Brugg/Lenzburg
Insektennester müssen nicht zerstört werden – man kann sie auch zügeln

Roland Diener setzt sich für den Erhalt von Hornissen- und Wespennestern ein. Diese werden heutzutage viel zu schnell zerstört und die Tiere getötet. Dies sei nicht immer nötig. findet er.

Marina Bertoldi
Drucken
Ohne die Nachbarn zu warnen zerstörte ein Imker im Jahr 2012 ein Wespennest. Ein 70-jähriger Mann fiel daraufhin einem Angriff des Wespenschwarmes zum Opfer. Der Imker wurde nun der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen. (Symbolbild)

Ohne die Nachbarn zu warnen zerstörte ein Imker im Jahr 2012 ein Wespennest. Ein 70-jähriger Mann fiel daraufhin einem Angriff des Wespenschwarmes zum Opfer. Der Imker wurde nun der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen. (Symbolbild)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Letzte Woche begleitete ein az-Reporter den Feuerwehrmann Raphael Lüthi bei der Bekämpfung zweier Wespennester in Dottikon. Die Prozedur dauerte eine knappe Halbestunde und das Abtöten der Tiere mit Giftgas verlief ohne grössere Zwischenfälle – nur eine einzige bedrohte Wespe stach in ihrer Todesangst zu.

Dass die Insekten eigentlich friedliebend sind, bestätigt auch Roland Diener, Fachberater für Wespen- und Hornissenschutz. «Von unseren neun einheimischen Wespenarten werden nur zwei lästig.» Seit vier Jahren setzt er sich dafür ein, dass störende Wespen- und Hornissennester nicht einfach eliminiert werden.

«Mir ist es ein Dorn im Auge, wenn Leute bei jeder Wespe oder Hornisse gleich hysterisch werden und sofort mit Insektenspray dahinter gehen.» Wespen und Hornissen hätten entgegen der öffentlichen Meinung sehr wohl eine Aufgabe in der Natur. Gerade bei der Insektenbekämpfung spielten sie eine grosse Rolle.

Via info@faltenwespe.ch kann Roland Diener bei Fragen kontaktiert werden.

Die Probleme mit Wespen und Hornissen entstünden vor allem deshalb, weil die Tiere ihren natürlichen Nistplätzen wie zum Beispiel hohlen Baumstämmen beraubt würden. Sie sind gezwungen, sich Alternativen zu suchen und lassen sich in Storenkästen und Hausmauern nieder.

Abtötung ist der letzte Schritt

Meist werden solche Wespen- und Hornissennester kurzerhand getilgt. Nicht aber bei Diener. «Die Zerstörung eines Nests ist für mich der allerletzte Schritt», sagt er. Um den Erhalt eines Nests in einer Wohnumgebung zu ermöglichen, setzt Diener vor allem auf Insektennetze.

Ein solches Insektennetz ist zurzeit auch in Lenzburg am Bannhaldenweg im Einsatz. Die etwa zweieinhalb Meter hohe Konstruktion schützt vorbeigehende Passanten vor allfälligen Angriffen der Hornissen, welche in einem Hohlraum der Gartenmauer ihr Nest errichtet haben.

Immer ist es jedoch nicht möglich, das Nest am ursprünglichen Platz zu lassen. Wenn Kleinkinder oder Allergiker in der Nähe des Nests wohnen, ist oft eine Umsiedelung die passende Lösung.

Dazu werden die herumfliegenden Insekten mit einer speziellen Apparatur, einer sogenannten Fangbox, eingesogen und das Nest mindestens sechs Kilometer vom ursprünglichen Nistplatz im Wald neu platziert. Das Prozedere erfolgt meist ohne Schutzanzug. «Bis die Tiere merken, was geschieht, sind sie schon eingesogen. Und diejenigen, welche sich im Nest befinden, wissen noch gar nicht, was Stechen heisst», so Diener.

Einzig bei der deutschen und bei der gemeinen Wespe ist Vorsicht geboten, sie sind gerade zu dieser Jahreszeit sehr populationsstark und deshalb nervöser als andere Arten, denn je grösser das Nest, desto höher der Nahrungsbedarf. Da Raupen und Insekten jedoch knapp sind, ist die Beschaffung von tierischen Eiweissen gerade für grosse Wespennester nicht selten ein Stressfaktor.

Ausserdem bedarf ein grösseres Nest auch intensiverer Verteidigung. Die dafür abgerichteten Wächterinnen können auf jeden Zwischenfall, den sie als Störung einordnen (zum Beispiel ein Fussgänger, der sich zufällig dem Nest nähert), nervös reagieren. Dadurch wirkten die Tiere oft aggressiv.

Ein bis zwei Nester pro Tag

Ein bis zwei Nester inspiziert der Informatiker nebenberuflich seit Juni jeden Abend. «Als ich vor vier Jahren angefangen habe, wurde ich oft belächelt, weil ich Insektennester zügelte. Die Leute wussten nicht, dass diese Möglichkeit überhaupt besteht.»

Letztes Jahr liess sich Diener in Deutschland zum Fachberater für Wespen- und Hornissenschutz ausbilden. «In Deutschland steht die Hornisse auf der roten Liste und auch die Wespe wird geschützt.» Wer im grossen Kanton ohne Bewilligung ein Wespen- oder Hornissennest transloziert, muss mit bis zu fünf Jahren Gefängnis rechnen. Warum die Tiere in der Schweiz nicht denselben Status haben, kann Diener nicht verstehen, auch hier seien sie schützenswert.

Kein giftiges Nervengas

Da dem Fachberater viel an der Natur liegt, setzt er bei einer allfälligen Zerstörung eines Nests ein giftfreies Pulver ein, welches dehydrierend wirkt und auch zur Milbenbekämpfung eingesetzt wird.

Die Tötung dauert im Gegensatz zum Ausräuchern oder dem Einsatz von Nervengift einiges länger, da die Tiere beim Kontakt mit dem Siliciumoxid nicht sofort sterben, sondern über zwei bis drei Tage hinweg verdursten. Trotzdem ist Diener überzeugt von der Methode. «Je weniger Gift man einsetzt, desto besser für die Umwelt, denn so gelangen nicht noch mehr Giftstoffe in die Nahrungskette.

Ausserdem ist das Pulver für den Menschen, solange es nicht direkt eingeatmet wird, völlig harmlos.» Wann immer es geht, versuche er jedoch, eine Lösung zu finden, welche das friedliche Nebeneinanderleben von Mensch und Tier ermöglicht.

Dafür brauche es meist nicht viel. Das Wichtigste sei es, Ruhe zu bewahren. Einzelne Wespen könne man gut mit einer mit Wasser gefüllten Sprühflasche loswerden. «Regen mögen die meisten Wespen nicht.»

Im Falle eines Nestes ist ein Insektennetz meist schon ausreichend. Will man ein Nest umsiedeln, sollte man sich aber beeilen. Denn ab Mitte August werden nur noch in Ausnahmefällen an einen neuen Ort gebracht, da unter anderem der Wabenbau schon fortgeschritten ist und eine Umplatzierung einem Nest in diesem Stadium grossen Schaden zufügen kann.

Aktuelle Nachrichten