Drogenhandel
Lukratives Geschäft: Drogen als Putzmittel verkauft

Ein 33-jähriger Mann aus dem Seetal verkaufte übers Internet mehr als 280 Liter der Droge GBL, die auch als K.O-Tropfen bekannt ist. Obwohl viele seiner Kunden zu Schaden kamen, sah sich der Angeklagte nie als Straftäter und gibt sich verblüfft.

Manuel Bühlmann
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Die Flüssigdroge GBL kann auch als K.-o.-Tropfen missbraucht werden.

Die Flüssigdroge GBL kann auch als K.-o.-Tropfen missbraucht werden.

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Das Bewusstsein erweitern – was Menschen mit Substanzen aller Art versuchen, versprach der Name der Firma eines 33-jährigen Mannes aus dem Seetal. Die Produkte verkaufte er als Reinigungsmittel und nannte sie «Remove». Das Geschäft florierte. Viermal bestellte er übers Internet die Flüssigkeit GBL (Gammahydroxybutyrolacton) in 200-Liter-Fässern aus Deutschland – ganz legal. Er besass eine Bewilligung für die Einfuhr der Substanz, die in der Industrie in grossen Mengen eingesetzt wird. Illegal hingegen war das, was danach folgte: Der Informatiker vertrieb die Droge über seine eigene Website; einen Liter zum Preis von rund 200 Franken.

Viel zu teuer für ein Putzmittel, befand das Bezirksgericht Lenzburg. Dort hatten die Richter am Donnerstag über den grössten bekannten GBL-Fall in der Schweiz zu urteilen. Sie schenkten dem nicht vorbestraften Angeklagten keinen Glauben, der angab, die Produkte nicht als Droge, sondern als Reinigungsmittel für die Entfernung von Graffiti und Flecken verkauft zu haben.

Vier Jahre Gefängnis

Vier Jahre Freiheitsstrafe wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz lautet das Urteil des Bezirksgerichts. Zwölf Monate weniger als vom Oberstaatsanwalt gefordert. Der Angeklagte habe egoistisch, skrupellos und aus finanziellen Gründen gehandelt, heisst es in der Urteilsbegründung.

Vor über sechs Jahren hat der Angeklagte damit begonnen, seine vermeintlich clevere Geschäftsidee umzusetzen: Er importierte GBL in grossen Mengen aus dem deutschen Wuppertal und bot diese in Portionen von 0,1 bis 3 Litern übers Internet zum Kauf an. Per Post schickte er die bestellte Ware an Kunden in der ganzen Schweiz. Mindestens 76 von ihnen hatten jedoch anderes im Sinn als hartnäckige Flecken zu entfernen; sie gaben an, die Flüssigkeit als Droge konsumiert zu haben. Insgesamt über 280 Liter hat der Angeklagte den 76 Kunden geliefert. Die restlichen über 500 Liter wurden grösstenteils ebenfalls verkauft. In diesen Fällen fehlt jedoch der Nachweis, dass die Substanz als Betäubungsmittel verwendet worden ist.

Ein lukratives Geschäftsmodell

Mit diesem Geschäftsmodell liess sich gutes Geld verdienen. Die Marge von bis zu 1900 Prozent sorgte für einen Gewinn von rund 50000 Franken. Das Geld habe ihn nie interessiert, sagte der Angeklagte vor Gericht. Das Geschäft habe er aus einem anderen Grund betrieben: «Ich wollte die Anerkennung meines Vaters gewinnen, die ich nie erhielt.» Er habe beweisen wollen, dass er etwas auf die Reihe kriege.

Viele der 76 Kunden zahlten nicht nur finanziell, sondern auch gesundheitlich einen hohen Preis. Einige berichten von Bewusstseinsverlust, Schlafstörungen und Gedächtnisstörungen. Andere wachten nachts alle zwei Stunden auf oder brauchten GBL bereits am Morgen, um leistungsfähig für den bevorstehenden Arbeitstag zu sein. Und wieder andere Kunden gerieten in eine Abhängigkeit. Diese schlug sich unter anderem in starken Entzugserscheinungen wie Angstzuständen, Wahnvorstellungen oder Appetitlosigkeit nieder.

Junger Mann nimmt überdosis und fällt ins Koma

Ein besorgter Vater eines Kunden bat gar den Angeklagten in einem E-Mail, seinen Sohn für den Kauf der «Remove»-Produkte zu sperren. Dieser hatte aus dem gelieferten GBL die Droge GHB hergestellt. Nachdem er eine Überdosis eingenommen hatte, fiel der Sohn in einen komatösen Zustand und musste ins Spital eingeliefert werden. Es folgte ein Entzug mit ärztlicher Begleitung.

Zwar kam der Angeklagte, der selber kein GBL konsumiert, dem Wunsch des Vaters nach und setzte dessen Sohn auf die Sperrliste, die Geschäfte liess er jedoch weiterlaufen. Obwohl das E-Mail bereits im März 2007 eingetroffen war, verkaufte er seine Produkte noch bis Januar 2008. Die über einen Monat dauernde Untersuchungshaft im Spätsommer 2008 bedeutete das endgültige Aus für das lukrative Geschäft.

Die U-Haft habe er als Schock empfunden, sagte der 33-Jährige während der Gerichtsverhandlung. Er sei der Meinung gewesen, nach Schweizer Recht gehandelt zu haben. So antwortete er auf die Frage des Gerichtspräsidenten, welche Strafe er sich selber geben würde: «Keine, weil ich mich ans Gesetz gehalten habe.» Moralisch sehe er allerdings eine grosse Schuld bei sich. Es tue ihm sehr leid für die Geschädigten.

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