Lenzburg
Jahrhundert-Bauprojekt Kerntangente: der grosse Irrtum um die Umfahrung

2. Dezember 2005: Die Kerntangente wird feierlich eröffnet. In einer Serie schaut die az zurück auf den 45-Millionen-Bau. Heute mit den damaligen Bauministern Max Werder und Hans Huber. Dem Projekt haftet eine falsche Etikette an, sagen sie.

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Flankiert von Stadtammann Rolf Bachmann (links) und Stadtrat Hans Huber, schneidet Regierungsrat Peter Beyeler das Band zur Eröffnung der Kerntangente durch. Toni Widmer

Flankiert von Stadtammann Rolf Bachmann (links) und Stadtrat Hans Huber, schneidet Regierungsrat Peter Beyeler das Band zur Eröffnung der Kerntangente durch. Toni Widmer

Bitterkalt ist es am Freitag, 2. Dezember 2005. Heiss dampft die Festmahlzeit «Ghackets mit Hörnli» auf den Tellern der Gäste. Festplatz ist der nigelnagelneue Angelrain-Tunnel. Ganz Lenzburg ist auf den Beinen und feiert die Eröffnung der Kerntangente – die direkte Verbindung vom Knoten Bleiche zum Knoten Freiämterplatz. Sie soll den Altstadtkern nun vom Durchgangsverkehr entlasten.

«Endlich können wir aufatmen», sagte der damalige Stadtammann Rolf Bachmann in seiner Eröffnungsrede. Vorbei sind die Zeiten, als ein dauernder Benzingeruch über der Altstadt schwebte und sich Autoschlangen unablässig durch die enge Kirchgasse zwängten.

Die Kerntangente Die Umfahrung des Ortskerns von Lenzburg ist 625 Meter lang. Sie besteht aus drei Brücken, dem Angelrain- und Erlengut-Tunnel und drei Lichtsignalanlagen beim Knoten Bleiche, dem Seetalplatz und beim Knoten Freiämterplatz.

Die Kerntangente Die Umfahrung des Ortskerns von Lenzburg ist 625 Meter lang. Sie besteht aus drei Brücken, dem Angelrain- und Erlengut-Tunnel und drei Lichtsignalanlagen beim Knoten Bleiche, dem Seetalplatz und beim Knoten Freiämterplatz.

ZVG - Grafik: Marco Tancredi

Und das sind nicht wenige: 19'000 Fahrzeuge rollen im Schnitt pro Tag über die Kerntangente, zeigt eine Erhebung des Departements für Bau, Verkehr und Umwelt ein Jahr nach der Eröffnung. Sicher nicht alle, aber doch viele davon, werden zuvor die Altstadt frequentiert haben.

Unter der honorigen Gästeschar, angeführt vom damaligen Baudirektor Peter Beyeler, weilt an den Eröffnungsfeierlichkeiten Max Werder. Werder war von 1990 bis 2001 im Stadtrat zuständig für das Ressort Bau. Auch er atmet auf. Während seiner gesamten Amtszeit, also elf Jahre lang, hat er die Planungs- und Projektierungsarbeiten für das «Jahrhundertprojekt», wie die Aargauer Zeitung die Kerntangente in ihrer Berichterstattung über die Eröffnung bezeichnet, forsch vorangetrieben.

Und er weiss auch um die zahlreichen weiteren Projekte, welche die Umfahrung des Ortskerns nach sich gezogen hat. So zum Beispiel die Hochwasserentlastung des Aabachs, Kanalisations- und Werkleitungsprojekte in den betroffenen Strassengebieten sowie die Überbauungen Seetalplatz und Freiämterplatz.

An der Eröffnungsfeier steht Max Werder nicht mehr an vorderster Front. Es sind andere, welche nun das blau-weisse Band durchschneiden und die neue Strecke den Automobilisten übergeben. Der Startschuss für die Bauarbeiten zur Tangente war mit dem Rücktritt Werders aus dem Stadtrat zusammengefallen. Das Zepter für die Realisation der Innenstadtentlastung ging an den neuen Bauminister und späteren Stadtammann Hans Huber.

Zehn Jahre später

2. Dezember 2015: Heute Mittwoch jährt sich der Eröffnungsakt der Innenstadtentlastung zum zehnten Mal: Bei Max Werder sind die Erinnerungen an die Anfänge des riesigen Lenzburger Tiefbauprojekts noch hellwach. «In den Spitzenzeiten hat mich das Geschäft zwischen 30 bis 50 Prozent absorbiert», erinnert er sich schmunzelnd. Der nun pensionierte, ehemalige selbstständige Gewerbler war also gleich doppelt gefordert.

Konnte Lenzburg tatsächlich aufatmen, wie es Stadtammann Bachmann bei der Eröffnung formulierte? Oder ist die Kerntangente, aus heutiger Sicht beurteilt, ein Fiasko? Werder widerspricht und weist auf die Zielsetzung der Altstadtentlastung hin. «Es ging darum, den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt zu entfernen, um den historischen Kern nicht länger den schädlichen Erschütterungen und Abgasen des Verkehrs auszusetzen.»

