstellen». Es sind lange Tage als Direktor: 7 Uhr bis open end. Das gehe problemlos: «Ich habe hier ein Zimmer, seit 40 Jahren mein Hüsli im Tessin und meine Partnerin wohnt im Zürcher Unterland. Je nachdem, wie spät es wird, wähle ich mein Bett.»

Den Posten einem Jungtalent überlassen? «Nicht diesen. Dafür braucht es grosse Erfahrung.» Wichtig sei jetzt ein ruhiger Übergang für das Personal. Das sei zum Teil schon seit 15, 20 Jahren im Haus. «Diese Leute brauche ich. Sie machen unsere Gäste glücklich, und unsere Gäste zahlen unseren Lohn.»

Dass er selber schon US-Präsident Jimmy Carter, King of Pop Michael Jackson, Filmstar Elizabeth Taylor, Friedensnobelpreisträger Gorbatschow oder die Königin von Schweden begrüsst hatte («Ich bin immer gut angekommen»), erwähnt er nur in beiläufigem Tonfall, und nur, wenn man ihn danach fragt. Wer so viel von der Welt gesehen hat, ist selber ein Weltmann.