Corona-Virus

«Sollen wir die Hochzeit absagen?» – Experten der Kantonsspitäler beantworten weitere Leserfragen

Christoph Fux (links) und Benedikt Wiggli beantworten die Fragen der AZ-Leser.

Christoph Fux (links) und Benedikt Wiggli beantworten die Fragen der AZ-Leser.

Die Infektiologie- und Spitalhygiene-Experten der beiden Aargauer Kantonsspitäler beantworten weitere Leserfragen zum Corona-Virus.

Zwei Stunden haben sich die Infektiologen Christoph Fux (Kantonsspital Aarau) und Benedikt Wiggli (Kantonsspital Baden) am Mittwoch Zeit genommen, um telefonisch Fragen der AZ-Leser rund um das Corona-Virus zu beantworten. Das Informationsbedürfnis der Bevölkerung ist so gross, dass sich die Experten am Donnerstag spontan erneut bereit erklärten, Fragen entgegenzunehmen und zu beantworten.

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 3 finden Sie hier.

Am Wochenende ist mein Vater (88) an eine Geburtstagsfeier mit zirka 40 Personen eingeladen. Derzeit geht es ihm gut, er nimmt aber Medikamente fürs Herz, Bluthochdruck, Cholesterin, Diabetes Typ B. In den letzten Jahren hatte er eine Lungenentzündung, mehrere «Streifschläge» und bekam eine neue Herzklappe.

Wiggli: Aus medizinischer Sicht ist klar: Ihr Vater gehört aufgrund seines Alters und seiner Krankheitsgeschichte einer Hochrisiko-Gruppe an und sollte nach Möglichkeit Menschenansammlungen, besonders auf engem Raum, meiden. Falls Ihr Vater dies nicht möchte und die Feier durchgeführt werden soll, dann bitten Sie aber die Organisatoren respektive die übrigen Gäste, dem Anlass fernzubleiben, wenn jemand Erkältungssymptome aufweist.

Darf ich meinen 12 Jahre alten Sohn noch umarmen und einen Kuss geben? Und meinen Mann?

Fux: Ja, das dürfen und sollen Sie! Innerhalb der Kernfamilie werden Sie sowieso jeden Virus teilen. Aber seien Sie vorsichtig im Kontakt nach aussen. Wenn jemand hustet oder Schnupfen hat: Besuchsverbot bei den Grosseltern!

Ich (72) bin Mitte Mai für eine Hüft-OP (Hüftprothese) angemeldet. Sollte ich den Termin besser nach hinten verschieben?

Wiggli: Nein, aus heutiger Sicht gibt es keinen Grund zu einer Terminverschiebung. Falls sich an diese Ausgangslage etwas ändern sollte, wird sich das ­Spital bei Ihnen melden.

Wir feiern am Samstag einen Kindergeburtstag mit 15 Kindern (7 bis 12 Jahre) und drei Erwachsenen in einem Bowlingcenter und einer Trampolinhalle. Können wir das bedenkenlos tun?

Fux: Wenn es uns ernst ist mit dem Ziel, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, müssen wir die Isolationsempfehlungen einhalten. Wir sehen im Tessin, wie schnell das Gesundheitssystem an die Limiten kommt. Deshalb den Grosseltern und kranken Menschen zuliebe: absagen und zu Hause bleiben.

Wenn ich mit meinen Kleinkindern nach Hause komme, waschen wir uns nicht nur die Hände, wir ziehen uns auch andere Kleider an, weil ich Angst habe, dass sich darauf Viren befinden könnten. Macht das Sinn?

Wiggli: Regelmässiges Händewaschen ist in der aktuellen Situation sehr zu empfehlen. Das Wechseln der Kleider jedoch ist übertrieben. Es gibt keine Hinweise, dass das Corona-Virus auf unbelebten Oberflächen – also auf Kleidern, Tischen, Stühlen, Möbeln etc. – übertragbar ist.

In zwei Wochen bin ich (74, gesund) in der Augenklinik des KSA angemeldet für eine Gewebeentnahme am Auge. Kann ich diesen Eingriff gefahrlos machen lassen?

Fux: Wir gehen davon aus, dass die Corona-Virus-Pandemie Monate bei uns bleiben wird. Aktuell ist erst ein kleiner Teil der Bevölkerung betroffen und das Risiko damit aktuell kleiner als in den nächsten Monaten. Also lieber «abarbeiten», was man noch kann.

Ich leite Kinder-Turngruppen und habe mir nun überlegt, diese bis Anfang April zu unterbrechen, da ich ja die Verantwortung trage. Ist dies überreagiert oder sinnvoll?

