Seengen
Schulleiter: «Ich will nicht Verwalter, sondern Gestalter sein»

Am Mittwoch erhielt die Schule Seengen den Jan-Amos-Comenius-Preis für das Projekt «Lernatelier und Lernort Pavillon». Schulleiter Urs Bögli im Interview .

Fritz Thut
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Schulleiter Urs Bögli vor dem «Lernort Pavillon» in Seengen, für den die Schule Seengen gestern den Jan-Amos-Comenius-Preis der Pädagogischen Hochschule FHNW erhielt.

Schulleiter Urs Bögli vor dem «Lernort Pavillon» in Seengen, für den die Schule Seengen gestern den Jan-Amos-Comenius-Preis der Pädagogischen Hochschule FHNW erhielt.

Sandra Ardizzone

Am Mittwoch erhielt die Schule Seengen im Solothurner Landhaus den Jan-Amos-Comenius-Preis, den die Pädagogische Hochschule FHNW für besonders innovative und nachhaltige Schulprojekte vergibt.

Seengen wurde ausgezeichnet für das Projekt «Lernatelier und Lernort Pavillon». Obwohl er in einer zehnköpfigen Delegation seine Mitstreiter mit an die feierliche Preisverteilung mitnahm, ist Schulleiter Urs Bögli die Triebfeder hinter diesem Programm. Er ist seit 2003 Leiter der Schule Seengen.

Jan-Amos-Comenius-Preis

Jährlich nominieren die Dozierenden und Forschenden der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Projekte, welche ihnen in der Berufspraxis durch besondere Innovation aufgefallen sind. Die Verleihung des Jan-Amos-Comenius-Preises findet im Rahmen der jährlichen Hochschulkonferenz der Pädagogischen Hochschule FHNW in Solothurn statt. Mit dem Jan-Amos-Comenius-Preis für Bildungsinnovation würdigt die Pädagogische Hochschule FHNW hervorragende Projekte aus der Bildungspraxis. Den Preis erhalten können Schulen, Weiterbildungseinrichtungen, einzelne innovative Gruppen von Lehrpersonen oder auch eine einzelne Lehrperson.
Jan Amos Comenius war ein in Mähren geborener und in Amsterdam verstorbener Universalgelehrter (Philosoph, Theologe und Pädagoge) und galt als herausragender Pädagoge des 17. Jahrhunderts.

Der Preis ist mit stolzen 10 000 Franken dotiert. Was machen Sie damit?

Urs Bögli: Es ist eine Vorgabe der Preisverleiher, dass das Preisgeld für die Weiterentwicklung der ausgezeichneten Projekte eingesetzt werden muss. Bei uns kommt die Summe sicher den Schülern zugute; sie müssen konkret etwas merken davon. Eventuell werden wir damit eine Erweiterung des Angebotes in Angriff nehmen.

Weshalb hat die Schule Seengen diesen Preis bekommen?

Mit diesem Preis werden Projekte ausgezeichnet, die praxistauglich und keine Eintagesfliege sind. Dies haben wir mit dem «Lernort Pavillon» erreicht. Bei mir muss etwas handfest sein, einfach, klar und nachhaltig sein.

Dann ist die Auszeichnung auch eine persönliche Genugtuung?

Ich freue mich zusammen mit der ganzen Schule über den Preis. Er ist eine Bestätigung, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind.

Im «Pavillon» werden verschiedene Zusatzangebote für die Schüler zusammengefasst, für schlechte und hochbegabte, für schwierige und renitente Schüler; das sind klassische Elemente der Integrativen Schule.

Mit der integrierten Schule, die in gewissen Politikerkreisen einen schlechten Ruf geniesst, hat unser Projekt nicht direkt zu tun. So wie wir Integration verstehen, werden gute Schüler nicht behindert.

Der «Pavillon» ist ein Angebot für wirklich alle Schüler; wir nehmen hier Rücksicht auf die Heterogenität in den Klassen. Der Begriff Integration wird bei uns nicht auf die Integration in der Klasse beschränkt, sondern auf die Schule.

Die Auszeichnung gilt aber nicht nur dem «Pavillon», sondern auch dem «Lernatelier». Was ist das?

In der Oberstufe gibt es pro Woche zwei bis sechs «Lernatelier»-Stunden, die vom normalen Stundenplan abgezweigt werden. Hier arbeiten die Schüler fächerübergreifend an eigenen Lernzielen in der Klasse.

Die Schüler führen ein «Lernjournal». Dort reflektieren sie über Lerninhalte; sie werden dadurch aktiver und merken, dass sie ihren Arbeit selber planen können. Die Lehrer werden hier zu Coaches.

Nach dem Test in Pilotklassen seit fünf Jahren ist das «Lernatelier» ab diesem Schuljahr für die Sek- und Real-Klassen Pflicht, ab nächstem Schuljahr soll auch eine angepasste Form an der Bez eingeführt werden.

Bei Ihnen ist zu spüren, dass die Schule mehr ist als die Vermittlerin von vorgeschriebenem Stoff.

Ich will die Lern-Bulimie durchbrechen. Nachhaltiges Lernen ist wichtig, und dies passiert nicht nur über mechanisiertes Üben. Es geht ums Abrufen, Vernetzen und Zusammenführen.

Nicht alle Schulleiter können sich solch grundsätzliche Gedanken machen und vor allem diese dann in Projekte umsetzen.

Von Beginn weg habe ich gesagt, dass ich nicht Verwalter, sondern Gestalter sein will. Hier in Seengen habe ich dank der Offenheit der Schulpflege und der Mehrheit der Lehrpersonen die Möglichkeiten, Ideen umzusetzen.

Vor allem der «Lernort Pavillon» scheint Schule zu machen.

Wir haben tatsächlich 15 bis 20 Besucher von andern Schulen aus dem Aargau und von weiter her pro Jahr, die sich unser Projekt vor Ort anschauen wollen.

Was geben Sie Interessenten mit auf dem Weg?

Der Start eines solchen Projektes hat nichts mit Finanzen oder dem äusseren Rahmen zu tun, sondern beginnt mit dem Willen, etwas verändern zu wollen. Zudem geben wir den Tipp: Beginnt mit etwas Simplem.

Haben Sie da ein Beispiel?

Dies kann etwas Ähnliches sein wie unser Ampelsystem beim «Lernatelier»: Ein Schüler mit grün hatte alle Freiheiten sich zu organisieren; «gelbe» Schüler müssen jeweils die Lehrperson fragen; «rote» Schüler müssen erst gar nicht fragen, für sie gilt ein enges Korsett. Es ist ein natürliches Wesenszug des Menschen: Jeder will möglichst viele Freiheiten.

Stärkt der Jan-Amos-Comenius-Preis die Position der Projekte innerhalb der Gemeinde?

Das weiss ich noch nicht, doch haben wir bereits die Zusage der Gemeinde, dass das Projekt weitergeht, selbst wenn die Holzbaracke mit dem «Lernort Pavillon» verschwindet. Das Konzept soll in einen allfälligen Neubau integriert werden; im Investitionsplan wird dafür Geld vorgesehen.

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