Lenzburgiade
Musikalische Ausflüge um die halbe Welt

Das Jubiläumsprogramm in Lenzburg beschert den Besucherinnen und Besuchern vielfältigen Musikgenuss.

Rebekka Meyer
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Lenzburgiade

Lenzburgiade

Lenzburger Bezirks-Anzeiger

Im lauschigen Innenhof des Schlosses Lenzburg riecht es an diesem frühen Abend nach sommerlicher Sonntagsstimmung. Man sitzt draussen, trinkt ein Glas Wein vor dem Konzert, plaudert gemütlich oder unternimmt einen Spaziergang durch den schmucken Schlossgarten. Doch der Schein trügt. Gefährlich nah über den Zinnen und Giebeln des Schlosses bauschen sich dunkle Wolken und die schweren Baumkronen wiegen rauschend im starken Wind. Und auch wenn hie und da die Sonne mit heftigen Strahlen durch die Wolkendecke bricht, kann das Konzert an diesem Pfingstsonntag nicht wie geplant im Schlosshof stattfinden.

Das «mechanische» Paris

Vogelgezwitscher gibt es allerdings auch im Rittersaal in Gestalt eines kleinen mechanischen Vögelchens in einer Voliere. «Paris Mécanique – Im Olymp der Drehorgel» nennt sich der Konzertabend und er nimmt die Zuhörer mit ins Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit Claude Debussys «Images» eröffnet der kaum 20-jährige Schweizer Pianist Teo Gheorghiu. Spielt ein schöner Mann weich-fliessend und sanft-perlend, mit innerer Ruhe und doch so viel Ausdruckskraft Debussy, muss das Kritikerinnenherz einfach zerfliessen.

Nach der Pause dann steht das «Mécanique» im Vordergrund: Eine verrückte Truppe ist das, die mit Klarinetten, Saxofon und einer Drehorgel vorwiegend Musik der Groupe des Six und deren Umkreis, aber auch von Leroy Anderson und György Ligeti aufführt. Das Trio di Clarone um Sabine Meyer, der Jazzmusiker Michael Riessler und der Drehorgelspieler Pierre Charial, der alle Lochkarten für sein Instrument selbst anfertigt, werfen in ihren Interpretationen und Arrangements ein neues Licht auf die Kompositionen, betonen die humoristischen, ironischen Aspekte und steigern sich durch den Einsatz der Drehorgel zu immer höllischeren Tempi. Faszinierend und mit vielen ungewöhnlichen Klängen bieten die fünf Musiker, trotz einiger rhythmischer Ungenauigkeiten, ein Abenteuer für Aug und Ohr.

Auch das Konzert am Samstagabend im Alten Gemeindesaal von Lenzburg gefiel. Die fünf Mitglieder des Ensembles Söndörgö gehören zur serbokroatischen Minderheit Ungarns und pflegen deren musikalisches Erbe. Dabei steht die Tambura im Zentrum, ein Langhalszupfinstrument, welches in verschiedenen Grössen zum Einsatz kommt. Extreme Fingerfertigkeit und höchste Virtuosität verlangt die durch starkes Tremolo in der Melodie und hohe Tempi geprägte Spielweise von den Musikern. Der Horizont hört bei den Musikern mit der eigenen Volksmusik nicht auf: So spielen sie auch Werke von Béla Bartók und mazedonische Weisen und reichern die Tamburas immer wieder mit Saxofon oder Hirtenflöte, mit Perkussionsinstrumenten oder Gesang an. Sie kreieren einen treibenden, rhythmisch-pulsierenden, sich in musikalischen «Duellen» steigernden Sound, der die Zuhörer in Begeisterungsstürme ausbrechen lässt und direkt in die Beine geht. Zu solcher Musik muss man einfach tanzen und daher ist es unverständlich, dass man sich wie am Parteitag an lange Tische quetschen muss, wo man höchstens mal mitklatschen darf.