Lenzburg

Theatergründer: «Bei den ersten Freilichtproben von ‹Frühlings Erwachen› war ich niedergeschmettert»

Hans Ulrich Glarner, Mann der ersten Theaterstunde.

Hans Ulrich Glarner, Mann der ersten Theaterstunde.

Hans Ulrich Glarner, heute Kulturchef des Kantons Bern, gründete einst das Landschaftstheater Lenzburg. Im Interview erzählt er von der Anfangszeit.

Das Landschaftstheater Lenzburg feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Initiant und Theatergründer war Hans Ulrich Glarner, der sogleich auch noch die Produktionsleitung übernahm. Glarner hat damals das Stapferhaus geführt, bevor er 2002 die Leitung der Abteilung Kultur des Kantons Aargau übernahm. Seit 2013 ist er Vorsteher des Amts für Kultur des Kantons Bern.

Hans Ulrich Glarner erinnert sich an die Anfänge des Landschaftstheaters Lenzburg. An die erste Produktion, die sich eher schwierig gestaltete; trotz Prominenz von Autor und Stück.

Das Landschaftstheater Lenzburg startete fulminant. Das Stück «Frühlings Erwachen» von Frank Wedekind lockte Scharen an. Wurden Sie damals vom Erfolg überrannt?

Hans Ulrich Glarner: Nein, im Gegenteil: Am Anfang mussten wir kämpfen. Das Vorverkaufssystem über den gewählten digitalen Kanal war kompliziert und noch in den Kinderschuhen. So verbreitete sich in Windeseile die Falschnachricht, alle Vorstellungen seien bereits ausverkauft. Das betraf aber nur ein einziges der Vorspiele in der Altstadt. Gleichzeitig waren die Reihen auf der Tribüne halb leer. Wir kämpften bis zur Halbzeit um Zuschauer und verkauften wieder Billette auf Papier im «Alten Amtshaus» in der Rathausgasse. Dann plötzlich standen die Leute Schlange und alle wollten das Stück sehen.

Haben Sie eine spezielle Erinnerung an die erste Produktion?

Das Wunder von Lenzburg waren für mich die jungen Hauptdarsteller, die fast ein Jahr von Louis Näf auf ihre Rollen vorbereitet worden waren. Bei den ersten Freilichtproben am Gofi war ich niedergeschmettert. Die unverstärkten Stimmen trugen nicht. Es war alles zu klein.

Doch Näf hatte uneingeschränktes Vertrauen in die jungen Menschen. Und tatsächlich: Bei der Premiere füllten sie die grosse Naturarena. Sie wuchsen unglaublich über sich hinaus. Nie habe ich die entfesselnde Kraft des Theaters stärker gespürt als in diesem Moment.

Haben Sie selber aktiv in einem Stück mitgespielt?

Ja, wir spielten im Jahr darauf weitere 35 Male eines der Vorspiele, «Der Brand von Egliswyl», mit Mike Müller als Sträfling mit der langen Bleiröhre auf den Schultern. Bei jedem Wetter! Einmal hat es sogar geschneit. Um eine der beiden Gagen einzusparen, übernahm ich die Rolle des Erzählers. Der halbstündige Monolog des Brandstifters ging mir jedes Mal durch Mark und Bein.

Weshalb wurde das Landschaftstheater Lenzburg gegründet?

Das Stapferhaus wollte «Frühlings Erwachen» im Rittersaal aufführen. Der Wunschregisseur Ruedi Häusermann war bereits ausgebucht und verwies uns auf den Innerschweizer Louis Näf. Erst unter dessen genialer Konzeption wurde das Vorhaben zum Landschaftstheater – schloss Altstadt und Gofi mit ein. Wir brauchten eine breit abgestützte Trägerschaft. Mit Sabina Binggeli, die eben ein erfolgreiches Einwohnerratspräsidium hinter sich hatte, fand sich die Idealbesetzung fürs Präsidium. Der Verein war geboren.

Hat sich das Landschaftstheater dann Ihren Vorstellungen entsprechend entwickelt?

Für mich war es künstlerisch eine einzigartige Sache, ein Bilderbogen, der sich in vielen Köpfen richtiggehend eingebrannt hat. Der von «Lothar» gefällte Apfelbaum mit den Rad schlagenden Mädchen am Horizont ist dafür nur ein Beispiel. Ich sehe sie heute noch, wenn ich zum Himmelsleiterli hinauf schaue. In der Folge hat der Verein dann namentlich mit «Ängelrain» diese Dichte noch getoppt.

Haben Sie einen Wunsch an die heute Verantwortlichen?

O, ja! Weil Lenzburg historisch verbürgter Schauplatz von «Frühlings Erwachen» ist, sollte man dieses Stück Weltliteratur einmal pro Generation, also alle 25 Jahre, hier inszenieren und einen neuen Markstein setzen. Wedekinds Meisterwerk gehört zu Lenzburg wie das «Welttheater» zu Einsiedeln.

Jetzt feiert das Landschaftstheater das 20-jährige Bestehen. Sind Sie stolz darauf?

Sehr. Fast so stolz wie aufs Stapferhaus.

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