Lenzburg

«Lernende ausbilden ist kein Geschäft»: Diese Aargauer Firma kämpft dennoch gegen das Nachwuchsproblem

Fürs Foto stellt sich Geschäftsführer Reto Bader ins Entwicklungszentrum der Firma.

Fürs Foto stellt sich Geschäftsführer Reto Bader ins Entwicklungszentrum der Firma.

Bei der Chestonag Automation AG in Seengen sind rund zehn Prozent der Mitarbeitenden Lernende. Der Geschäftsführer wünscht sich mehr Nachwuchs in der Branche – vor allem weiblichen, denn dieser ist stark untervertreten.

Wenn Reto Bader sich etwas wünschen könnte, müsste er nicht lange überlegen: Der Geschäftsführer der Chestonag Automation AG in Seengen hätte gerne mehr junge Menschen, die sich für eine technische Ausbildung entschliessen. Speziell die Frauen, sagt er, seien in diesen Berufen nach wie vor stark untervertreten. Bader weiss, wovon er spricht: Unter den rund 50 Automations-Spezialisten der Chestonag Automation AG fehlt das weibliche Element bisher gänzlich. Mit diesem Zustand sei man in Seengen jedoch in guter Gesellschaft in der Branche, betont er. Die wenigen Mitarbeiterinnen, welche die Chestonag AG beschäftigt, arbeiten in der Administration und der Finanzabteilung.

Diesen Umstand möchte Reto Bader ändern und mehr Schulabgänger und ganz besonders auch junge Frauen für eine Ausbildung in der Automations- und Informatikbranche begeistern. «Dabei denke ich nicht nur an uns», zeigt Bader sich solidarisch mit der gesamten Branche. Das war mit ein Grund, weshalb das KMU aus dem Seetal nicht lange zögerte, als die Einladung des Lebensraums Lenzburg Seetal (LLS) ins Haus flatterte mit dem Angebot, sich an der Berufsschau an der Lenzburger Gewerbeausstellung (LEGA’20) im Herbst zu beteiligen. Der Gewerbeverein Lenzburg und Umgebung plant, in einer Sonderveranstaltung über 70 Lehrberufe, Ausbildungen und Weiterbildungsmöglichkeiten bei regionalen Unternehmen zu präsentieren. Dabei sollen primär Lernende an vorderster Front für eine Berufslehre begeistern, so die Vorstellung des Gewerbes.

Im Gleichschritt mit der Automations- und Informatik-Branche kämpfen viele gewerbliche Berufe mit Nachwuchsproblemen. Bereits vor zwei Wochen hat Urs Kohler, Direktor von Gastroaargau, sich über den zunehmenden Schwund an qualifiziertem Personal in der Gastronomie beklagt.

Das KMU im Seetal gehört den Mitarbeitenden

Das Ingenieur- und Software-Unternehmen am Hallwilersee AG entwickelt, projektiert und installiert kundenspezifische Automationslösungen für die öffentliche Hand und für Unternehmen. Diese sind in den Bereichen kommunale Ver- und Entsorgung, Gebäudeautomation und Kälteerzeugung, Energietechnik und Industrieautomation zu finden. «In der deutschsprachigen Schweiz und in Teilen des Tessins sind wir in der Automation von Abwasserreinigungsanlagen ein wichtiger Player und können mit den Grossen der Branche problemlos mithalten», sagt Bader nicht ohne Stolz. «Bisher haben wir über 3000 Projekte realisiert», sagt der Chestonag-Geschäftsführer.

Das 1987 in Möriken gegründete Unternehmen ist vor zwanzig Jahren nach Seengen in eine ehemalige Schreinerei gezogen.

So einfach lässt sich das Seetaler KMU jedoch nicht mit dem Gros der übrigen Klein- und Mittelbetriebe vergleichen. Seine Einzigartigkeit dürfte mit ein Grund gewesen sein, dass der Aargauer Unternehmerpreis in der Kategorie Dienstleistungs- und Handelsunternehmen bis 250 Mitarbeitende vor acht Jahren ins Seetal ging. Ein spezielles Geschenk zum damals 25-jährigen Bestehen des Betriebes. Die Unternehmensstruktur der Chestonag Automations AG ist nämlich eine ganz besondere. Die Firma gehört zum grossen Teil den Mitarbeitenden gleich selber. Rund zwei Drittel von ihnen halten unterschiedlich grosse Aktienanteile, erzählt Reto Bader. Das habe sich bewährt. Gegen zwei Drittel der Belegschaft sind langjährige Angestellte. Fünf Jahre muss man bei der Firma arbeiten und mindestens dreissig Jahre alt sein, bis man aktienberechtigter Partner werden kann. Das Beteiligungsmodell hat laut Bader viele Vorteile. «Wir haben ausserordentlich engagierte und verantwortungsvolle Mitarbeiter und Partner.»

Reto Bader startete seine Berufskarriere ausserhalb der Chestonag Automations AG. Er stiess vor sechs Jahren zur Firma. Vor drei Jahren übernahm der 47-Jährige die Geschäftsführung von Gründungsmitglied Markus Möhl, der den Verwaltungsrat präsidiert. Bader ist im Wynental aufgewachsen. Einer gewerblichen Ausbildung schloss er ein Studium als Elektroingenieur HTL an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch an. Der Geschäftsführer wohnt mit seiner Familie in Egliswil.

Chestonag-Lernende haben neugierig zu sein

Bei der Chestonag Automations AG werden schon seit Jahren Lehrlinge ausgebildet: Informatiker, Automatiker und kaufmännische Berufsleute. Rund zehn Prozent der Belegschaft ist in der Ausbildung. Bader weiss um die Vorbildfunktion der Seetaler Unternehmens in einem wirtschaftlichen Umfeld, das sich zunehmend von der Ausbildung von Nachwuchsleuten verabschiedet. «Die Lehrlingsausbildung ist eben kein Geschäft», sagt er und lacht. Trotzdem hofft man, dass die Chestonag-Kultur die eine oder andere Firma, die heute keine Lehrlinge mehr beschäftigt, zum Umdenken bewegt.

Wer bei der Chestonag Automations AG eine Lehre machen will, muss beweisen, dass er oder sie die notwendigen grundsätzlichen Fähigkeiten mitbringt. Ebenso wichtig: Er muss Interesse zeigen sowie neugierig sein. Regelmässig werden Schnuppertage durchgeführt. «Wir wollen die jungen Leute kennen lernen, bevor wir sie anstellen», sagt Bader. Die familiäre Unternehmenskultur ist auf dem Arbeitsmarkt nicht unbemerkt geblieben. Das Seenger KMU scheint ein begehrter Arbeitgeber zu sein. Geschäftsführer Bader ist zufrieden. «Wir haben bis jetzt praktisch immer Glück gehabt, und unsere Vakanzen mit guten Fachleuten besetzen können», sagt er. Zudem setze die Chestonag Automations AG auf eigenen Nachwuchs. Gute Leute werden weiterbeschäftigt. Die Karriereleiter steht jedermann offen. Bis weit hinauf: Ein ehemaliger Lernender ist heute Mitglied der Geschäftsleitung.

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