Pandemie
Stille Nacht: Zwei Pfarrer und eine Pfarrerin erzählen, wie sie die Weihnachtsgottesdienste dieses Jahr gestalten

Die Weihnachtsgottesdienste werden in diesem Jahr stiller als sonst – das gemeinsame Singen ist nicht erlaubt. Zwei Pfarrer und eine Pfarrerin erzählen von der Seelsorge in Pandemiezeiten.

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Weihnachtsgottesdienste in Cornazeiten

Weihnachtsgottesdienste in Cornazeiten

Sandra Ardizzone/Chris Iseli/zvg

«Gott ist ewig, Corona geht vorbei»

Nadine Hassler Bütschi, Pfarrerin der evangelisch-reformierten Kirche Rued, wird Weihnachtslieder singen – notfalls im Sommer.

Nadine Hassler Bütschi, Pfarrerin der evangelisch-reformierten Kirche Rued, hat dafür gebetet, dass der Gottesdienst heute stattfinden kann.

Nadine Hassler Bütschi, Pfarrerin der evangelisch-reformierten Kirche Rued, hat dafür gebetet, dass der Gottesdienst heute stattfinden kann.

Chris Iseli

Wer kommenden Sommer Weihnachtslieder aus der Kirche Rued schallen hören sollte, der darf sich nicht wundern. Das wäre dann das Einlösen des Versprechens, das Nadine Hassler Bütschi (53) ihrer Kirchgemeinde gegeben hat: Einen ganzen Gottesdienst lang Weihnachtslieder singen, sobald Singen wieder erlaubt ist – selbst wenn es Hochsommer sein sollte.

Ja, das Singen. Es ist das Einzige, was der Pfarrerin der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Rued so fehlt, dass es im Herzen wehtut. «Die Christmette ohne Singen zu feiern, das ist für mich eigentlich unvorstellbar», sagt sie und betont, dass das Singverbot das Einzige sei, über das sie jammere. Und das noch nicht einmal übertrieben laut.

Jetzt ist es halt so. Sich zu wehren, wäre verschenkte Energie.

Gottesdienst im Pyjama

Energie hat Nadine Hassler Bütschi in den letzten Monaten viel gebraucht, der Mehraufwand war enorm. Sie selbst drückt es diplomatisch aus und sagt, sie habe sich nicht gelangweilt. Sie sagt aber auch: «Es war ein wahnsinnig spannendes Jahr, ein Jahr mit Plan A, B und C für alles.» Herausforderungen liebt sie, die ehemalige Crossair-Hostess und Weltenbummlerin. Kreative Lösungen zu finden sowieso. Aber das ist halt nur die halbe Wahrheit, das Paradoxe dieses Jahres. Denn da sind auch die Geschichten von kranken, todkranken Menschen, von Existenzen, die bedroht sind. «Das setzt mir gleichermassen zu», sagt sie.

Nadine Hassler Bütschi war dieses Jahr vor allem um eines dankbar: um die sozialen Medien. «Es ist enorm, was wir dank ihnen auffangen konnten.» Dank Whatsapp wanderten ihre Tageslosungen durch die halbe Schweiz, der Adventsbasar findet online statt und dank Livestream kann jeder beim Gottesdienst oder dem Krippenspiel mit dabei sein. Tränen habe sie gelacht, als ihr eine Frau erzählt habe, wie wunderbar es sei, den Gottesdienst daheim im Pyjama mitzuerleben.

Computer können viel – aber nicht alles

«Ein herrliches Bild», sagt sie und fügt dann ernst an: «Bis das Aber kam.» Das Aber des fehlenden persönlichen Kontakts, bei aller Herrlichkeit des Pischi-Gottesdienstes. Nadine Hassler Bütschi seufzt. «Der Computer kann viel. Aber er ersetzt das Zusammensitzen nicht. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft und persönlichen Kontakten ist riesig.» Deshalb zieht sie auch regelmässig selber los, verteilt Bastelpäckli an die Kinder oder CDs mit dem letzten Gottesdienst, verbunden mit einem Schwatz an der Haustür. «Das war die letzten Monate über ganz zentral: Den Leuten zeigen, dass man an sie denkt, dass man ein offenes Ohr für sie hat.» Dabei habe sie aber auch gespürt, wie gross der Zusammenhalt im Tal ist; ihre Angebote, für ältere Leute einkaufen zu gehen, wurden kaum angenommen – die Nachbarn waren ihr zuvorgekommen. Nadine Hassler Bütschi lacht. «Diesbezüglich leben wir hier im Ruedertal in einer heilen Welt, das ist schön.»

