Lenzburg
Als es in der «Seifi» Lenzburg noch so richtig schäumte

Wo heute Autos parkieren, wurden einst Seifen produziert: Früher lagerten auf dem Areal Fässer mit Rohstoffen für die Seifenfabrikation - seit 1986 lebt die Seifi im gleichnamigen Parkplatz weiter. Der frühere Direktor Werner Hausmann erinnert sich.

Ruth Steiner
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Früher lagerten auf dem Areal Fässer mit Rohstoffen für die Seifenfabrikation – seit 1986 lebt die «Seifi» im gleichnamigen Parkplatz weiter. zVg

Früher lagerten auf dem Areal Fässer mit Rohstoffen für die Seifenfabrikation – seit 1986 lebt die «Seifi» im gleichnamigen Parkplatz weiter. zVg

Werner Hausmann arbeitete vor einem halben Jahrhundert für die «Seifi», zuletzt als Direktor. Diesen Posten hatte er vom Vater nach dessen Pensionierung geerbt.

In den Räumen der ehemaligen Seifenfabrik, die nun vom Museum Burghalde für Sonderausstellungen und Veranstaltungen genutzt werden, lässt Werner Hausmann die Geschichte der «Seifi» neu aufleben.

Er führt das Publikum zurück ins vergangene Jahrhundert, als die Seifenfabrik als Nischenplayer an dieser Stätte «Seifen in Kleinauflagen in hochwertiger Qualität» herstellte. Bis in die 1980er-Jahre wurden in Lenzburg Markenseifen wie Biokosma, Juvena und Weleda produziert.

Im Publikum sitzt Ilse Strozzega. «Wenn die Seififrauen auf ihren Velos auf der Strasse an einem vorbeiradelten, ging ihnen der Duft von frischer Seife nach», erinnert sich die rüstige Seniorin. Damals stand die Seifenfabrik Lenzburg AG in ihrer Blütezeit.

Längst sind die Rad fahrenden Arbeiterinnen der «Seifi» aus dem Strassenbild der Stadt verschwunden. Die Seifenfabrik Lenzburg AG existiert nicht mehr. Passé sind auch die Zeiten, in denen die schmutzige Wäsche mit einem guten Stück Kernseife über das Waschbrett gezogen wurde. Oder Exemplare in edler parfümierter Ausführung bei der täglichen Toilette von Herrn und Frau Schweizer wohlriechende Düfte hinterliessen. Pulver und Gel haben die Kernseife aus der Waschküche verdrängt, anstelle der Stückseifen sind moderne Seifenspender mit Flüssigseifen gerückt.

«Seifi-Husme» haben Betrieb geprägt

Und doch hat die Seifenfabrik überlebt, zumindest der Name. Auf der «Seifi», dem ehemaligen Fabrik-Areal parkieren heute Autos. Grundeigentümerin ist die Ortsbürgergemeinde Lenzburg.

Vater Traugott Hausmann hatte die Geschicke des Betriebes seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zu seiner Pensionierung mitgestaltet und hielt eine Beteiligung am Unternehmen. «Das hat der Familie den Übernamen ‹Seifi-Husme› eingetragen», sagt Werner Hausmann.

Ein halbes Jahrhundert später haben Vater und Sohn eine Zeit lang die operativen Geschäfte gemeinsam geführt: Der Senior war für das Kaufmännische und der Sohn für das Technische zuständig. «Vater war ein Verkaufsgenie. Bereits im dritten Lehrjahr wurde er als ‹Seifi-Reisender› in den Aussendienst geschickt. Als Verkäufer schuf er sich später einen treuen Kundenkreis», erinnert sich Werner Hausmann. Und: «Vater hat 50 Jahre in der ‹Seifi› gearbeitet. Er hat sein ganzes Leben hier verbracht.»

Hausmann junior ist heute 80 Jahre alt. Eine vife Persönlichkeit. Immer noch engagiert und mit viel Herzblut bei der Sache, wenn es um die «Seifi» geht. Der promovierte Chemiker kennt die Seifenproduktion noch heute wie kein Zweiter. Fragen aus dem Publikum beantwortet er mit hoher Fachkompetenz. Mitte der 70er-Jahre drehte er als damaliger Patron eigenhändig einen halbstündigen Imagefilm. Darin dokumentiert er haargenau die Abläufe der Seifenproduktion von der Lauge bis zur Konfektionierung und dem Versand.

