JVA Lenzburg
30'000 Jahre Freiheitsentzug: Die bewegte Geschichte des Lenzburger Knasts

Die Justizvollzugsanstalt Lenzburg gilt als eines der modernsten Gefängnisse in Europa. Und sie hat eine bewegte, inzwischen 153-jährige Geschichte hinter sich.

Jörg Meier
Drucken
Sport für Insassen: Im Freien turnende Häftlinge um 1930 – eine Turnhalle gab es in der Strafanstalt Lenzburg erst ab dem Jahr 1988.

Sport für Insassen: Im Freien turnende Häftlinge um 1930 – eine Turnhalle gab es in der Strafanstalt Lenzburg erst ab dem Jahr 1988.

Archiv JVA Lenzburg

Geradezu euphorisch verkündete der erste Direktor Rudolf Müller bei der Eröffnung der Strafanstalt Lenzburg 1864: «Wir werden uns gewöhnen, die Strafanstalt als eine verspätete Erziehungsanstalt für solche zu betrachten, bei denen Schule, Haus und Kirche nicht genügten, um sie auf den Weg zur Sittlichkeit und Tugend zu leiten oder zurückzuführen.»

Die Pfeiler von Müllers System der Besserung: Mit Religion, Schule und geeigneter, harter Arbeit sollten «entgleiste Sträflinge» zu guten Menschen erzogen werden. Doch der erste Gefängnisdirektor wirkte nicht besonders erfolgreich; nach wenigen Jahren musste er zurücktreten und wanderte später nach Buenos Aires aus, wo er sich als Journalist versuchte.

Impressionen des Erweiterungsbaus im Zentralgefängnis JVA Lenzburg:

Die neuen Plätze entschärfen den Engpass in Aargauer Gefängnissen.
11 Bilder
Hinweisschild im Erweiterungsbau.
Häftlinge werden hier Kurzzeitstrafen bis zu einem Jahr absitzen.
Nach 18 Monaten Bauzeit wird der Erweiterungsbau eingeweiht.
Er bietet Platz für 60 Häftlinge.
Erweiterungsbau Zentralgefängnis JVA Lenzburg
Damit sollen die Engpässe in Aargauer Gefängnissen beseitigt werden.
12 Quadratmeter misst eine Einzelzelle.
Der Bau kostete 25,2 Millionen Franken. Der Bund übernimmt davon 5,5 Millionen.
Der Neubau könnte dereinst nochmals um 60 Plätze erweitert werden.
Der Erweiterungsbau ist über den Hof des Zentralgefängnisses zugänglich.

Die neuen Plätze entschärfen den Engpass in Aargauer Gefängnissen.

WALTER BIERI

Die neue Strafanstalt, erbaut nach den Plänen des Badener Architekten Robert Moser (1833–1901), galt damals als modernste Anlage Europas. Auch der Strafvollzug galt als fortschrittlich: Prügel- und Kettenstrafen wurden abgeschafft und es gab tatsächlich ein Minimum an Bildung.

30 000 Jahre Freiheitsentzug

Seither haben über 42 000 Menschen höchst unfreiwillig einen Teil ihres Lebens im Lenzburger «Fünfstern-Bau» verbracht. In diesen 153 Jahren hat die Justizvollzugsanstalt Lenzburg (JVA) den Gefangenen rund 30 000 Jahre Freiheit entzogen.

Die Einzigen, die freiwillig innerhalb der Anstaltsmauern wohnten, waren die Direktoren. Sie residierten bis ins Jahr 1981 mit ihren Familien in der Direktorenwohnung. So waren die «Patrons» jeweils omnipräsent und stets erreichbar.

Aus Anlass des 150-Jahr-Jubiläums der JVA hat der Publizist Peter Schult- hess die Geschichte der Strafanstalt recherchiert und als Buch mit dem Titel «Damals in Lenzburg» veröffentlicht. Sein mit vielen Geschichten und Anekdoten gespicktes Werk zeigt auch deutlich, wie sehr die gesellschaftlichen Entwicklungen den Strafvollzug beeinflussen. Das lässt sich an einigen Reminiszenzen ablesen: So wurde 1916 die erste Schreibmaschine angeschafft, ab 1921 durften die Gefangenen einmal pro Monat duschen.

1928 wurde dann der Turnunterricht eingeführt. Man ging davon aus, dass die intensiven Bewegungen die sexuellen Schwierigkeiten der Haft mindern würden. 1929 war erstmals ein Akademiker als Gefangener in Lenzburg, 1930 wurde Kakao eingeführt, allerdings bloss am Sonntag zum Frühstück. Ab 1932 war das Tragen von Eheringen erlaubt. 1970 gastierte der Circus Knie mit dem Clown Dimitri in der Strafanstalt.

Hanf auf dem Mist

Ein erstes Anzeichen, dass die Drogen vor der Anstaltsmauer keinen Halt machen, war die Entdeckung eines Hanfstrauches auf dem Miststock der Innengärtnerei im Jahre 1973. Zu Beginn der 80er-Jahre stieg der Ausländeranteil auf über 70 Prozent, 2001 überstieg er erstmals 85 Prozent.

2007 wurde die bisherige Strafanstalt Lenzburg in Justizvollzugsanstalt umbenannt und baulich stetig den neuen Anforderungen angepasst. Dazu gehören neue Therapieformen wie die tiergestützte Therapie. Berücksichtigt wurden auch neue Lebensgewohnheiten und -formen der Gefangenen wie etwa vegetarische Speisen oder der Umgang mit alten Häftlingen. Aber auch der Schutz vor den Gefahren der modernen Technologie, wie sie etwa von Handys oder Drohnen ausgehen, ist in der JVA ein ständiges Thema.

Lenzburg im Krimi-Bestseller

Heute zählt die Justizvollzugsanstalt Lenzburg zu den modernsten Einrichtungen ihrer Art in Europa. Dieser gute Ruf hat literarische Konsequenzen: Im Krimi «Der Sohn» des norwegischen Bestseller-Autors Jo Nesbǿ erhält das neue Lenzburger Zentralgefängnis einen kurzen, aber eindrücklichen Auftritt. Da heisst es über das fiktive norwegische Hoch- sicherheitsgefängnis «Staten»: «Das Vorbild war das Gefängnis in Lenzburg gewesen, im Schweizer Kanton Aargau. Hypermodern, aber einfach und mit Fokus auf Sicherheit und Effektivität statt Komfort.» Viel Lob also aus berufenem Mund.

Aktuelle Nachrichten