Heute, an Heiligabend, soll Corona keine Rolle spielen. Heute nicht. Gefeiert wird mit 50 Personen in der schmucken Kirche Rued, so, wie es die Leute im Tal schon seit über tausend Jahren in diesem Kirchlein tun. Dafür hat sie gebetet; dass die Gemeinde wenigstens diesen Gottesdienst gemeinsam feiern kann, dass Corona das nicht auch noch zunichtemacht. «Es ist Weihnachten. Gott ist ewig, Corona geht vorbei», sagt Nadine Hassler Bütschi. Das ist die Botschaft, die sie den Gottesdienstbesuchern in Erinnerung rufen will, eine Freudenbotschaft: «Gott wird Mensch, er bringt Licht, Wärme und Hoffnung. Er ist immer da. Wir sind nie allein.» (Katja Schlegel)

«Kinder sollen Spielzeug an Bedürftige schenken»

Badens Pfarrer Josef Stübi zeigt die Anpassungsfähigkeit der katholischen Messe.

Josef Stübi, Stadtpfarrer in Baden, bei einer Predigt.

Josef Stübi, Stadtpfarrer in Baden, bei einer Predigt.

Zur Verfügung gestellt

Weihnachten lockt auch Gläubige in die Kirche, die sonst keine Gottesdienste besuchen, beobachtet Badens Stadtpfarrer Josef Stübi. Doch in diesem Jahr darf der Andrang bei den Messen auch an den Weihnachtstagen nicht höher als die erlaubten 50 Personen betragen. Diese müssen sich im Vorfeld telefonisch oder online anmelden. Die heutige Mitternachtsmesse war schon zehn Tage vor Heiligabend ausgebucht. Einlasskontrollen bei der Kirche, die sonst ihre Türen jedem offenhält − «das ist furchtbar schade, aber wir mussten uns damit arrangieren», so Stübi.

Anfeindungen erlebe er allerdings keine, im Gegenteil viel Verständnis. Denn seine Pfarrei bemüht sich auch, im Rahmen der Möglichkeiten «das Beste aus der Situation zu machen». Nur 50 Teilnehmer beim Gottesdienst? Dann kommt der ökumenische Wald- Weihnachtsgottesdienst am Heiligabend in Ennetbaden halt an fünf verschiedene Plätze, damit die älteren Bürger von den Fenstern aus zuschauen können. Gesangsverbot im Gottesdienst? Also singt in der Mitternachtsmesse ein Solistenquartett mit Instrumentalbegleitung, damit die Besucher trotzdem «Stille Nacht» und «O du Fröhliche» zu hören bekommen. Maskenpflicht? Dann gehen Pfarrer und Kommunionhelfer halt mit desinfizierten Händen und Masken zur Hostienvergabe durch die Reihen.

«Nach einer Weile gewöhnt man sich an diese Neuerungen. Die Leute sind froh, dass sie überhaupt zur Messe kommen können», sagt Stübi. Im Notfall verweist er auf die Fernsehgottesdienste und den Online-Livestream des Bistums Basel. Stübi selbst übertrug zum Palmsonntag einen TV-Gottesdienst aus der Badener Stadtkirche via Tele M1 sowie zum Weissen Sonntag einen Online-Livestream. An Ostern waren noch keine Besucher in der Kirche erlaubt und vielen Gläubigen fehlte der Gottesdienst. Vereinsamung, betont Stübi, sei ein nicht zu vernachlässigender Nebeneffekt der Pandemie. Seine Pfarrei war besonders bemüht, den Kontakt zu möglichst vielen Mitgliedern der Kirchgemeinde in dieser Zeit aufrechtzuerhalten.

So startete man den wöchentlichen Text- oder Videonewsletter «Sonntags-Impuls». Wenn schon kein Religionsunterricht und kein Krippenspiel zu Weihnachten möglich ist, können Kinder wenigstens auf der Website ReliBaden@home dem Weg nach Bethlehem folgen und Bastelunterlagen herunterladen. Und auch «zäme ässe», das gemeinschaftliche Abendessen für armutsbetroffene und einsame Menschen, sollte wegen der Pandemie nicht komplett flachfallen: Das Znacht wird derzeit jeden Donnerstagabend als Take-away angeboten.

Es sind diese sozialen Projekte, die Pfarrer Josef Stübi besonders wichtig sind. Während Corona entstand der Gaben- Zaun, bei dem neuerdings auch Kleidungsstücke für Bedürftige deponiert werden können. Gerade weil manchen Familien das Geld fehlt, Kindern ein Weihnachtsgeschenk zu finanzieren, ermuntert Stübi auch zum Verschenken von Spielsachen. Er ist sich sicher:

Viele dieser Angebote werden sicherlich über die Coronazeit hinaus erhalten bleiben.

Solidarität und Rücksichtnahme sollen auch Inhalt von Stübis Weihnachtspredigt sein. Die Weihnachts geschichte versteht er als Hoffnungsbotschaft, sie soll zeigen: «Wir sind nicht allein, die Liebe Gottes begleitet uns. Dass Gott sich am Rande der Gesellschaft, bei armen Hirten, offenbart hat, soll unsere Aufmerksamkeit auch auf das Leid in der Welt lenken.»

