Lenzburg

Forstmann mit Herzblut für den Wald – nun ruft die Pension

Der Weg durch den Wald wird Frank Haemmerli und Shana weiterhin zur Blockhütte im Lütisbuech führen. Bild: Sandra Ardizzone

Der Weg durch den Wald wird Frank Haemmerli und Shana weiterhin zur Blockhütte im Lütisbuech führen. Bild: Sandra Ardizzone

Heute Abend ist Schluss: Nach 27 Jahren geht «Lenzia»-Leiter Frank Haemmerli vorzeitig in Pension und möchte ans Mittelmeer.

Sie heissen Victoria, Rapunzel, Mona Lisa und Luna. Die grössten und markantesten Bäume im Lenzburger Lütisbuech haben Namen erhalten. Bei der kürzlich erfolgten Taufe der Baumriesen standen die Teilnehmer des Waldumgangs Paten und durften die zuvor von einem geheimen Komitee ausgewählten Namensvorschläge noch absegnen. «Jeder Hügel und jede Strasse verfügen über eigene Bezeichnungen, nicht so die Natur- und Kulturschätze im Wald», bedauert Frank Haemmerli.

Der scheidende Lenzburger Stadtoberförster und Leiter der Forstdienste Lenzia (gemeinsamer Forstbetrieb der Ortsbürgergemeinden Lenzburg, Ammerswil, Niederlenz, Othmarsingen und Staufen) will das ändern. Als eine der letzten offiziellen Amtshandlungen, bevor er sich nach 27 Jahren in den Ruhestand verabschiedet, hat Haemmerli das Projekt «Namensgebung für die Baumriesen» angestossen.

«Zum Teil sind die Baumriesen bis zu 300 Jahre alt», schwärmt er. Die ausgewählten Bäume erhalten nun ein für die Waldspaziergänger sichtbares Namensschild. «Diese Bäume sind eine Bereicherung für jeden Wald und von grossem Interesse für die gesamte Öffentlichkeit», ist Haemmerli felsenfest überzeugt.

Ausmass der «Lothar»-Schäden trieb Tränen in die Augen

Fast zwei Jahre vor der ordentlichen Pensionierung macht der Forstdienst-Lenzia-Leiter nun definitiv Platz für seinen Nachfolger. Matthias Ott hat bereits vor zwei Monaten angefangen. «Meine Mission ist erfüllt», sagt Frank Haemmerli. Tatsächlich? Es ist nämlich schier unmöglich, mit dem 63-Jährigen über ein anderes Thema als den Wald zu sprechen. Will man das Gespräch in andere Bahnen lenken, so geht es schon beim zweiten Satz wieder um waldwirtschaftliche Themen.

Der Rückblick auf 27 Jahre Stadtoberförster von Lenzburg und später Leiter der Forstdienste Lenzia beginnt bei der Blockhütte im Lütisbuech. Ist das etwa Haemmerlis Lieblingsort im grossen Lenzburger Wald? «Das Lütisbuech und der Lenzburger Berg sind bemerkenswerte Orte im Aargauer Mittelland. Mehr sage ich nicht», meint er mit einem wissenden Lächeln. An seiner Seite an diesem Morgen wie immer Shana, Haemmerlis Golden-Retriever-Hündin.

Die Frage nach den Meilensteinen seiner fast drei Jahrzehnte langen Amtszeit beantwortet Frank Haemmerli, indem er eine dreiseitige Chronik aus der Tasche zieht. Alle wichtigen Ereignisse sind fein säuberlich aufgelistet. Sie einzeln hier aufzählen zu wollen, würde den Rahmen sprengen. Welches Vorkommnis hat Haemmerli am meisten bewegt? Er überlegt einen kurzen Moment. Schliesslich beginnt er über den 26. Dezember 1999 zu sprechen, den schwersten Moment in all den Jahren, wie er sagt.

Am Stephanstag zog Orkantief Lothar über West- und Mitteleuropa und verwüstete auch die Schweiz. Frank Haemmerli erinnert sich: «Als ich die verheerenden Schäden sah, die ‹Lothar› in unseren Wäldern angerichtet hatte, kamen mir die Tränen.» Allein schon der Primärschaden habe auf einer Fläche von rund 1,3 Kilometern etwa 47 000 Kubikmeter Holz betragen, «was ungefähr einer fünffachen Jahresnutzung entspricht.»

Grenzen sprengen im neuen Lebensabschnitt

Die Katastrophe habe jedoch auch ihr Gutes bewirkt. Sie habe ganz neue Erkenntnisse in der waldbaulichen Entwicklung hervorgebracht. «Die Jungwaldfläche, die stabil und naturnah heranwächst, ist fantastisch», sagt der Forst-Ingenieur begeistert. Zudem werde die Waldbewirtschaftung heute durch gesellschaftliche und ökologische Aspekte ergänzt.

Lieber spricht Haemmerli jedoch über jene Projekte, die ihm grosse Freude bereitet haben in der Vergangenheit: So die Erschliessung des Waldes für die Freizeitnutzung mit dem Waldinformationsprospekt für jedes einzelne Lenzia-Gebiet. Und über die erfolgreiche Neophytenbekämpfung. Nach sechs Jahren sei fast die Hälfte des rund elf Quadratkilometer umfassenden Lenzia-Reviers vom Drüsigen Springkraut befreit.

Man muss fast etwas hartnäckig nachfragen, bevor sich Frank Haemmerli tiefer in seine durch und durch försterliche Seele blicken lässt und Persönliches preisgibt: Etwa, dass er Lenzburg zeitlebens nie wirklich verlassen hat. Das soll sich im neuen Lebensabschnitt ändern.

Den Freiraum will er für Vorhaben nutzen, die in all den Jahren zu kurz gekommen sind: Sprachen und Naturwissenschaften vertiefen zum Beispiel und auf Reisen gehen. Seine Frau Corinne soll nun auch wieder etwas mehr von ihrem Mann haben. Mit ihr will er Europa besser kennenlernen und das Engadin weiter erwandern. Durch den Nationalpark, wo auch der Berufswunsch Förster im kleinen Buben geweckt wurde auf den unzähligen langen Wanderungen der Familie Haemmerli.

Vom Lenzburger Wald wird der scheidende Stadtoberförster jedoch nicht lassen. «Auf meinen künftigen Touren werde ich ihn auf ganz andere Art und Weise erleben können», sagt er. Und dann ist da noch jener lang gehegte Wunsch, der nun endlich in Erfüllung gehen soll: Von der österreichischen Hauptstadt Wien aus soll es mit verschiedenen Fortbewegungsmitteln durch den Alpenbogen gehen bis an die Côte d’Azur. Und mit einem spitzbübischen Lächeln ergänzt Frank Haemmerli: «In Nizza will ich dann ins Mittelmeer ‹gumpe›.»

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