Integration im Aargau
Sie machen Flüchtlinge und Gastarbeiter fit für die Schweiz: «Wir sind gut darin, Normalität zu bieten»

Vor 20 Jahren gründete ein Kreativkopf in Aarau eine Firma: Er wollte Flüchtlingen und Gastarbeiterinnen Deutsch lehren, bei der Jobsuche helfen. Ein Dreiergespräch mit Migrationshintergrund – über damals und heute, Vertrauen und Misstrauen, Geduld und Zweifel.

Mario Fuchs
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Vertrauen, Humor, Normalität als Bausteine der Integration: Maurizio Robucci, Markus Wider und Merita Dervisaj (v. l.).

Vertrauen, Humor, Normalität als Bausteine der Integration: Maurizio Robucci, Markus Wider und Merita Dervisaj (v. l.).

Mario Fuchs

Menschen, die lange keine Stelle finden, oft über ein Jahr lang, erhalten im «Job-Express» oder im «Standortbestimmungskurs» von Social Input Hilfe: Sie lernen besser Deutsch, sich zu präsentieren, selbstsicher aufzutreten. Kurz: sich zielsicher zu bewerben. Und sie lernen auch ganz einfache Dinge. Wie man grüsst und wie nicht. Dass ein Bewerbungsdossier keine Falten vom Transport und keine Kaffeeflecken aufweisen darf. Dassman pünktlich kommt, die Hand gibt, sich konzentriert und einbringt.

«Unter Fremden» «Unter Fremden» ist die Geschichte von acht Menschen, die sich in den letzten 50 Jahren auf den Weg machten, niedergeschrieben vom Küttiger Journalisten Michael Hugentobler. In schnörkelloser, nie aber trockener Sprache zeichnet Hugentobler die realen Porträts von acht Eingewanderten, die sich im gleichen Gebäude an der Laurenzenvorstadt 87 in Aarau treffen – elegant verwoben mit der Weltgeschichte des letzten Jahrhunderts. Es ist somit auch die Geschichte davon, wie die Entscheidungen der Mächtigen Einfluss auf jeden Einzelnen haben, ob im Tibet, in Portugal oder in Aarau. «Unter Fremden» erscheint zum 20-Jahr-Jubiläum von Social Input und ist seit gestern im Buchhandel erhältlich. (rio)

«Unter Fremden» «Unter Fremden» ist die Geschichte von acht Menschen, die sich in den letzten 50 Jahren auf den Weg machten, niedergeschrieben vom Küttiger Journalisten Michael Hugentobler. In schnörkelloser, nie aber trockener Sprache zeichnet Hugentobler die realen Porträts von acht Eingewanderten, die sich im gleichen Gebäude an der Laurenzenvorstadt 87 in Aarau treffen – elegant verwoben mit der Weltgeschichte des letzten Jahrhunderts. Es ist somit auch die Geschichte davon, wie die Entscheidungen der Mächtigen Einfluss auf jeden Einzelnen haben, ob im Tibet, in Portugal oder in Aarau. «Unter Fremden» erscheint zum 20-Jahr-Jubiläum von Social Input und ist seit gestern im Buchhandel erhältlich. (rio)

zvg

In 20 Jahren haben Tausende Asyl- und Stellensuchende die Sprach- und Bewerbungskurse bei der Social Input GmbH, Aarau, besucht. Aus diesem Anlass erscheint diese Woche ein Buch: Der Aargauer Journalist Michael Hugentobler hat acht Menschen, die hier ein- und ausgingen, feinfühlig porträtiert (siehe Box rechts). Die AZ trifft an einem kalten Novemberabend drei zum Gespräch: Markus Wider, Gründer und Inhaber, Maurizio Robucci, Verantwortlicher «Job-Express», Merita Dervisaj, Kursleiterin. Wer, so unsere Hoffnung, selber Migrationshintergrund und täglich mit Migration und den Menschen hinter diesem Wort zu tun hat, könnte einiges zu erzählen haben.

Herr Wider, warum soll man ein Buch über acht Eingewanderte lesen?

Markus Wider: Die Grenze zwischen Migranten und den «anderen» gibt es nur im Kopf. Wir sind fast alle Migranten, in dieser oder einer früheren Generation, aus anderen Ländern oder von einem Dorf ins andere. Die Klassifizierung, die in der Öffentlichkeit stattfindet, ist eine leichte Katastrophe und entwickelt sich immer mehr zu einer grossen Katastrophe. Deshalb haben wir das Buch gemacht.

Da wird es sofort politisch. Das Buch aber ist nüchtern. Bewusst?

Wider: Ja. Migration ist in erster Linie kein Politikum, sie ist Fakt, wo es Menschen gibt. Das sollte man nicht politisch kapitalisieren.

Wie fest spürt man im Alltag, dass hier Welten aufeinandertreffen?