Trotzdem: In Lenzburg waren damals längst nicht alle begeistert vom Vorhaben. Mit der Tangente quer durch die Stadt werde «die Lebensader Bahnhofstrasse durchschnitten», wehrten sich im Januar 1996 939 Lenzburger Stimmberechtigte mit einer Petition dagegen. Auch nach zehn Jahren Erfahrung vermag die Lösung nicht restlos zu überzeugen. Das weiss auch Max Werder. Die Strecke sei vielfach überlastet. Deshalb werde sie in gewissen Kreisen als Fehlplanung bezeichnet. Zu Unrecht, betont er.

Und er ruft den Interessenskonflikt in Erinnerung, der damals zwischen dem ruhenden und rollenden Verkehr im Stadtkern geherrscht habe. «Es galt diesen zu entflechten», sagt Werder. Das Konzept, die Altstadt für Fussgänger und Velofahrer auszubauen und mit einer Begegnungszone zu beleben und dabei für die Automobilisten in unmittelbarer Nähe zur Altstadt Parkmöglichkeiten zu schaffen, erachtet der Tangenten-Planungs-Minister heute noch als richtigen Weg.

Steiniger Weg

17 Jahre – von 1988 bis 2005 – dauerte das Vorhaben vom generellen Projekt bis zur Eröffnung. Auf dem Weg zur Realisation der Entlastungsachse hat man einige unangenehme Hürden nehmen müssen. Dazu schreibt das Departement für Bau, Verkehr und Umwelt in seinem Schlussbericht vom Oktober 2012: «Während die meisten Auseinandersetzungen zu optimalen Lösungen geführt haben, hat sich um den Erwerb des Trasses der stillgelegten Seetalbahn mit der UFA AG und der Genossenschaft Fenaco ein langwieriger Streit entwickelt, der vor Bundesgericht endete.» Diese Geschichte wird in der az-Mini-Serie separat aufgearbeitet.

Meilensteine des Bauprojekts

31. März 1988: Nach jahrzehntelangen Bemühungen und einer breit abgestützten Mitwirkung kommt ein «generelles Projekt» für die Entlastung des Stadtkerns von Lenzburg zustande.

4. Juni 1989: In der Volksabstimmung stimmt die Lenzburger Bevölkerung mit 1341 Ja gegen 618 Nein der «Verkehrssanierung Lenzburg mit Kerntangente» zu.

4. September 1990: Der Grosse Rat bewilligt einen Verpflichtungskredit von 29,8 Mio. Franken.

21. November–20. Dezember 1994: Das Bauprojekt «Verkehrssanierung Lenzburg und Kernumfahrung» liegt öffentlich auf. Die Kosten im Auflageprojekt sind nun auf 35,6 Mio. Franken gestiegen. Die Differenz von 8,8 Mio. Franken wird mit verschiedenen Projektänderungen begründet.

18. November 1998: Der Regierungsrat gibt grünes Licht für das Kernumfahrungsprojekt.

28. Juni 1999: Das «Clavadetscherhaus« am Bleicherain wird abgebrochen.

1. Februar 2000: Spatenstich und offizieller Baubeginn für die Kernumfahrung Lenzburgs.

3. Dezember 2001: Die SBB kündigen den Anschlussvertrag mit der Fenaco/
UFA per 31. Dezember 2002.

6. November 2002: Der Bundesrat legt die Bahnstrecke Lenzburg Spitzkehre bis Wildegg offiziell still.

23. Januar 2003: Der Stadtbahnhof-Kiosk wird abgebrochen. Kurz darauf auch der Güterschuppen des Stadtbahnhofs (wird in der Serie separat behandelt.).

18. August 2003: Baubeginn für die Aabachbrücke «Kerntangente» vom Angelraintunnel bis zur Bahnhofstrasse.

15. September 2003: Start für den Bau des Erlengut-Tunnels.

3. März 2004: Brückenschlag Aabachbrücke «Kerntangente».

29. November 2004: Entscheid des Bundesgerichts zugunsten des Bauherrn über den Abbruch der Gleisanlagen Spitzkehre Lenzburg–Wildegg (wird in der Serie separat behandelt.).

27. Januar 2005: Die Lichtsignalanlage beim Knoten Bleiche wird in Betrieb genommen.

10. Februar 2005: Abbruch der Aabachbrücke in der Aavorstadt.

1. April 2005: Die restlichen Gleisanlagen Spitzkehre–Sägestrasse werden abgebrochen.

2. Mai 2005: Brückenschlag der Aabachbrücke in der Aavorstadt.

9. Juni 2005: Die Aabachbrücke in der Aavorstadt wird eröffnet.

16. August 2005: Brückenschlag für die Fuss- und Radwegbrücke beim Seetalplatz.

2. Dezember 2005: Die Kernumfahrung wird für den Verkehr freigegeben.

Oktober 2005 bis Juni 2006: Neugestaltung Strassen und Plätze in der Altstadt.

22. Juni 2006: Mit der Pflästerung der Kirchgasse werden die Arbeiten in der Altstadt abgeschlossen.

1. Oktober 2012: Das Departement Bau, Verkehr und Umwelt präsentiert den Schlussbericht «Verkehrssanierung Lenzburg und Kernumfahrung K247». Die Kosten belaufen sich auf 45,1 Mio.. Der Bund beteiligt sich mit 6 Mio., der Kanton mit 21,8 Mio. Lenzburg hat 17,3 Mio. zu tragen.

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