«Ich habe noch nie so viel telefoniert»

Im Coronajahr stellte das Telefon für Pfarrer Peter Grüter das wichtigste Medium dar – für die Christnachtfeier setzt Rheinfelden auf einen Livestream.

Der christkatholische Pfarrer Peter Grüter rief die Jubilare an, wenn er sie nicht persönlich besuchen konnte.

Der christkatholische Pfarrer Peter Grüter rief die Jubilare an, wenn er sie nicht persönlich besuchen konnte.

Sandra Ardizzone

Das Coronajahr ist für Pfarrer Peter Grüter von der Christkatholischen Kirchgemeinde Rheinfelden-Kaiseraugst durch Verunsicherung und viel Ruhe geprägt. «Verunsicherung, weil man sich mit der ganzen Situation mit dem Virus zurechtfinden musste, und viel Ruhe, weil alle Gemeinschaftsanlässe abgesagt worden sind», sagt Grüter. Das Leben der Kirchgemeinde war in vielen Bereichen zum Stillstand gekommen, und obgleich seit Mai wieder Gottesdienste gefeiert werden dürfen, finden immer noch nur ein Minimum an persönlichen Begegnungen statt. Dass viele Anlässe umgeplant werden mussten, bedeutete für Grüter einen Mehraufwand an administrativen Aufgaben. Grüter:

Letzte Woche habe ich einen ganzen Tag lang drei Weihnachts- und Adventsanlässe vorbereitet, und als ich am Abend fertig war, habe ich erfahren, dass alle Anlässe abgesagt wurden. Das macht es nicht einfach und ist auch frustrierend

Das Coronajahr zwang Grüter, sich neu zu orientieren, wie er Kontakt zu den Glaubenden halten kann. «Ich habe noch nie so viel telefoniert wie im letzten halben Jahr», sagt Grüter. Auch Videokonferenzen sind eine Möglichkeit, Kontakt zu halten, aber nicht seine erste Wahl. «Ich weiss von Leuten, die das gerne machen. Ich gehöre eher nicht dazu. Ich finde, das ersetzt nicht die persönliche Begegnung.» Einen Gottesdienst ohne präsente Gemeinde zu gestalten, hält er für ein «theologisches Unding», auch wenn es wegen der Pandemie notwendig geworden ist.

Das Telefon stellte letztlich das wichtigste Medium dar, um den Kontakt zu halten. Ältere Gemeindemitglieder etwa oder solche, von denen Grüter wusste, dass sie krank waren, sowie Jubilare hat er angerufen, anstatt sie persönlich zu besuchen. Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Pandemie und die daraus resultierenden Einschränkungen besonders den älteren Glaubenden zusetzen, da diese eben auch unter Vereinsamung leiden.

Auch der Gottesdienst an Heiligabend wird anders ablaufen, als es die Gemeinde gewohnt ist. «Der Gottesdienst lebt von der Tradition. Wir haben viele Sachen, die sich jedes Jahr wiederholen», erklärt er, allerdings muss dieses Jahr auf einiges davon verzichtet werden. Er möchte deshalb diesmal nicht von einer Christnachtmesse sprechen, sondern von einer Christnachtfeier. In der Kirche darf nicht gesungen werden, stattdessen ist mit Orgel und Alt-Posaune eine musikalische Umrahmung geplant. Der Gottesdienst an Heiligabend ist jeweils der bestbesuchte im ganzen Jahr; zwischen 100 und 300 Gläubige kommen in die St. Martinskirche. Im Coronajahr ist die Feier aber auf 50 Gläubige beschränkt. Teilnehmer müssen sich im Vorfeld per E-Mail anmelden. Da der Platz in der Kirche nicht für alle reicht, wird die Christnachtfeier auch per Livestream übertragen.

Der Gottesdienst findet zudem nicht um Mitternacht nach dem Brunnensingen der Sebastiani-Bruderschaft statt, da dieses ebenfalls ausfallen muss, sondern wird auf 22 Uhr vorgezogen. Das Brunnensingen beschränkt sich auf ein Abspielen des Liedes von einer CD.

Die Vorbereitung auf den Gottesdienst ähnelt trotzdem der Vorbereitung in anderen Jahren, da immer auch das aktuelle Weltgeschehen thematisiert wird. «Dieses Jahr ist es eher dramatisch», sagt Grüter, der hofft, dass er mit seinen Worten die Leute auch persönlich erreichen kann. «Die Botschaft von Weihnachten ist etwas, das mich jedes Jahr fasziniert», meint Grüter. «Gott wird Mensch, und es zeigt sich, dass Gott der intimste Freund ist, den wir Menschen haben. Vielleicht muss sich das 2020 bewähren, denn die Art von Weihnachten, wie wir sie dieses Jahr erleben, hat sich niemand gewünscht.» (Horatio Gollin)