Lenzburg
«Das Thema Gefängnis und Strafen fasziniert seit eh und je»

Strafjustiz im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Sicherheit und Resozialisierung von Straftätern – Strafrechtsprofessor Martin Killias und JVA-Direktor Marcel Ruf kreuzten die Klingen.

Heiner Halder
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Strafrechtsprofessor Martin Killias (rechts) und JVA-Direktor Marcel Ruf kreuzten die Klingen.

Strafrechtsprofessor Martin Killias (rechts) und JVA-Direktor Marcel Ruf kreuzten die Klingen.

AZ

«Lenzburg» steht für Schloss, Hero und Strafanstalt. Die Markenzeichen sind durchwegs positiv belegt. Der «Fünfstern» prägt seit 150 Jahren die Identität der Stadt, die Integration funktioniert problemlos. Dies ergab eine Konsultativabstimmung an der vom Gönnerkreis Museum Burghalde veranstalteten Podiumsdiskussion.

Unter dem Titel «Strafvollzug im Spannungsfeld zwischen Sühne, Abschreckung, Sicherheit und Resozialisierung» beschäftigten sich zwei kompetente Branchenkenner mit dem «Dilemma Drinnen Draussen».

«Das Thema Gefängnis und Strafen fasziniert seit eh und je», stellte Strafrechtsprofessor Martin Killias angesichts des vollbesetzten Alten Gemeindesaales fest.

Auslöser für den Bau des Lenzburger Zuchthauses 1864 war der Ein- und Ausbrecher Bernhart Matter, der 1854 bei den Fünflinden geköpft wurde, weil keine Zelle ihn zurückhalten konnte. Mit der Schaffung der Strafanstalten wurden die Hinrichtungen hinfällig.

Der erste Lenzburger Anstaltsleiter Rudolf Müller war insofern ein Pionier, als er seine auf Auslandsreisen gewonnenen Erkenntnisse bezüglich Bauten und Massnahmen zusammenführte, Ansätze schuf zum Prinzip Resozialisierung.

Bis auf den heutigen Tag gilt «Lenzburg» als beispielhaft für «humanen Strafvollzug». Was unter «Drinnen und Draussen» zu verstehen ist, hat sich hingegen im Laufe von 150 Jahren verändert.

Zahl von Verwahrten steigt an

Darauf wies JVA-Direktor Marcel Ruf hin: «Die öffentliche Diskussion über Strafjustiz und Strafvollzug, heute mehrheitlich auf elektronischem Weg, ist stark geprägt von Forderungen nach Nulltoleranz, Sicherheit und Wegsperren von gefährlichen Straftätern.»

Der gesetzliche Auftrag zur Resozialisierung werde in den Hintergrund gedrängt: «Der Normalfall zählt nicht, sondern der Sonderfall wird als Normalität betrachtet.»

Die Gesellschaft erwarte heute eine nur noch auf Sicherheit ausgerichtete Umgebung, wobei damit eine trügerische Sicherheit aufgebaut werde; «sie ist subjektiv und damit relativ.»

Marcel Ruf zu seiner Rolle: «Als Anstaltsleiter einer geschlossenen Anstalt sehe ich mich in erster Linie als Produzent des Produktes Sicherheit, nicht nur, aber vor allem.»

Auch die geänderte Zusammensetzung der Gefangenen habe hier eine Wende erzeugt, beispielsweise die stark steigende Anzahl von Verwahrten (ca. 20 Prozent).

«Wir müssen einen gesetzeskonformen Vollzug garantieren und nicht einen möglichst angenehmen beziehungsweise unangenehmen», betont der JVA-Direktor, und meint: «Für mich gehören zu einem Gefängnis zum Beispiel immer eine hohe Mauer und Stacheldraht.» Sorgen bereiten ihm die fehlenden Plätze, deshalb sei die Erweiterung nötig.

Professor Killias kritisierte im Verlaufe der von Peter Buri straff geführten Diskussion die teilweise fehlende Abschreckung zum Beispiel bei destruktiven Handlungen wie jüngst in Zürich: «Die Konsequenzen fehlen».

Im Übrigen lobt er das Vollzugssystem als «wahnsinnig erfolgreich»; 90 Prozent der Verurteilten würden nicht rückfällig. Damit sei die Investition in Gefängnisse gut angelegt.

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