Schlossrued
100 Jahre Turnverein: Heute turnen sie ohne Drill

Der STV Schlossrued feiert Geburtstag. Das Jubiläumsfest wird die grösste Party in der 100-jährigen Vereinsgeschichte. Doch seit jeher gilt: Keine Wirtschaft ist vor den Turner sicher.

Janine Gloor
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Strammstehen am Kantonalen Turnfest in Aarau 1958: Die Turner des STV Schlossrued vor Beginn der Marsch- und Freiübungen.

Strammstehen am Kantonalen Turnfest in Aarau 1958: Die Turner des STV Schlossrued vor Beginn der Marsch- und Freiübungen.

zvg

Turnen und Festen gehören zusammen wie die beiden Holme am Barren. Das ist auch beim STV Schlossrued so. Als 1928 das Bierauto auf dem Weg ans Waldfest in einen Strassengraben fuhr, wurde die kostbare Ladung mit Ross und Wagen zum Tanzplatz gefahren. Die Turner hatten Durst, bis um 11 Uhr waren sieben Hektoliter getrunken. Dieses Jahr feiern die Schlossrueder das grösste Fest ihrer Geschichte, der Turnverein wird 100 Jahre alt. Das Jubiläum findet gleichzeitig mit dem Jugendfest statt – sieben Hektoliter Bier dürften auch diesmal nicht reichen.

Bei den Turnfesten – regional, kantonal, eidgenössisch – stand die sportliche Leistung im Vordergrund. Diese begann jeweils schon auf dem Weg, früher marschierten die Burschen zum Austragungsort. Die motorisierte Anreise war zwar weniger anstrengend, hatte aber auch ihre Tücken. Zu neunt fuhren die Turner 1932 auf der Ladefläche eines Lastwagens nach Aarau ans Eidgenössische Turnfest.

Auf der Sandplatte musste ein Rad gewechselt werden, nach dem Distelberg hielt die Polizei die Truppe an und rügte sie, weil die Männer die Beine über die Ladefläche baumeln liessen. Von den Turnfesten kehrten die Schlossrueder nicht selten bekränzt mit Lorbeer und Abzeichen zurück. Die höchste je erturnte Punktzahl war 144,4 Punkte am Gauturnfest 1953 in Unterkulm. Neben Turnfesten gibt es auch Turnerfahrten, hier ist der Weg das Ziel. Auf den Märschen war keine Wirtschaft vor den ausgelassenen Turnern sicher. 1954 erklärte ein verärgerter Wirt der Beiz auf der Wandfluh den Turnern, dass die Fenster nicht mit den Türen zu verwechseln seien.

Die «strammen Burschen» des STV Schlossrued, wie es in der Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum heisst, waren beim Eidgenössischen Turnfest von 1932 in Aarau allesamt zum ersten Mal an einer solch grossen Veranstaltung.

Die «strammen Burschen» des STV Schlossrued, wie es in der Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum heisst, waren beim Eidgenössischen Turnfest von 1932 in Aarau allesamt zum ersten Mal an einer solch grossen Veranstaltung.

Zur Verfügung gestellt

Tanzplatz gegen Grabarbeiten

Der Turnverein war schon immer fest im Dorf verankert, man kennt und hilft sich. Fritz Klaus stellte 1928 einen Tanzplatz auf seinem Land zur Verfügung, allerdings mussten die Turner beim Ausgraben für sein neues Haus helfen. Wer schwänzte, wurde zu einer Busse von drei Franken verknurrt. Auch Rivalitäten mit anderen Gemeinden gehören in eine Vereinsgeschichte. 1934 erteilten die Aarauer den Schlossruedern für das Waldfest einen Korb. Der Tanzplatz könne wegen Brandgefahr nicht benutzt werden. Die Schlossrueder hielten das für eine faule Ausrede.

Robert Maurer trat 1969 in den Turnverein ein, gleich nach der Schule. Er ist bei den Aktivmitgliedern schon am längsten dabei. Der militärische Drill und die Marschübungen behagten ihm nicht so. «Doch der Turnverein war der einzige Ort, wo man sich zusammen mit anderen sportlich betätigen konnte.» Die gesellschaftliche Entwicklung bewegte sich ganz im Sinne Maurers, die Haare wurden länger und der Drill weniger, die Körperschule in Gymnastik umbenannt.

Heute wird das Beisammensein gepflegt. Nachwuchsprobleme kennt der Verein nicht. Während andere traditionelle Vereine ums Überleben kämpfen oder gar aussterben, stehen die Turner stramm. «Die Kameradschaft und das Gspröchle sind wichtig», sagt Maurer. Der sportliche Ehrgeiz sei auch schon grösser gewesen. «Doch da gibt es Hochs und Tiefs», sagt Jürg Hochuli, ebenfalls aktiver Turner. Er ist OK-Präsident des gesamten Jugendfests und auch für den Gala-Abend des Turnvereins am 25. Juni zuständig. Der Abend in Zahlen: 6 Festansprachen, 4 Showblöcke, 3 Gänge beim Menu, 1 neuer Trainingsanzug. Jürg Hochuli freut sich. «Es ist ein gutes Gefühl, in einem so kleinen Dorf diese starke Vereinskultur zu haben.»

Gala-Abend 25. 6., Turnhalle Schlossrued, Apéro 18.15 Uhr. Bankettkarten in der Dorf-Chäsi erhältlich.