Seifenfabrik Lenzburg: Die Geschichte

Die «Seifi» wird 1857 von Johann Rudolf Ringier gegründet. Produziert werden Ringiers Medizinalseifen. 1900 geht sie in belgischen Besitz über. Nach dem Konkurs wird 1909 die Seifenfabrik Lenzburg AG konstituiert. Zum Initiativkomitee gehören die Hero-Eigentümer Karl Roth und Gustav Henckell. Die Firma durchlebt wechselvolle Jahre. Als Dreiergespann führen Eduard Frey-Wilson, Siegfried Hirzel und Traugott Hausmann die «Seifi« durch die krisengeschüttelten 30er-Jahre und den 2. Weltkrieg. Die Produktpalette wird laufend erweitert: Kern- und Schmierseifen, Flocken, Toilettenseifen und Glycerinseifen gehören dazu. Während des 2. Weltkriegs sind Seifen und Waschmittel rationiert.

1948 übernimmt Siegfried Hirzel das Aktienpaket der Erbschaft Henckell, Freys Aktien gehen an Siegfried Hirzel und Traugott Hausmann. 1966 tritt Sohn Werner Hausmann in die Firma ein. Die Aktivitäten konzentrieren sich zunehmend auf eine Palette von Spezialitäten. 1970 stirbt Siegfried Hirzel, 1972 kauft Plinio Doninelli Bauunternehmer aus Staufen das Aktienpaket. Ein Jahr nach Traugott Hausmanns Pensionierung verlässt 1976 Junior Werner Hausmann die Firma. Die Seifen-Produktion wird 1983 nach Hallwil verlegt. 1990 wird sie stillgelegt. (str)

Zungentest als Qualitätskontrolle

Bei der Produktion von Seifen kam dem Siedermeister eine wichtige Aufgabe zu. In einem riesigen Siedekessel mit 25 000 Litern Inhalt hat er mit Dampf den Sud gesotten. Die grosse Kunst dabei war, die freie Lauge so einzustellen, dass die Seife später nicht ranzig wurde. «Dafür hatte der Siedermeister seine eigene Kontrolltechnik, den Zungentest», erzählt Hausmann. Auf der Zunge konnte er den Alkaligehalt der Seife spüren, er hatte die richtige Mischung in Fleisch und Blut. Die Zungenkontrolle, so erinnert sich Hausmann, habe «verhebt«, wie die späteren Nachprüfungen im Labor jeweils bestätigten.

In seinem Filmdokument lässt Hausmann die Arbeiterinnen vor der Kamera ihre Tätigkeit demonstrieren – exakt und detailliert. Da werden beispielsweise die Seifenquader Stück für Stück in Pressformen gelegt und auf ihre Grösse geformt. Wenn nötig, wird der letzte Schliff mit dem Rüstmesser gemacht. Ein wichtiger Faktor im Produktionsprozess waren die Qualitätskontrollen, die an jeder Arbeitsstation durchgeführt wurden. Und zum Schluss erfolgte die sorgfältige Verpackung jedes einzelnen Seifenstückes, je nach Hochwertigkeit des Stücks gleich in mehrere Packungsschichten. Viel aufwendige Handarbeit, wohin die Kameralinse blickt, an den Arbeitstischen stehen grossenteils Frauen. Die Männer hantieren an den Maschinen.

«Seifi» lebt als Film weiter

Werner Hausmann ist stolz auf dieses Filmdokument. Noch heute kommentiert er die im Bild gezeigten Arbeitsschritte minutiös. «Den Film habe ich mit einer Super-8-Kamera aufgenommen», erzählt er. «40 Jahre lang fristete er auf dem Estrich sein Dasein, jetzt wurde er digitalisiert.» Und der Nachwelt zugänglich gemacht. 1990 wurde die Seifenfabrik nach 133 wechselvollen Jahren stillgelegt. Einige Requisiten des Traditionsunternehmens befinden sich in der Ausstellung im ortsbürgerlichen Museum.

«Ist das alles, was von der ‹Seifi› übrig geblieben ist? Und ist das traurig für Sie?», will jemand aus dem Publikum wissen. Das ist die einzige Frage, die an diesem Nachmittag unbeantwortet bleibt.

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