19-Jährige verursachte im Alkohol- und Temporausch tödlichen Unfall

Jetzt wurde sie vom Bezirksgericht Kulm zu einer Strafe verurteilt, die sie noch über viele Jahre hinweg abstottern muss.

Urs Helbling
Drucken
Teilen

Unbestritten war, dass die damals 19-jährige Schweizerin zum Unfallzeitpunkt 0,87 Promille intus hatte. Unbestritten war, dass sie mit mindestens 92km/h im Dorf Gontenschwil (50km/h) in eine Linkskurve raste. Unbestritten war, dass sie mit ihrem silberfarbenen «Seat Ibiza» zuerst gegen eine Stange (Typ Bahnschiene) und dann gegen eine Hausmauer prallte – und, dass dabei der Beifahrer, ihr 24-jähriger Freund, starb. Ob der als Gurtenmuffel bekannte Mann überlebt hätte, wenn er angegurtet gewesen wäre, war am Prozess vor Bezirksgericht Kulm ein kontroverses Thema.

Staatsanwältin liess Fall zwei Jahre lang liegen

Die Strafanträge gingen sehr weit auseinander: Die Staatsanwältin forderte 5 Jahre wegen «eventualvorsätzlicher Tötung». Der Verteidiger beantrage Straffreiheit, weil der Beifahrer mit Gurten überlebt hätte und «fahrlässige Körperverletzung» nicht angeklagt war.

Das Gericht verurteilte die Angeklagte wegen «fahrlässiger Tötung» zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 9 Monaten – bedingt erlassen. Zahlen muss sie eine Busse von 2500 Franken (entspricht einem Monatslohn der heute Lernenden im Pflegebereich). Und vor allem muss sie die Kosten für das Verfahren und die amtliche Verteidigung von insgesamt über 50000 Franken übernehmen. Das heisst, die junge Frau wird zehn Jahre jeden Monat Grössenordnung 500Franken abstottern müssen. Ob ihre Haftpflichtversicherung auch noch Regress nehmen wird, war am Prozess kein Thema.

Dafür aber die aussergewöhnlich lange Verfahrensdauer von über fünf Jahren. Sie wirft ein schlechtes Licht auf die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm. Nicht auf die Staatsanwältin, die den Fall vor Gericht vertrat. Sie ist bereits die Dritte, die den Fall bearbeitet. Schlechte Figur macht dagegen die erste Staatsanwältin, die ab 2015 am Werk war. Sie ist bekannt aus der Lenzburger «Büsi-Affäre». Im konkreten Fall liess sie die Akten fast zwei Jahre lang liegen. «Es ist nicht nachvollziehbar und schon gar nicht erklärlich, weshalb dieses Verfahren so verschleppt wurde», sagte der Verteidiger. Für seine Mandantin sei die Verzögerung eine «subtile, permanent nagende ängstigende Bestrafung» gewesen.

Das wirkte sich im Urteil strafmildernd aus. Die «überlange Verfahrensdauer», sei für alle Beteiligten, auch die Angehörigen des Opfers, eine grosse Belastung gewesen, meinte die Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs. Und sie sagte an die Adresse der Staatsanwaltschaft: «Das Beschleunigungsverbot wurde verletzt.»

Erinnerungslücken in entscheiden Punkten

Die Angeklagte steht noch heute in psychiatrischer Behandlung. Sie erschien im beigen Hosenanzug vor Gericht, musste ab und zu eine Träne wegwischen. An alles Entscheidende kann sie sich nicht mehr erinnern: Auch nicht, wie die 0,87 Promille zustande kamen. Zum Unfallzeitpunkt machte sie eine Servicelehre in einem Badener In-Restaurant. Nach Dienstschluss war sie noch im «Löschwasserbecken», ehe sie nach fünf Uhr in der Früh ihren Freund abholte, der bei einem Kollegen war. Die beiden wollten von Zetzwil nach Kirchleerau zu ihm nach Hause. Dann hatte sie in Gontenschwil um 5.20Uhr das, was die Staatsanwältin einen Geschwindigkeitsrausch nannte. Sie fuhr mit 92 bis 100km/h durch die Kurve, die auf maximal 84km/h ausgelegt ist. Mit verheerenden Auswirkungen – für alle.

Aktuelle Nachrichten