100-jähriges Jubiläum
In Lenzburg sind die Jungschwinger König

Der Schwingklub Lenzburg und Umgebung blickt auf eine bewegte, sportlich erfolgreiche 100-jährige Geschichte zurück. Seit Jahren wird beim Nachwuchs viel Aufbauarbeit geleistet.

Ruth Steiner
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Die Jungschwinger mit ihren Trainern Nick Alpiger und Jonas Graber (hinten links und rechts) im Schwingkeller in Möriken-Wildegg.

Die Jungschwinger mit ihren Trainern Nick Alpiger und Jonas Graber (hinten links und rechts) im Schwingkeller in Möriken-Wildegg.

Zvg/Pascale Alpiger / Aargauer Zeitung

Auch wenn sich das Schwingen vom Nationalspiel zum Leistungssport gewandelt habe, sei nichts vom ursprünglichen Charakter verloren gegangen. Gerade in den aktuellen Zeiten eines raschen Wandels biete sich die Möglichkeit, «diese Modetrends mit Werten, wie sie dem Schwinger eigen sind, zu korrigieren: mit Härte, Fairness im Wettkampf, Grösse im Sieg und in der Niederlage».

Nein, diese Zeilen sind nicht Teil irgendeines Gründungsschwurs und nicht vor hundert Jahren geschrieben worden. Sie sind erst 25 Jahre alt, verfasst von Peter Aegerter in der Jubiläumsschrift 1996. Aegerter war damals Präsident des Schwingklubs Lenzburg und Umgebung. Seither hat der Globalisierungsboom die Welt verändert. Die Werte der Schwingerfamilie haben dem rasanten Wandel standgehalten, bestätigt Martin Buchmann. Er präsidiert den Schwingklub seit November 2017. Buchmann wird das Vorwort für die aktuelle Jubiläumsschrift zum 100-jährigen Bestehen des Schwingklubs Lenzburg in einem ähnlichen Credo verfassen, wie es vor einem Vierteljahrhundert gemacht wurde.

Martin Buchmann ist vor noch nicht einmal zehn Jahren als Vater eines schwingbegeisterten Sohnes zum Nationalsport gestossen. Jetzt sitzt er im Schwingkeller in Möriken-Wildegg. Der Schwingkeller ist von der Schwingerfamilie in vielen Stunden Fronarbeit erstellt und 2009 in Betrieb genommen worden. Der Boden ist ausgelegt mit einer dicken Sägemehlschicht, an Haken an der Wand hängen unzählige Schwingerhosen. Der Präsident schwärmt vom «speziellen Geist, der in der Schwingerfamilie herrscht», vom Zusammenhalt unter den Aktiven, vom respektvollen Umgang miteinander und von hart aber fair geführten Wettkämpfen. Buchmann, ehemaliger Handballer, zeigt sich beeindruckt von den fürs schwingsportfremde Publikum nicht immer nachvollziehbaren Wettkampfmethoden. «Wenn zwei sich im Ring während fünf Minuten abwartend verhalten und sich umherstossen, denkt man oft, sie sollen sich endlich bewegen. Dabei hat man keine Ahnung, welche Kräfte auch in solchen Momenten wirken.» Martin Buchmann ist fasziniert von der ureigenen Charakteristik des Schwingsports, spricht von einer schier unglaublichen Demut der Wettkämpfer.

«Wo gibt es das noch, dass einer an einem Schwingfest am Sonntagnachmittag vor einer Publikumskulisse mit 50000 Leuten schwingt und ein paar Stunden später daheim im Stall seine Kühe melkt oder tags darauf in einem Strassengraben schaufelt, als wäre nichts geschehen?»

Buchmanns Frage hat rhetorischen ­Charakter.

Der Schwingklub Lenzburg wurde am 26. Januar 1921 mit vierzig Mitgliedern gegründet. Trainiert wurde im Schwingkeller der alten Turnhalle in Lenzburg. Sportlich lief es den Lenzburgern von Beginn an sehr gut, schon im ersten Jahr wurden fünf Kranzschwinger ausgezeichnet. Umso bewegter ging es auf der Klubebene zu und her, wie es in der Jubiläumsschrift 1996 heisst. Darin werden Auszüge aus Vorstandsprotokollen zitiert, in denen die Rede ist von Unstimmigkeiten, von fehlender Wertschätzung unter den Klubmitgliedern. Der Kassier wurde wegen ungetreuer Amtsführung aus dem Amt entfernt und aus dem Klub ausgeschlossen.

