Lenzburg/Windisch
Im Corona-Lockdowns entstanden: Die verrückte Geschichte des «Theater Gaga»

Ein Theater vereint psychisch Kranke der Region Lenzburg, die sich infolge des Corona-Lockdowns zu Hause isoliert hatten. Das Projekt einer Windischerin hat namhafte Unterstützer, darunter auch der Aargauer Komiker Peach Weber.

Florian Wicki
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Das Lenzburger Theater Gaga unter der Leitung von Jeannine Theiler (3.v.r.)

Das Lenzburger Theater Gaga unter der Leitung von Jeannine Theiler (3.v.r.)

zvg

Jonas Klopfenstein ist der Ansicht, dass er mit seinen 45 Jahren bereits genug gearbeitet hat. Sein Plan: Er will sich ein Attest erschwindeln, das ihn für schwachsinnig erklärt, damit er für den Rest seines Lebens nicht mehr als arbeitsfähig gilt. In der Kurklinik, die er sich für die psychiatrische Begutachtung ausgesucht hat, ist die Klientel jedoch vom Personal kaum unterscheidbar.

So beginnt ein Theaterstück, das derzeit im Katholischen Kirchengemeindehaus in Lenzburg geprobt und im nächsten April auch dort aufgeführt wird. Speziell an diesem Projekt – das auf den selbstironischen Namen «Theater Gaga» lautet – ist nicht nur die Handlung, sondern auch die Besetzung: Das Projekt bringt psychisch kranke und gesunde Menschen zusammen auf die Bühne.

Im zweiten Corona-Lockdown entstanden

Die Leiterin des Theaters, Jeannine Theiler aus Windisch, arbeitet bald über 20 Jahre mit psychisch kranken Menschen zusammen. Seit 2013 ist sie die stellvertretende Bereichsleiterin für die Ambulante Psychiatrie der Spitex Lenzburg. Sie beobachtete vor allem im letzten Jahr, wie Menschen mit psychischen Problemen mehr und mehr zu Aussenseitern wurden, da Angebote der Integration und geschützte Orte der Begegnung aufgrund des letzten Corona-Lockdowns schon zum zweiten Mal beinahe vollends weggefallen sind. Sie erklärt: «Alle Freizeitvereine waren geschlossen, unsere Aufnahmen in die Spitex explodierten – mir war klar, dass wir entweder versauern oder selber etwas auf die Beine stellen müssen.»

Gesagt, getan: Zusammen mit ihrem Mann Peter Theiler, der selber seit über 25 Jahren in Amateurtheatern als Schauspieler und Regisseur mitwirkt, gründete sie das «Theater Gaga». Das Projekt solle für gesunde und psychisch kranke Menschen eine Begegnungsplattform bilden, so Theiler: «Es war mir wichtig, unsere Klientinnen und Klienten irgendwie aus ihrem Schneckenloch zu holen.»

Jede Sprechrolle ist doppelt besetzt

Das schafft sie mit dem Theaterprojekt. Bislang treffen sich rund 40 Personen einmal wöchentlich zur Probe. Es sind Menschen mit Depressionen, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen, und zusammen arbeiten sie auf ein Ziel hin: eine Aufführung vor Publikum. Neben dem Spass, der stets im Vordergrund stehen soll, wird so laut Theiler die Selbstverantwortung und Eigeninitiative jedes einzelnen Mitglieds gefördert: «Menschen mit psychischen Problemen erfahren, dass sie ein wichtiger Teil einer Gruppe sind, und lernen so, Selbstvertrauen im sozialen Miteinander aufzubauen.» Sie erhielten durch die wöchentlichen Proben eine klare Struktur und lernten Verbindlichkeit, und durch den Erfolg erlebten sie, was sie mit ihren eigenen Ressourcen erreichen können, und erhielten dadurch mehr Selbstwertgefühl.

Das Ganze jedoch ohne zu viel Druck, erklärt Theiler: «Wir erwarten zwar, dass alle ihr Bestes geben, aber jede Sprechrolle ist doppelt besetzt – so ist es kein Weltuntergang, wenn sich jemand mal nicht in der Lage fühlt, zur Probe zu kommen.»

Lobbying liegt Theiler im Blut

Joachim K. ist Mitglied dieser Gruppe. Er habe sich mit dem Projekt selber ins kalte Wasser geworfen, erzählt er: «Zuerst hatte ich alles andere im Sinn, als in einem Theater mitzuwirken.» Joachim leidet, wie er erklärt, nicht an langjährigen psychischen Problemen. Sondern an einem emotionalen Schock: «Ich wurde von einem auf den anderen Tag vom berufstätigen Familienvater zum Single, das hat mich emotional umgeworfen.» Nun versucht er, sein Leben neu aufzubauen, und dabei helfe ihm das Theater enorm: «So habe ich etwas, auf das ich stolz sein kann, und lerne immer wieder, mich meinen Ängsten zu stellen.»

Für die Unterstützung des Sozialprojekts hat Jeannine Theiler an allen möglichen Türen angeklopft. Denn auch wenn das ganze Theater unentgeltlich organisiert wird und niemand daran etwas verdient – die Requisiten, Werbematerialien und auch die Aufführung selber kosten natürlich etwas. Lobbying ist sich Theiler gewohnt, ist sie doch in einem Politikerhaushalt aufgewachsen: Ihr Vater war Kurt Theiler, SP-Grossrat aus Rheinfelden und von 1982 bis 1983 Grossratspräsident des Kantons.

Komiker Peach Weber wird zum Bühnencoach

So konnte sie unter anderem die Lenzburger SWL Energie AG, die Genossenschaftsversicherung Mobiliar, die Klinik Barmelweid und die Hypothekarbank Lenzburg als Sponsoren gewinnen – die Katholische Kirche stellt ihre Räumlichkeiten ebenfalls kostenlos zur Verfügung.

Theiler hat aber nicht nur um monetäre, sondern auch um fachliche Unterstützung geweibelt, wie sie erklärt: «Ich habe Peach Weber angefragt, ob er eine Probe besuchen und uns in unserer Bühnenpräsenz weiterbilden möchte.» Dafür sei sie einfach vor seiner Haustür gestanden und habe trotz Nervosität geklingelt. Erst beim dritten Anlauf, lacht sie: «Zuerst bin ich zweimal um sein Haus herumgefahren.» Weber habe sich bereit erklärt und werde in den nächsten Monaten vorbeikommen.

Information

Die Aufführung des Theaterstücks «Düreknallt» von Bernd Spehling findet am 1. und 2. April 2022 um 20 Uhr in den Räumen der Katholischen Kirchgemeinde Lenzburg statt. Ticketreservationen sind ab dem 15. Januar über www.theater-gaga.ch möglich.

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