Unterbringung
Unwürdige Asylunterkunft: «Der Kanton schaut nicht nur in Holderbank weg»

Der Kanton findet auch: Die verdreckte Asylunterkunft ist auf «Dauer kein Zustand». Doch statt dafür zu sorgen, dass die Liegenschaft überholt wird, sollen die Bewohner die Hausordnung einhalten.

Jürg Krebs
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Die Asylunterkunft in Holderbank
17 Bilder
Schimmelnder Vorhang, Algen-Befall an den Wänden: Die Duschen in der Asylunterkunft Holderbank
Heftiger Algen- und Schimmel-Befall an der Decke der Dusche
Dusche, Toiletten, Waschraum: Blick in die sanitären Anlagen in Holderbank
Schimmel birgt gesundheitliche Risiken: Die Bewohner sind einem erhöhten Risiko für Atemwegsinfektionen und Asthma ausgesetzt
Auch an der Decke der zweiten Dusche sieht es nicht besser aus
Zwei schimmelnde Duschen sind für 38 Männer gedacht
Der Waschraum für 38 Männer: kaputter Spiegel, fehlende Seife
Ein Pissoir und drei Toiletten für 38 Menschen: Es riecht nach Urin und Algen
Küchenutensilien gibt es wenige: Vielen vorhandenen Pfannen fehlen Henkel und Griffe
Geschirr für 38 Menschen gibt es nicht
Die Wände im ganzen Haus sind verschmiert
Die Küchenlampe wird nicht repariert
Die Männer von Holderbank zeigen bereitwillig alle ihre Zimmer
In diesem Zimmer schlafen sechs Männer: Für Privatsphäre sorgen einzig die Leintücher über den Kajütenbetten
Die Elektrizität ist unorganisiert
Aussenansicht: Die Asylunterkunft an der Hauptstrasse in Holderbank

Die Asylunterkunft in Holderbank

watson.ch

Schimmel und Algen an den Wänden, in Dusche, WC und Küche – und das ganz offensichtlich nicht erst seit gestern. Die Asylunterkunft in Holderbank darf als versifftes Loch bezeichnet werden. Ist eine solche Unterbringung menschenwürdig?

Drei Dutzend abgewiesene und ausreisepflichtige Asylbewerber sind dort im Zweifamilienhaus untergebracht. Die Zustände machte das Nachrichtenportal «watson.ch» am Montag publik.

Patrizia Bertschi von Netzwerk Asyl machen die Bilder aus Holderbank wütend: «Das Netzwerk Asyl fordert seit langem Standards für Asylunterkünfte, damit Menschen menschenwürdig wohnen können.» Der Asylbewerber Mohammad Hassanzadek sagt gegenüber Tele M1: «Man kann hier nicht gut leben.»

Beim zuständigen Departement Gesundheit und Soziales (DGS) des Kantons Aargau heisst es: Das sei «auf die Dauer kein Zustand», so Mediensprecher Balz Bruder. Die Liegenschaft werde immer wieder instand gestellt: «Die Zustände, die da abgebildet sind, sind auf die Dauer nicht haltbar.»

Und dennoch: Wenn die Infrastruktur besser wäre, wäre es einfacher Sauberkeit und Ordnung gewährleisten zu können, so Bruder. Die Leute, die im Haus lebten, würden jedoch «nicht unwesentlich dazu beitragen, dass es so aussieht».

Man habe in den kantonalen Unterkünften das Prinzip, dass die Leute grundsätzlich selber für Ordnung und Sauberkeit zuständig seien. Dieses Prinzip bewähre sich in der Regel sehr.

Selbstkontrolle funktioniert nicht

In Holderbank funktioniert dies offenbar aber nicht. Gegenüber der «Aargauer Zeitung» erklärt Bruder: «Ja, wir werden die Situation überprüfen.»

Die Bewohner würden von den Betreuern angehalten, die Hausordnung einzuhalten. Ob das reichen wird? Drei Dutzend Personen auf so engem Raum mit so kleinen sanitären Anlagen. Kann das gut gehen?

Zudem zeigen die Algen an der Wand: Hier wurde schon sehr lange nicht mehr gereinigt. Das kann dem Kanton nicht neu sein. Stellt sich die Frage: Wer ist für die Aufsicht vor Ort zuständig? Balz Bruder: «Die entsprechenden Fachbereiche der Sektion Asyl.» Dort muss man blind sein. Keineswegs, so Patrizia Bertschi: «Der Kanton schaut nicht nur in Holderbank weg.»

Dazu passt, eine Drehgenehmigung im Innern der Unterkunft wurde Tele M1 zuerst zugesagt, dann aber wieder verweigert. Hat der Kanton etwas zu verbergen? «Nein», sagt Balz Bruder, «wir haben nichts zu verbergen.» Die Unterkunft, in der Asylsuchende lebten, sei nicht zum Filmen da.

Holderbank soll geschlossen werden

Immerhin: Der Kanton Aargau möchte die Notunterkunft in Holderbank in absehbarer Zeit schliessen. Er plant Grossunterkünfte mit einer separaten Unterbringung von ausreisepflichtigen Asylsuchenden.

Der Kanton ist seit mehr als zehn Jahren Mieter des Hauses in Holderbank. Probleme gab es vor Ort immer wieder. Die Polizei führte mehrfach Kontrollen durch und stellte Drogen sicher.