Lenzburg
Wird der Stadtrat linker und grüner?

Die SP rüstet zum Kampf. Die wählerstärkste Lenzburger Partei strebt einen zweiten Sitz in der Exekutive an.

Ruth Steiner
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Lenzburg scheint auf einen spannenden, heissen Wahlsommer zuzusteuern. Gegen den bisher bürgerlich ausgerichteten Stadtrat baut sich kräftiger Gegenwind aus dem linken Lager auf. Noch ist die Kandidatur nicht offiziell – doch gestern hat die SP-Parteileitung ihren «lieben Mitgliedern und lieben Sympis» die Einladung zur Stadtratsnominationsversammlung verschickt. Darin heisst es, der Vorstand habe beschlossen, «eine zweite Vertretung im Stadtrat anzustreben». Nebst Stadtammann Daniel Mosimann, der seit 2013 im Amt ist (und seit 2017 im Grossrat), schlägt der Vorstand den Genossinnen und Genossen vor, in der digital durchzuführenden Veranstaltung am 21. April «die vielfältig engagierte Lenzburgerin, langjährige Einwohnerrätin, amtierende Vizepräsidentin des Einwohnerrats und SP-Fraktionspräsidentin Beatrice Taubert-Baldinger» als Kandidatin für den Stadtrat auf den Schild zu heben. Der Anspruch der Linken überrascht nicht: Bei den Gesamterneuerungswahlen in den Einwohnerrat im Jahr 2017 haben sie die SVP als wählerstärkste Partei abgelöst. Die nun für eine Nomination zur Diskussion stehende Beatrice Taubert hatte damals 980 Stimmen und damit unter den vierzig gewählten Einwohnerrätinnen und Einwohnerräten das Spitzenresultat erzielt. Tauberts Nomination am 21. April dürfte eine reine Formsache sein. Bei Wahl müsste Taubert Job bei der Stadt quittieren «Die Stadt liegt mir seit Jahren am Herzen. In diversen Funktionen setze ich mich für Lenzburg ein, privat wie beruflich», sagt die 51-jährige Innenarchitektin und Gestalterin zu ihrer Motivation, sich für eine allfällige Kandidatur zur Verfügung zu stellen. Taubert ist verheiratet und Mutter von drei teilweise bereits erwachsenen Söhnen. 2010 ist sie als Einwohnerrätin für die SP in die Lokalpolitik eingestiegen, seit 2015 ist sie Mitglied der Energiekommission. Bei den Grossratswahlen im vergangenen Jahr hat sie ein beachtliches Resultat erzielt. Sie ist erster Ersatz auf der SP-Liste des Bezirks Lenzburg. Gemeinsam mit Barbara Portmann und Sabine Sutter-Suter gehört Taubert zur Kerngruppe der Frauen, welche das Familienzentrum familie+ aufgebaut haben. Diese Tätigkeit wird sie Ende April weitergeben. Seit einigen Jahren ist sie zudem Mitglied der Geschäftsleitung der Wohnbaugenossenschaft Lenzburg (WGL) und Vizepräsidentin von deren Vorstand. Beruflich ist Taubert als Energiestadt-Koordinatorin in der städtischen Verwaltung tätig. Dort arbeitet sie in einem 70-Prozent-Pensum als Sachbearbeiterin in der Abteilung Stadtplanung & Hochbau. Die Parteileitung und Taubert legen Wert auf die Feststellung, dass sie ihren Job bei einer Wahl zur Stadträtin aufgeben würde. Die Stadt als Arbeitgeberin zu haben und gleichenorts ein Exekutivamt zu bekleiden, ist nicht gestattet. Bürgerliche Stadtratssitze wackeln Die Ankündigung der SP hat es in sich. Sollte Beatrice Taubert nominiert werden, ist sie nach der bereits ernannten Grünliberalen Barbara Portmann-Müller (AZ vom 8.4.) die zweite Kandidatin aus dem links-grünen Lager. Beiden Frauen dürfen reelle Wahlchancen eingeräumt werden. Darauf hin deutet nicht zuletzt das Wahlverhalten der Lenzburgerinnen und Lenzburger bei den vergangenen Abstimmungen, das Richtung links zeigt. Kommt es in der Folge am Wahltag, am 26. September, im bisher vornehmlich bürgerlich geprägten Lenzburger Stadtrat zu einem politischen Richtungswechsel? Aktuell hat die FDP zwei Stadträte; SP, SVP und CVP – Die Mitte je einen. Von den bisherigen fünf Stadträten treten mit Martin Stücheli (SVP), Martin Steinmann (FDP) und Franziska Möhl (CVP-Die Mitte) gleichzeitig drei der vier bürgerlichen Exekutivmitglieder nicht mehr an. Welche Pläne haben nun die bürgerlichen Parteien, um «ihren» Stadtratssitz zu retten? Wie reagieren die anderen Parteien? Noch haben nicht alle ihre Karten aufgedeckt. Von den Parteien, die einen Sitz zu verteidigen haben, hat bisher einzig die FDP offiziell eine Kandidatur gestellt: Sie hat den Wahlreigen eröffnet und steigt mit dem «s’Bärli»-Gastronomen und Einwohnerratspräsidenten Sven Ammann ins Rennen (AZ vom 23.3.). Bei der SVP ist Corin Ballhaus bereits im vergangenen Herbst vorgeprescht. Die selbstständige Kommunikationsspezialistin und Präsidentin der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission (GPFK) hat sich im Vorfeld der Grossratswahlen im letzten Jahr in dieser Zeitung gleich selber ins Gespräch gebracht. In den kommenden Tagen werde der Vorstand der SVP die 55-jährige Ballhaus den Mitgliedern, coronabedingt in schriftlicher Form, zur offiziellen Nomination vorschlagen, erklärt Präsidentin Brigitte Vogel. CVP – Die Mitte will Franziska Möhls Sitz nicht kampflos freigeben. Die Partei, aktuell die fünftstärkste Kraft im Einwohnerrat, ist noch mit dem internen Auswahlverfahren beschäftigt, sagt Co-Präsidentin Elisabeth Tribaldos. Der Entscheid soll am Parteitag gefällt werden. Dieser ist der Pandemie wegen auf den 26. Mai verschoben worden. «Ob wir Namen vorher schon bekanntgeben, haben wir noch nicht entschieden, vermutlich aber schon», sagt Tribaldos. Den Grünen ist von der Parteigrösse her kaum ein Sitz zuzutrauen. Sie wollen jedoch die SP-Nominationsveranstaltung abwarten, bevor sie sich entscheiden. Bei der SP scheint man sich indessen den Support von grüner Seite bereits gewiss zu sein. «Unseres Wissens wird von den Grünen niemand kandidieren, wir hoffen auf deren Unterstützung», schreibt SP-Präsident Thomas Schaer in der Mitteilung an die Mitglieder.