Kein Entgegenkommen
Mietzinsreduktion wegen Corona? Davon kann dieser Dintiker Unternehmer nur träumen

Der Dintiker Eventunternehmer Marco Volpi (46) ist wegen der Coronakrise dringend auf eine Mietzinsreduktion angewiesen. Doch der israelische Immobilieninvestor kommt Volpi keinen Schritte entgegen – im Gegenteil.

Urs Helbling
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Marco Volpi in seinem Hochregallager in Dintikon. Seine Firma rent-a-lounge besitzt Tausende Möbelstücke und Dekorationsartikel.

Marco Volpi in seinem Hochregallager in Dintikon. Seine Firma rent-a-lounge besitzt Tausende Möbelstücke und Dekorationsartikel.

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Viele Vermieter sind grosszügig mit ihren coronageschädigten Mietern. Viele, insbesondere bürgerliche Politiker setzen auf freiwillige Lösungen, tun sich schwer mit der vom Bundesrat anvisierten, verordneten Mietreduktion von 60 Prozent (die entsprechende Botschaft wird demnächst verabschiedet).

Aber geht es wirklich ohne Covid-­19-Geschäftsmietengesetz? Das erschütternde Beispiel des Unternehmers Marco Volpi (46) lässt Zweifel aufkommen. Sein Vermieter, ein milliardenschwerer israelischer Immobilieninvestor, kommt Volpi keinen Franken entgegen. Im Gegenteil. Er verlangt noch Verzugszinsen auf die Mieten, die Volpi auf ein Sperrkonto einbezahlt hat. Eine Schlichtungsverhandlung beim Bezirksgericht Lenzburg ist gescheitert.

Das Unternehmen ist von 16 auf 6 Mitarbeiter geschrumpft

«Auf unseren Möbeln sassen schon Musikstars, Schauspieler, Präsidenten», erklärt Marco Volpi. Vor 14 Jahren hat er in Vogelsang (Gebenstorf) die Firma Rent-a-lounge gegründet. Am Anfang waren sie zu zweit. Im letzten Januar hatte das Unternehmen 16 Festangestellte (2017 ist durch Kauf Eventdekorationen.ch dazugekommen). Ab November werden es noch 6 sein.

Für das in der Eventbranche tätige Unternehmen ist der Markt mit dem Veranstaltungsverbot Ende Februar total zusammengebrochen. «Wir machen nur noch etwa zehn Prozent Umsatz», erklärt Volpi. Vor allem mit kleinen Anlässen wie Hochzeiten. Die Aussichten sind düster: 90 Prozent der Weihnachtsfeiern sind abgesagt, ebenso das WEF; ja, es gibt sogar Grosskonzerne, die bereits für das ganze 2021 die Durchführung von allen Anlässen verboten haben.

«Den Vermieter interessiert nicht, wie schlecht es uns geht»

Familienvater Volpi kämpft. Er hat schon erhebliche private Mittel eingeschossen, damit das Unternehmen nicht untergeht, damit die Strapazen der jahrelangen Aufbauarbeit nicht für die Katz waren. Von der öffentlichen Hand kann er, abgesehen von der Kurzarbeitsentschädigung für seine Mitarbeiter, keine grosse Hilfe erwarten.

Aber von seinem Vermieter hätte er das gängige Mass an Entgegenkommen erwartet. «Doch den interessiert nicht, wie schlecht es uns geht», sagt Volpi. Er hat ihm zwei Vorschläge gemacht: einen temporären Mieterlass (bis wieder ein monatlicher Umsatz von 70000 Franken erreicht wird), kombiniert mit einer Mietvertragsverlängerung und einer teilweisen Mietrückzahlung.

Isaac Schapira in Winterthur.

Isaac Schapira in Winterthur.

Marc Dahinden

Der Immobilienbesitzer stellt sich auf den Standpunkt «Vertrag ist Vertrag» und hat vollumfänglich abgelehnt. «Mit solchen Leuten kann man nicht reden. Die wollen nur ihren Profit», erklärt Volpi. Es interessiere ihn noch nicht einmal, dass, sollte Rent-a-lounge pleitegehen, das Gebäude wohl jahrelang leer stehen werde.

Weil Volpi die Mieten in den letzten Monaten auf ein Sperrkonto einbezahlt hatte, kam es am 20. August zu einer Schlichtungsverhandlung. Der Immobilieninvestor liess sich durch einen Anwalt einer Zürcher Topkanzlei vertreten. Und der sagte nur: Es gibt kein Entgegenkommen.

Hausbesitzer ist von der Queen ausgezeichnet worden

Volpi ist mit seiner Firma vor vier Jahren ins Industriegebiet von Dintikon gezogen. An die Silostrasse 7 (nördlich der Lyreco, Höhe der Getreidesilos). In eine ehemalige Chemiefabrik, die jahrelang leer stand. Er hat einen Fünfjahresvertrag (läuft im September 2021 ab). Als Einzelfirma (Aktiengesellschaft ist sie erst neuerdings): Das heisst, Volpi haftet mit seinem Privatvermögen. Bezahlt wird die Miete quartalsweise im Voraus. Die nächste Rate von 102510 Franken wird Ende September fällig.

Den Vermieter hat Marco Volpi erst einmal persönlich gesehen. 2017 kam der in Tel Aviv wohnende Isaac Schapira mit Limousine und zwei Bodyguards angefahren. Isaac Schapira ist äusserst öffentlichkeitsscheu. In der Schweiz gab er im Frühling 2018 letztmals ein Interview, als er (vergeblich) versuchte, der Stadt Winterthur Land für ein Demenzheim abzukaufen.

Isaac Schapira ist ein prominentes Mitglied der charedischen Gemeinschaft Israels. Er ist 2013 von der Queen für seine jahrelangen Vermittlungsbemühungen zwischen der britischen Gesellschaft und der britischen (Ultra-)Orthodoxie ausgezeichnet worden. Im Immobiliengeschäft ist er seit 1997. Er betreibt er zusammen mit seinen Brüdern Samuel und Pinchas.

«Mein Vater war Vorsitzender der Nationalbank, jahrelang haben die Geldscheine seine Unterschrift getragen», erklärte Isaac Schapira im Mai 2018 dem «Landboten». Avraham Yosef Schapira war laut «Landbote» eine illustre Figur, ein Lebemann und Stratege, der die israelische Politik fast zwei Jahrzehnte mitprägte. In Rumänien geboren und in Polen aufgewachsen, war er mit seiner Familie vor den Nazis geflohen. In den Fünfzigerjahren kam er nach Tel Aviv, wo er ein Rabbinerstudium absolvierte und eine kleine Teppichfirma zu einem Unternehmen mit zwischenzeitlich über 1000 Beschäftigten ausbaute.

Die Brüder Isaac, Samuel und Pinchas haben eine Stiftung, die Schapira-Family-Foundation (Zug), mit der sie bedürftige Familien unterstützen. «Auch ich habe zwei Kinder und hafte als Einzelfirma mit meinem Haus. Meine Mitarbeiter haben Familien und zusammen zwölf Kinder», hat Marco Volpi seinem Vermieter im Mai geschrieben. Doch der Milliardär zeigte kein Herz.