Möriken-Wildegg
Zweiter Anlauf für RTB-Umbau: An der Wintergmeind geht es um Emotionen – und um Millionen

Im Fokus der Wintergemeindeversammlung in Möriken-Wildegg stehen die Änderung der Rechtsform der Regionalen Technischen Betriebe (RTB) sowie Millionenkredite für den neuen Bahnhof/Bushöfe und einen öffentlichen Parkplatz.

Ruth Steiner, Nadja Rohner
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Der Bahnhof wird komplett umgestaltet. Neu entsteht auf der westlichen Seite der Gleise (links) auch ein Bushalt.

Der Bahnhof wird komplett umgestaltet. Neu entsteht auf der westlichen Seite der Gleise (links) auch ein Bushalt.

Sandra Ardizzone

Hans-Jürg Reinhart wird an seiner letzten Wintergmeind vor dem Rücktritt als Gemeindeammann nochmals richtig gefordert. Am 23. November geht es in Möriken-Wildegg um Millioneninvestitionen in Infrastrukturbauten und um Emotionen. Letztere beziehen sich speziell auf Traktandum sechs: «Eigentümerstrategie RTB» (Regionale Technische Betriebe).

Anderthalb Jahre, nachdem Möriken-Wildegg den Umbau des Energieversorgers vom Gemeindeverband in eine Aktiengesellschaft deutlich abgelehnt hatte, kommt das Geschäft erneut zur Sprache. Wieder geht es in erster Linie darum, der Umwandlung der RTB in eine Aktiengesellschaft zuzustimmen.

«Der Gemeinderat ist zum Schluss gekommen, dass dieser Weg die beste Lösung ist», sagt Gemeindeammann Hans-Jürg Reinhart. Einen Betrieb dieser Art als Verband zu führen, sei heutzutage überholt, das komme höchstens noch im Sozialbereich vor. Die RTB sollen als effizientes, zukunftsgerichtetes Unternehmen aufgestellt werden.

Beschwerden wurden nun ausgeräumt

Hauptgrund für das Scheitern des Projektes im ersten Anlauf sei ein befürchteter Demokratieverlust gewesen, so Reinhart. Die Gegner der neuen Lösung wollten sich die Referendumsmöglichkeit offenhalten, obwohl diese Option seit Bestehen der RTB noch gar nie eingelöst worden sei, wie es in der Botschaft heisst. Der Gemeinderat sah sich zudem dem Vorwurf ausgesetzt, eine Änderung der Satzungen nicht ausreichend geprüft zu haben.

Bushaltestelle West: Auch Auenstein, Veltheim, Schinznach und Thalheim zahlen

Für die Gemeinden des Schenkenbergertals ergibt sich eine wesentliche Verbesserung durch die Einrichtung einer Bushaltestelle im Westen des Wildegger Bahnhofs. Heute enden die Buslinien aus Auenstein und aus Schinznach Dorf auf dem Bahnhofplatz Wildegg, also im Osten. Das bedeutet für diese einen Umweg. «Die künftige Entwicklung in Wildegg hätte dazu geführt, dass die Buslinie via Kantonsstrasse und Hypi-Kreisel zum Bahnhof geleitet werden müsste», heisst es im Traktandenbericht zur Gemeindeversammlung Auenstein. «Längere Fahrzeiten und Unzuverlässigkeit in der Einhaltung der Anschlüsse durch Verkehrsstaus wären die Folge.» Die neue Bushaltestelle West wird von den Bussen aus dem Schenkenbergertal angefahren. Sie kommt teilweise auf dem Areal der Jura Cement Fabriken AG zu stehen. Ein Buswartehäuschen sei im Projekt des Kantons nicht geplant, weil die Unterführung relativ nahe liege, so der Gemeinderat. Aber: «Die Jura Cement Fabriken haben sich im Rahmen der Gespräche bereit erklärt, die Kosten für ein Wartehaus beim Busbahnhof West vollständig zu übernehmen und damit die Gemeinden finanziell zu entlasten.» Zusammen mit den neuen Auto- und Veloparkplätzen westlich des Bahnhofs werde dieser für die Gemeinden des Schenkenbergertals «massiv attraktiver», so der Gemeinderat. Das hat aber auch seinen Preis. Die Gemeinde Auenstein muss sich mit 66000 Franken am neuen Busbahnhof West (Gesamtkosten inklusive Land: 1,718 Mio. Franken) beteiligen. Der Kredit ist an der Gemeindeversammlung vom 26. November traktandiert. Die vier Schenkenbergtalgemeinden Thalheim, Schinznach, Auenstein und Veltheim übernehmen zusammen 186 000 Franken, den Rest zahlen Bund, Kanton und die Standortgemeinde Möriken-Wildegg. (nro)