Maurizio Robucci: Eigentlich nicht besonders. Für mich ist das normaler Alltag. Ja, es sind unschöne Schicksale, schwierige Geschichten. Aber letztlich sind sie normal. Und die Geschichten wiederholen sich immer wieder.

Mit Flüchtlingen kochen und essen

Schranken abbauen, Vorurteile beseitigen, Menschen integrieren: Das soll das Projekt «Gemeinsam Znacht Aargau» bewirken. Die Idee: Aargauerinnen und Aargauer laden Asylsuchende und Flüchtlinge zum Essen ein. Dabei sollen Sprachkenntnisse verbessert und Berührungsängste abgebaut werden. Im Herbst 2014 im Kanton Zürich lanciert, wird es jetzt ab November 2017 in den Aargau ausgeweitet. In Zürich befinden sich laut den Organisatoren in der Kartei bereits über 600 Gastgeber und über 200 Gäste. Interessierte können sich auf www.gemeinsamznacht.ch registrieren. Koordinatorin Corinne Fischbacher sagt: «Es braucht kein Drei-Gang-Menü, Tomaten-Spaghetti und eine Einladung zu Kaffee und Kuchen sind ebenso gerne gesehen.» (rio)

Was haben sie gemeinsam?

Robucci: Sie verlassen ihre Heimat aus der Not heraus. Mit der Absicht, in eine Realität zu kommen, die ihnen Sicherheit und Geld zum Überleben bringt.

Hilft einem das im Umgang, wenn man mit der Zeit merkt, dass sich die Geschichten wiederholen?

Robucci: Es ist eine Empathie, die sich mit den Jahren entwickelt. Ich habe etwa das Gefühl, dass ich das, was ich als Kind italienischer Einwanderer erlebt habe, heute 1:1 bei den Albanern sehe. Mein Auftrag ist es, Unbehagen wegzunehmen. Das, was mich früher gebremst und geplagt hat.

Wie gelingt das?

Merita Dervisaj: Durch Vertrauen. Ich bin Albanerin aus dem Kosovo. Ich kann nachvollziehen, wie sich Leute, die neu ankommen, fühlen. Am Anfang musste ich mich immer wieder beweisen. Erst mit der Zeit wurde ich offener.

Wider: Wir sind jetzt seit 20 Jahren im Geschäft. Tausende von Ausländern gingen durch unsere Institution. Und nicht einmal hat einer etwas geklaut oder mutwillig kaputtgemacht. Es gab zweimal einen Diebstahl und das waren Leute von aussen. Und wir sind noch dazu eine Schule; an Schulen kommt viel weg.

Robucci: Ich bringe gerne einen Witz am ersten Tag. Vor der Pause fragen die neuen Kursteilnehmer oft: Darf ich mein Zeug hier lassen? Dann sage ich immer: Es hat einfach viele Ausländer hier. (Grosses Gelächter.) Das bricht das Eis immer.

Ist Humor allgemein etwas, das hilft in der Integrationsarbeit?

Robucci: Absolut. Humor und Selbstironie. Sachen direkt ansprechen und nicht immer so extrem sorgfältig sein: Wir dürfen doch sagen, was wir erleben.

Wider: Es gibt schon Sachen, die man nicht direkt ansprechen darf. Es braucht ein interkulturelles Verständnis. So, wie man in der Schweiz nicht als Erstes fragt, wie viel jemand verdient. Aber Vorurteile auf die Schippe zu nehmen, hilft immer.

Robucci: Was ich schnell gelernt habe: Man kann nicht sagen, die Albaner sind eher so und die Portugiesen eher so. Grundsätzlich sind alle gleich.

Erlebt das die Albanerin auch so?

Dervisaj: Eigentlich schon. Im Moment haben wir acht Kulturen am Tisch. Herzig sind ein Albaner und ein Serbe. Sie verbringen jede Pause zusammen, weil sie sich einfach so gut verstehen.

Wie gelingt Integration?

Wider: Was wir tun, ist simpel: Wir sind gut darin, Normalität zu bieten. Die Schweiz ist ein ideales Migrationsland, weil die Leute hier Normalität finden: Hier gibt es Ordnung und Sicherheit, vieles scheint berechenbar, normal eben.

Was ist für Sie «Normalität»?

Wider: Ganz einfach: Ich darf sein, du darfst sein. Wenn niemandem die Existenzberechtigung abgesprochen wird. Sobald wir das tun, wird es gefährlich.

Das gelingt immer?

Wider: Das gelingt momentan noch. Aber das Klima geht eher in Richtung: «du darfst nicht sein». Damit wird unser Kapital, unsere Normalität, zerstört. Das ist etwas vom Schlimmsten. Da hast du gar keine Argumente mehr.

Wenn sie später in die Heimat zurückkehren, war das vergebens?

Wider: Ob sie hierbleiben oder wieder gehen, ist nicht wichtig. Die Erfahrung von Normalität nehmen sie mit in ihr Leben.

