Bezirksgericht Lenzburg
Senior fährt Ehepaar auf Fussgängerstreifen an – war er auch noch betrunken?

Das Bezirksgericht Lenzburg hat einen Mann wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt, der mit seinem Auto ein Ehepaar angefahren hatte. Ein Test ergab damals einen Alkoholwert von 0,52 Promille. Doch der Verteidiger zweifelte das Resultat an.

Fabian Hägler
Merken
Drucken
Teilen
Unklare Resultate: 0,52 Promille beim Atemtest, aber 0,09 bis 0,8 Promille beim Blutmesswert. (Symbolbild)

Unklare Resultate: 0,52 Promille beim Atemtest, aber 0,09 bis 0,8 Promille beim Blutmesswert. (Symbolbild)

Keystone

Vor über einem Jahr, am 3. März 2013, fuhr ein damals 67-jähriger Rentner Diana und Emanuele Gugliotta auf einem Fussgängerstreifen in Lenzburg an. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau verurteilte den Mann per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe von 16 200 Franken und einer Busse von 1500 Franken.

Dies unter anderem, weil der Unfallfahrer angetrunken unterwegs gewesen sein soll. «Der Alco-Test ergab einen Atem-Alkoholwert von 0,52 Promille», ist im Strafbefehl nachzulesen.

Massgebend vor Gericht ist aber nicht der Atemtest, sondern der Blutalkoholwert. Hier hakte Anwalt Beat Widmer ein, der den Fall mit einer Einsprache ans Bezirksgericht Lenzburg weitergezogen hatte. «Das Institut für Rechtsmedizin der Uni Bern hat beim Blutalkohol eine Spanne zwischen 0,09 und 0,8 Promille angegeben – so etwas habe ich in meiner 34-jährigen beruflichen Tätigkeit noch nie erlebt», sagte Widmer.

Wie die Staatsanwaltschaft auf dieser Grundlage einen Strafbefehl wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand (FiaZ) erlassen könne, sei ihm schleierhaft. «Weil auch hier der Grundsatz ‹im Zweifel für den Angeklagten› gilt, muss das Gericht auf den tiefstmöglichen Wert abstellen», argumentierte Widmer.

Dieser liege mit 0,09 Promille markant unter der gesetzlichen Alkoholgrenze von 0,5 Promille. «Ein derart niedriger Wert beeinträchtigt das Wahrnehmungsvermögen meines Mandanten in keiner Weise.»

Freispruch vom Alkohol-Vorwurf

Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger folgte dieser Argumentation und sprach den Rentner vom FiaZ-Vorwurf frei. Offen blieb allerdings die Frage, wie beim Blutalkoholwert eine derart grosse Spanne zustande kommen kann.

Wolfgang Weinmann, stellvertretender Direktor des Instituts für Rechtsmedizin (IRM) der Uni Bern, sagt auf Anfrage der az: «Wahrscheinlich wurde die Blutentnahme in diesem Fall erst einige Stunden nach dem Unfall vorgenommen.» Deshalb dürfte der Messwert «recht niedrig, das heisst unter 0,15 Promille» gelegen haben, vermutet Weinmann.

Von diesem Wert her wird die Konzentration zum Unfallzeitpunkt errechnet, wobei üblicherweise ein Abbau von 0,1 Promille pro Stunde angenommen wird. Bei einem so tiefen Wert wie im Fall Lenzburg werden aber 0,2 Promille pro Stunde dazugezählt.

Dazu kommt laut Weinmann ein Sicherheitszuschlag von 0,2 Promille. So liesse sich die Angabe des IRM Bern erklären, die maximale Konzentration beim Unfallfahrer habe 0,8 Promille betragen.

Grundsätzlich gehe es nicht um das Analysenverfahren des IRM, «sondern um die Regeln für die Rückrechnung, die vom Bundesamt für Strassen festgelegt sind».

«Er hat sich nicht entschuldigt»

Insgesamt reduzierte das Gericht die bedingte Geldstrafe für den Unfallfahrer auf 10 800 Franken, die Busse von 1500 blieb bestehen. Neben dem Freispruch vom Alkohol-Vorwurf verurteilte ihn Gerichtspräsidentin Sonderegger wegen fahrlässiger Körperverletzung.

Die Verletzungen seien aus juristischer Sicht nicht als schwer einzustufen, obwohl die betroffene Frau einen mehrfachen Beckenbruch erlitt und heute noch Rückenschmerzen und Migräne hat, während ihr Ehemann nach einem Schädel-Hirn-Trauma an Nackenschmerzen leidet und die Stelle wechseln musste.

Das Opfer Diana Gugliotta findet das Urteil zu mild. «Wir waren schon erstaunt über den Strafbefehl. Es kann doch nicht sein, dass es nur eine bedingte Geldstrafe gibt, wenn man zwei Menschen anfährt», sagte sie nach der Verhandlung.

Dass das Strafmass nun nochmals tiefer ausfällt, findet das Ehepaar Gugliotta unverständlich. Noch stärker enttäuscht sind sie aber vom Verhalten des Rentners. «Er hat sich bei uns nie aufrichtig entschuldigt, weder nach dem Unfall, als er uns im Spital besuchte, noch jetzt bei der Gerichtsverhandlung», sagte Gugliotta.