Diese Beschwerden werden nun ausgeräumt. In der Zwischenzeit hat Gemeinderat zusammen mit Vertragspartner Niederlenz (Niederlenz hat der Rechtsformänderung klar zugestimmt), der betroffenen RTB und externer fachlicher Unterstützung die Satzungen revidiert und diese anschliessend in einer Studie der Aktiengesellschaftslösung gegenübergestellt. «Das Resultat zeigt deutlich: Was eine Aktiengesellschaft mit dem Obligationenrecht abdeckt, muss ein Gemeindeverband Punkt für Punkt separat regeln», sagt Reinhart.

Das Geschäft dürfte zu reden geben. Sollte es erneut abgelehnt werden, hat der Gemeinderat vorgesorgt. Dann legt er die im Entwurf vorliegende revidierte Satzung für die Weiterführung der RTB als Gemeindeverband zur Bewilligung vor. Diese Lösung hätte dann allerdings Konsequenzen für Vertragspartner Niederlenz. Er müsste die Statutenrevision der Gmeind vorlegen.

Hohe Investitionen in ÖV-Drehscheibe

Weniger mit Emotionen befrachtet – gegen den Gestaltungsplan gab es nur eine Einsprache –, aber für die Region gewichtiger ist der Umbau des Bahnhofs Wildegg (1700 Zugreisende täglich) zu einer «ÖV-Drehscheibe». Er wird frühestens ab Januar 2022 in Angriff genommen. Im Zentrum steht dabei die Barrierefreiheit, denn der Bahnhof entspricht heute mitnichten dem Behindertengleichstellungsgesetz.

Die Gesamtinvestitionen von SBB-Infrastruktur belaufen sich auf 17,9 Millionen Franken. Die Kosten für die Anlagen rundherum, für deren Erstellung Gemeinde und Kanton zuständig sind, betragen rund 5,8 Millionen. Diesen Bruttokredit beantragt der Gemeinderat bei den Stimmbürgern. Netto übernimmt die Einwohnergemeinde Kosten von etwa 2,4 Millionen Franken.

Die bestehende Personenunterführung, die heute nur Treppen aufweist, wird durch eine neue mit behindertengerechten Rampen ersetzt. Perron- und Gleisanlagen werden umgebaut, die Park-and-ride-Plätze und die Veloabstellplätze ausgebaut und auf die Ost- und Westseite des Bahnhofs verteilt. Die Busse, die den Bahnhof heute nur auf der Ostseite anfahren, erhalten einen zweiten Halteort im Westen (siehe Zweittext).

Der Schleichverkehr wird unterbunden

Der Bahnhofplatz Ost wird umgestaltet und zweigeteilt; in einen Busbahnhof und in einen Platz mit Bäumen vor dem historischen SBB-Aufnahmegebäude. Dieser soll auch als Gartenrestaurant genutzt werden können. Es gibt Aufenthalts-, Fussgänger- und Velobereiche, Zubringervorfahrten und Kurzzeitparkplätze, Taxistand und Veloabstellmöglichkeiten sowie eine neue Entsorgungsstelle mit Unterflurcontainern. Tempo 20 wird beibehalten.

Die Poststrasse soll geschlossen werden – damit wird auch der Schleichverkehr unterbunden. Laut Botschaft sind es morgens 30, abends sogar 70 Motorfahrzeuge pro Stunde. Die Anlagen werden überdacht – mit einem Sichtbeton-Bauwerk, «in Anlehnung an die in Wildegg traditionell domizilierte und produzierende Zementindustrie und an die ansässige Forschungsstation (TFB Technik und Forschung im Betonbau)», so der Gemeinderat.

Im Weiteren geht es an der Gmeind um einen Verpflichtungskredit von 1,089 Millionen für den neuen Parkplatz «Mitteläsch». Westlich des Schulhauses Möriken, zwischen der Unter- und Oberäschstrasse, sind hundert Autoabstellplätze geplant: für Anlässe in Gemeindesaal, Schloss Wildegg, Schwimmbad und Schulen. Kanton und Schlossdomäne Wildegg steuern einen Beitrag an das Projekt bei, der Gemeinde bleiben Kosten von rund 796200 Franken. Das Budget 2021 schliesst gegenüber dem Vorjahr um 500000 Franken tiefer. Der Steuerfuss bleibt unverändert bei 94 Prozent.