Frau Dervisaj, Sie kamen vor über 20 Jahren aus Albanien nach Deutschland, vor 10 Jahren in die Schweiz. Gab es damals Integrationsangebote?

Dervisaj: Nein. Nichts davon. Ich brachte mir die deutsche Sprache zu Hause selber bei. Das ist heute Teil meiner Motivation, zu unterrichten.

Robucci: Ich kam in der Schweiz zur Welt, bin ein klassischer Secondo. Ich hätte mir als Kind auch gewünscht, ich könnte den Leuten begegnen, wie ich bin. So banal das jetzt tönt. Aber ich habe mich oft nicht verstanden, nicht gesehen gefühlt, nicht unterstützt gefühlt. Die Menschen um mich waren damit beschäftigt, mich zu bremsen.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

Robucci: Das hat mich frustriert, traurig gemacht, auch wütend. Ich rannte im Kreis herum.

Wie schafften Sie es aus dem Kreis?

Robucci: Nachdem ich mir tausendmal den Kopf angeschlagen habe. (Zustimmendes Gelächter.)

Wider: Das war der Grund, warum ich mich als Jugendlicher der Schulbildung verweigert habe. Ich wurde nicht verstanden, war fremd. Da wurde extrem viel Geschirr verschlagen. Heute kann man zum Glück vieles auffangen.

Robucci: Als ich erwachsen wurde, fand ich Anklang. Aber man denkt: Es hätte auch früher passieren dürfen.

Stichwort Geduld. Wie viel brauchen Sie davon?

Wider: Mit der Politik? Viel! (Alle lachen.) Nicht mit den Aargauer Behörden, aber mit der Politik. Vor den Mitarbeitenden des Amts für Wirtschaft und Arbeit haben wir grossen Respekt. Sie tun ihr Möglichstes.

Sie «integrieren» seit 20 Jahren. Was hat sich seither verändert?

Wider: Am Anfang war unsere Arbeit normal. Heute hat man das Gefühl, man dürfe das nicht mehr tun. Anders gesagt: Viele denken, der Staat sollte jetzt nicht auch noch für Migrantinnen und Migranten bezahlen müssen. Jetzt sollte dann mal fertig sein. Aber man wird nie fertig sein.

Müde geworden sind Sie nicht?

Nein. Aber die Ansprüche an die Qualität, etwa eines Sprachkurses, sind gestiegen. Das finde ich gut.

Wird sich Ihre Arbeit künftig verändern?

Robucci: Früher kam der Hilfsmaurer, und es war klar, was man tun musste, um für ihn wieder eine Stelle als Hilfsmaurer zu finden. Heute kommt eine portugiesische Studentin, die einen Bachelor hat. Soll sie sich jetzt als Lageristin bewerben oder probieren, eine Stelle auf ihrem Gebiet zu finden? Da setzt man sich manchmal auch persönlich mehr ein, als man müsste.

Dervisaj: Viele wissen auch gar nicht, was sie dürfen und was nicht. Eine stellenlose Therapeutin fragte mich, ob sie sich auch im Tessin bewerben dürfe. Ihre Muttersprache ist italienisch. Jetzt versucht sie es.

Ist der Wille heute noch entscheidend, ob jemand eine Stelle findet?

Wider: Sicher. Aber vor allem braucht es Flexibilität. Wenn ein Isolationsverkäufer nach 30 Berufsjahren kommt, ist ziemlich klar, dass wir keine Stelle mehr für ihn als Isolationsverkäufer finden, weil er einfach zu teuer ist in seinem Alter. Dann muss man sich auf eine einfachere Perspektive einlassen können. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess.

Was kann die Wirtschaft beitragen?

Wider: Zum Beispiel mit uns zusammenarbeiten. Wir empfehlen gerne gute Leute und stellen unser Know-how Interessierten zur Verfügung.

Robucci: Oft geben sich Betriebe ohnmächtig: Wenn ich deinen Lohn nicht mehr zahlen kann, muss ich dir kündigen. Dazwischen gibts kaum etwas. Dabei müsste man versuchen, zu reduzieren und die Erfahrung zu behalten.

Was nehmen Sie aus dem Buch mit?

Dervisaj: Normalität heisst für mich: Ich bin Kosovo-Albanerin, mein Mann Kosovo-Albaner. Zwei Kinder sind in Deutschland geboren. Mein Sohn fühlt sich als Deutscher. Eine Tochter lebt in Schweden, eine in Spanien. Wir leben im Aargau. Und es ist gut so.

Robucci: Ich meiner Schulzeit hatte ich ein Gspänli, das extremes Berndeutsch sprach. Er hielt sich mehr bei uns Italienern auf als bei den anderen Schweizern. Aber ich habe auch italienische Bekannte, die absolut intolerant sind: Sie blieben 40 Jahre unter sich. Auch das ist Normalität.

Wider: Man lässt nicht gerne los, aber es tut einem eben auch gut, loszulassen. Wir müssen die Vorstellung loslassen, dass uns Migration schadet.