Auch mit der Organisation von Anlässen wollte es in den ersten Jahren nicht so recht klappen. Schwingfeste wurden mehrfach verschoben, ohne der Nachwelt Gründe dafür zu hinterlassen. 1939 zwang die grassierende Maul- und Klauenseuche die vorübergehende Einstellung des Schwingbetriebs. Während der Kriegsjahre entstand zusätzlicher Druck, die zuvor erfolgsverwöhnten Lenzburger Schwinger mussten sich bescheiden. Das 50-jährige Bestehen markierte einen Tiefpunkt in der Vereinsgeschichte. Überliefert ist, dass «wegen der prekären Lage kein Jubiläum gefeiert werden kann und die Aktivitäten des Schwingklubs sind auf ein Minimum zusammengesunken». Umso grossartiger fiel das Jubiläumsschwingfest 1996 auf der Schützenmatte in Lenzburg aus. Jetzt hätte es getoppt werden sollen vom Kantonalschwingfest vom kommenden 5./6. Juni am selben Ort zum 100-jährigen Bestehen des Schwingklubs.

Noch gibt man sich im Lenzburger OK um Präsident Erich Renfer trotz Corona kämpferisch: Am Sonntag, 6. Juni soll es für die Grossen allenfalls ein Geisterschwingen ohne Zuschauer werden. Die Jungschwinger dürfen am Samstag, 5. Juni, in den Sägemehlring steigen. Die Bewilligung dafür liegt bereits vor. Den Präsidenten freut es.

«Mit dem Nordwestschweizerischen Nachwuchsschwingertag führen wir in Lenzburg den in diesem Jahr höchstdotierten Wettkampf für die Jungschwinger in der Nordwestschweiz durch.»

Im Schwingkeller ist deshalb einiges los in diesen Tagen: 25 Jungschwinger bis 16 Jahre bereiten sich auf den Grossanlass für die Jugend auf der Schützenmatte in Lenzburg vor. Das ist eine stattliche Zahl und das Resultat einer beeindruckenden Aufbauarbeit, die im Schwingklub in den vergangenen 25 Jahren speziell für den Nachwuchs geleistet wurde. Mario Thürig holte über hundert Kränze Mit 16 Jahren wechseln die Jugendlichen zu den Aktiven. Für in der Pubertät stehende junge Leute sei dies ein schwieriger Schritt, sagt Buchmann, viele verspürten in dieser Zeit wenig Lust auf Sport und hörten auf damit. Vereinsleitung und Trainer seien deshalb gefordert, damit an dieser Schnittstelle nicht vielversprechende Talente verloren gehen.

Martin Buchmann präsidiert den Schwingklub Lenzburg.

Martin Buchmann präsidiert den Schwingklub Lenzburg.

Britta Gut
«Lenzburg möchte auch in Zukunft Spitzenschwinger stellen können. Namen wie Dössegger, Wilk, Thürig und Alpiger sollen Nachfolger haben»,

sagt Buchmann. 2018 hat der inzwischen zurückgetretene Mario Thürig mit seinem 100. Kranzgewinn einen besonderen Meilenstein in der Geschichte des Schwingklubs Lenzburg gesetzt.

Vielleicht war es weise Voraussicht, dass der Schwingklub beschlossen hat, sein Jubiläum nicht im Rahmen der nun von Corona bedrohten Durchführung des Kantonalschwingfestes zu feiern. Dafür gönnen die Vereinsmitglieder sich im Juli eine gemeinsame fünftägige Lagerwoche in der Jugendherberge in Beinwil am See. Dort wollen Funktionäre, Aktive und Jungschwinger mit Aktivitäten zusammen den Schwingergeist pflegen. Das Lager wird von ­Pascale Alpiger, Franziska Schlatter und Sandra Berner organisiert. Die drei Frauen sind auch für die Festschrift verantwortlich. Der im Juli geplante offizielle Festakt wird verschoben. Er soll voraussichtlich im Herbst stattfinden. Obs dabei bleibt? Das letzte Wort in der Programmgestaltung zum Jubiläum bleibt Corona vorbehalten.