Wiggli: Machen Sie die Kinder weiterhin mit Turnübungen glücklich. Solange Sie keine Krankheitssymptome aufweisen und sich die behördlichen Vorgaben nicht ändern, dürfen Sie unbesorgt weitermachen. Kinder gelten übrigens nicht als Hochrisikogruppe, die Erkrankung verlief bei Kindern bisher sehr milde.

Besteht die Möglichkeit, dass ich das Corona-Virus schon Ende Januar 2020 hatte? Wäre ich dann gegen eine weitere Ansteckung immun? Ich hatte eine starke Grippe mit den beschriebenen Symptomen. Ich war jedoch lediglich über den Silvester in Barcelona. Könnte man das im Nachhinein testen?

Wiggli: Barcelona ist ein touristischer Hotspot, der auch zahlreiche chinesische Gäste anlockt. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass Sie sich dort zu diesem Zeitpunkt angesteckt haben, denn zu dem fraglichen Zeitpunkt war die Epidemie auf China beschränkt. Die Erfahrung zeigt, dass viele virale Erkrankungen eine zeitlich begrenzte Teilimmunität mit sich ziehen. Ob das auch beim Covid-19 der Fall ist, wird sich zeigen, ist aber wahrscheinlich. Ein Test im Nachhinein bringt nichts und macht keinen Sinn.

Ich (50, Raucherin) bin Birkenpollenallergikerin und nehme maximal zwei bis drei Mal pro Woche Zyrtec. Bin ich Risikopatientin?

Fux: Als Raucherin haben Sie sicher eine vorgeschädigte Lunge. Deshalb müssen Sie umso vorsichtiger sein und sich keinem unnötigen Risiko aussetzen.

In den sozialen Medien kursiert folgende Info: Man soll jeden Morgen tief einatmen und für mehr als zehn Sekunden die Luft anhalten – wenn das ohne Husten, Engegefühl oder Beschwerden ginge, dann habe man keine Fibrose in den Lungen und deshalb auch kein Corona. Ausserdem steht, man solle alle 15 Minuten ein paar Schluck Wasser trinken, weil so das Virus, falls es in den Mund gelangt wäre, in den Magen gespült und zerstört wird. Ist das korrekt?

Fux: Schön wär’s, wenn Diagnosen so einfach zu stellen wären. Die neuen Corona-Viren können alles machen, von Halsschmerzen bis zur schweren Lungenentzündung. Wenn Sie zehn Sekunden die Luft anhalten können, wissen Sie aber zumindest, dass die Sauerstoffaufnahme Ihrer Lunge noch funktioniert. Das mit dem Trinken ist sinnlos. Viren werden meist über den Nasen- und Rachenraum aufgenommen und nicht über den Mund. Da nützt nicht mal Schnaps trinken...

Wir wollen Ende April hei­raten. Die Feierlichkeiten finden sowohl draussen als auch in geschlossenen Räumen statt. Es kommen rund 70 Erwachsene und 10 Kinder. Darunter hat es auch ein paar Risikopersonen. Sollen wir absagen, sofern der Bund solche Anlässe nicht sowieso verbietet?

Wiggli: Eine Hochzeit gilt gemeinhin als der schönste Tag des Lebens. Sie sollten diesen ohne düstere (Corona-)Schatten feiern. Momentan ändert sich die Situation von Tag zu Tag und es kann sein, dass auch das Versammlungsverbot ausgeweitet wird. Falls Sie den Anlass verschieben können, ersparen Sie sich vielleicht einige schlaflose Nächte und Unsicherheiten.

Wie sieht es aus mit den Corona-Gefahren bei Kanalisationsarbeiten und auf dem Bau (43 Jahre alt, gesund)?

Fux: Das neue Corona-Virus wird über die Luft oder über die Hände übertragen. Ansteckungen über Ausscheidungen sind bisher nicht aufgefallen. Wenn Sie vor dem Znüni und Zmittag die Hände waschen, können Sie sich sicher fühlen.

Ich verstehe nicht, warum sie mich im Spital nicht testen. Ich habe Schnupfen und mein Vater hat eine chronische Leukämie. Es kann für ihn lebensgefährlich sein, wenn ich ihn mit Corona-­Viren anstecke.

Fux: Leider haben wir nicht die Kapazität, alle Personen mit einem Atemwegsinfekt zu testen – es sind schlicht zu viele und der Test zu rar: Und es könnten ja auch Influenza- oder RSV-­Viren sein, welche Sie krank machen und Ihren Vater ebenso in Lebensgefahr bringen können. Vor all dem können Sie ihn schützen, wenn sie auf Besuche konsequent verzichten, solange Sie krank sind.

Teil 1 des AZ-Lesertelefons finden Sie hier.

Teil 3 des AZ-Lesertelefons finden Sie hier.

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