Zofingen

Vor 50 Jahren: Zofinger Gerichtspräsident wird nach Verhandlung erschossen

Das damalige Postgebäude an der Unteren Grabenstrasse, wo in den Obergeschossen das Bezirksgericht domiziliert war.

Dr. iur. Karl Hauri und der Ort der Tat.

Das damalige Postgebäude an der Unteren Grabenstrasse, wo in den Obergeschossen das Bezirksgericht domiziliert war.

Am 17. Juni 1964 kam es in Zofingen zu einem Drama im Gerichtssaal. Nach einer Verhandlung wollte der Gerichtspräsident Karl Hauri dem Angeklagten die Hand reichen. Doch der zückte eine Waffe. Zwei Menschen starben.

Die auf zehn Uhr angesetzte Verhandlung im Einzelrichter-Verhandlungsraum des Bezirksgerichts im Postgebäude am Bahnhofplatz am 17. Juni 1964 (es war ein Mittwoch) hatte bloss etwa zehn Minuten gedauert. Dann entliess Gerichtspräsident Dr. Karl Hauri die Parteien und wollte dem Beklagten Erwin Stöckli, Gärtner und Landwirt in Mühlethal, die Hand reichen. Dieser stellte sich jedoch mit dem Rücken gegen die auf den Korridor hinausgehende Türe und sagte: «Wir sind noch nicht fertig.»

Er zog blitzschnell einen sogenannten Kaninchentöter, eine durch eine Abzugfeder zu betätigende und mit einer kleinen Patrone geladene kurze Handfeuerwaffe, und richtete diese gegen Präsident Hauri. Der Vertreter des Klägers, der Zofinger Notar Adolf Zobrist, erkannte die Gefahr und fiel dem Beklagten Stöckli in den Arm. Doch dieser hatte sofort eine zweite, gleiche Waffe in der andern Hand und drückte sie unmittelbar gegen die Brust des Gerichtspräsidenten.

Beim Einzelrichterverfahren hatte es sich um eine Rechtsöffnung in einem Betreibungsverfahren um die Summe von rund 175 Franken gehandelt.

Sprengte bisher Gekanntes

Damals wurde das Zofinger Tagblatt noch im Verlauf des Morgens fertig redigiert und anschliessend gedruckt. Es verliess gegen den Mittag hin die Druckerei an der Hinteren Hauptgasse. Dies ermöglichte dem ZT, noch gleichentags eine fett gedruckte Kurzmeldung zu publizieren: «Gerichtspräsident Dr. Karl Hauri wurde heute Morgen durch einen unvermittelt abgegebenen Revolverschuss getötet.»

Die Hiobsbotschaft verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt und die Nachbarschaft, aber auch durch den Aargau und die übrige Schweiz. Im Ausland nahm man ebenfalls davon Kenntnis, denn dass ein Gerichtsvorsitzender im Verhandlungsraum erschossen wurde, sprengte bisher Gekanntes.

Karl Hauri hatte noch die Kraft, wie das ZT informierte, ins benachbarte Kanzleibüro zu wanken, wo er sich auf einen Stuhl sinken liess mit den Worten: «Ruft Arzt und Spital.» Dann fiel er vornüber. Als der Arzt eintraf, war Präsident Hauri bereits tot.

Inzwischen hatte sich im Einzelrichter-Verhandlungsraum zwischen Notar Zobrist und dem Mörder Stöckli ein Handgemenge entwickelt. Die nach dem Drama angetroffene Situation liess darauf schliessen, so das ZT, dass Stöckli auch gegen Zobrist schiessen wollte oder auch tatsächlich geschossen hat, dass aber die Waffe versagte oder der Schuss danebenging.

Zobrist zog sich dann aus dem Büro zurück, so dass der Mörder allein darin zurückblieb. Man hörte einen oder zwei Schüsse fallen und fand dann Stöckli auf dem Boden in seinem Blut liegend leblos vor.

Willy Loretan war Gerichtsschreiber

Das Personal des Bezirksgerichts – unter ihnen Dr. iur. Willy Loretan (der übrigens am vergangenen Sonntag seinen 80. Geburtstag feiern durfte), er war damals erster Gerichtsschreiber, und der heute in Aarburg lebende Heinz Baumann, Kanzleichef und Konkursbeamter – stand wie unter Schock.

Im Verhandlungsraum war vom Personal eine Sekretärin als Protokollführerin zugegen. Willy Loretan, der in der Folge der Trauerfamilie mit grossem Einfühlungsvermögen zur Seite stand, erinnert sich, wie wenn es soeben geschehen wäre, «an die Geräusche des kraftvollen Rückens von Pulten und an die Schussabgaben».

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