Rupperswil-Prozess
Warum das Alter von Thomas N. gegen eine lebenslängliche Verwahrung spricht

Der Täter von Rupperswil wird kaum lebenslänglich verwahrt – Psychiater streiten sich um ihre Rolle im Prozess.

Andreas Maurer
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Das ist der provisorische Gerichtssaal für den Prozess im Fall Rupperswil. Gerichtspräsident Daniel Aeschbach hat sich eine Waage aufstellen lassen.

Das ist der provisorische Gerichtssaal für den Prozess im Fall Rupperswil. Gerichtspräsident Daniel Aeschbach hat sich eine Waage aufstellen lassen.

Chris Iseli

Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau prüft im Fall Rupperswil die härteste Massnahme des Schweizer Strafrechts: eine lebenslängliche Verwahrung. Deshalb hat sie beantragt, dass zwei Gutachter aufgeboten werden. Am Dienstag, dem ersten Prozesstag, werden sie befragt.

Damit weckt die Staatsanwaltschaft Erwartungen, welche die Gerichte kaum erfüllen können. Das Bundesgericht hob bisher alle angefochtenen lebenslänglichen Verwahrungen auf, die von tieferen Instanzen angeordnet worden waren. Das neuste Urteil publizierte das Bundesgericht diese Woche im Fall Marie. Unter den vier bisherigen Fällen sind Täter, welche die Voraussetzungen eher erfüllen als Thomas N., der geständige Täter von Rupperswil.

Die entscheidende Frage für eine Verwahrung lautet: Ist der Täter untherapierbar? Dagegen spricht im Fall von Thomas N. nur schon sein Alter. Er ist 34 Jahre jung. Gemäss Statistik lebt eine Person mit diesem Alter durchschnittlich noch 48 Jahre. Psychiater haben schon Mühe, Prognosen über die Therapierbarkeit für die nächsten 20 Jahre abzugeben. Je jünger ein Täter ist, desto schwieriger wird es, seine restliche Lebenszeit vorherzusagen. Erleichtert wird die Einschätzung über den Erfolg einer Therapie, wenn ein Täter schon eine absolviert hat. Doch N. war vor seiner Tat strafrechtlich ein unbeschriebenes Blatt.

Unmögliche Vorhersage

Sogar ein Richter, der die umstrittene Massnahme selber einmal ausgesprochen hat, geht nicht davon aus, dass Thomas N. lebenslänglich verwahrt wird. Jeremy Stephenson bestätigte als Präsident des Basler Appellationsgerichts 2014 die lebenslängliche Verwahrung von Markus W., dem Serienvergewaltiger. Es ist eines der vier kantonalen Urteile, die das Bundesgericht seit Inkrafttreten der Verwahrungsinitiative aufgehoben hat. Noch heute ärgert sich der pensionierte Richter darüber: «Das Bundesgericht darf die Messlatte hoch ansetzen, aber nicht so hoch, dass der Verfassungsartikel in der Praxis nie angewendet wird.» Anders äussert sich Stephenson zum Fall von Thomas N.: «Wir haben sehr gute forensische Psychiater. Es ist aber fast unmöglich, dass ein seriöser Gutachter zum Schluss kommt, ein junger Mann sei für über 40 Jahre lang nicht therapierbar.»

Marc Graf, Direktor der Forensisch-Psychiatrischen Klinik von Basel, bestätigt: «Bei einem jungen Menschen ohne Hirnschaden ist es unmöglich, zu sagen, ob er untherapierbar ist.»
Wenn es um wissenschaftliche Fragen wie die Therapierbarkeit geht, sind sich Psychiater weitgehend einig. Aber wenn es darum geht, die psychiatrischen Antworten in die Sprache der Gerichte zu übersetzen, scheiden sich die Geister. Wenn ein Richter fragt: «Ist die Anordnung einer Verwahrung aus psychiatrischer Sicht zu empfehlen?» Dann pflegt Graf als Gutachter zu antworten: «Das kann ich nicht sagen, das ist eine Rechtsfrage.»

Er zieht einen Vergleich zur Medizin: «Früher hatte ein Hausarzt eher eine paternalistische Auffassung: Er schaute Ihnen tief in die Augen und sagte, Sie brauchen dies und das. Heute sagt er, Sie haben Möglichkeit a, b und c. Entscheiden müssen Sie selber.» Gefragt sei Sachverstand statt Sachverständigen. Deshalb gebe er vor Gericht keine Empfehlung ab. Als Gutachter müsse man der narzisstischen Verführung widerstehen, alle Fragen zu beantworten. Er beobachtet einen Wandel: «Die jüngere Generation von Psychiatern geht sorgfältiger mit ihrem Rollenverständnis um.»

Zwei Gutachter, zwei Meinungen

Ganz anders sieht man das beim Psychiatrischen Dienst des Kantons Zürich von Chefarzt Frank Urbaniok. Bernd Borchard leitet dort die Risikoabklärungen. Er und Urbaniok würden die Frage eines Richters, ob eine Verwahrung aus psychiatrischer Sicht zu empfehlen sei, immer so konkret wie möglich beantworten. Borchard sagt: «Auch bei Ihrem Hausarzt sind Sie froh, wenn er nicht nur die Optionen aufzählt, sondern Ihnen eine Empfehlung abgibt.» Er widerspricht Graf in einem weiteren Punkt: «Ich denke nicht, dass es eine Frage der Generationen ist, sondern der fachlichen Überzeugung.»

Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalitätsgeschichte.
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Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Thomas N. wartet im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf ZH auf den Prozess.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg findet aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt.
Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute (Stand 8.3.2018)

Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalitätsgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Das unterschiedliche Rollenverständnis von Psychiatern führt dazu, dass Richter auf die gleiche Frage eine andere Antwort aus Basel als aus Zürich erhalten. Das führt zu Interpretationsproblemen. Zum Beispiel im Fall Marie, in dem sich die Gerichte nicht einig sind, was die Gutachter meinten. Die Vorinstanz, das Waadtländer Kantonsgericht, war davon ausgegangen, dass die Worte der zwei befragten Gutachter dasselbe bedeuteten. Das Bundesgericht hingegen entdeckte Differenzen. Eine lebenslängliche Verwahrung kann aber nur ausgesprochen werden, wenn beide Psychiater zum gleichen Schluss kommen.

Christoph Blochers Prognose

Das neuste Urteil zeigt einmal mehr, dass die 2004 angenommene Verwahrungsinitiative kaum je angewendet wird. Eine Überraschung ist das allerdings nicht. 2006 sagte der damalige Justizminister Christoph Blocher: «Dieser Verfassungsartikel wird vermutlich nie oder höchst selten angewendet, denn es braucht ja Psychiater, welche am Anfang eine lebenslängliche Untherapierbarkeit voraussagen.» Die Initiative habe dennoch ihr Ziel erreicht, da Verwahrte nicht mehr leichtfertig Urlaub erhielten. Angesichts dieser Vorgeschichte ist es eher überraschend, dass die Staatsanwaltschaft bei Thomas N. eine lebenslängliche Verwahrung prüft.

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