Bezirksgericht Aarau

Rumänen stahlen Handys im Wert von 300'000 Franken

«Ich sah keine andere Lösung», sagte einer der Beschuldigten. (Themenbild)

«Ich sah keine andere Lösung», sagte einer der Beschuldigten. (Themenbild)

Drei Rumänen überfielen mehrere Einkaufszentren – auch im Aargau. Dafür gibts Gefängnis bis vier Jahre.

Drei Männer wohnen zusammen in einer Wohnung in Belgien. Sie alle stammen aus dem Grossraum derselben rumänischen Stadt, sie alle haben keinen Job. Zwischen September 2018 und Januar 2019 fahren sie – mal nur zu zweit, mal zu dritt, und manchmal noch mit anderen Komplizen – über Nacht zu verschiedenen Einkaufszentren in der Schweiz, auch ins Wynecenter Buchs und zum Perry-Center Oftringen.

Während der eine die Lampen abschraubt, verschafft sich ein zweiter mit brachialer Gewalt Zutritt zu den Elektronikgeschäften. Sie packen Smartphones, Laptops und alles, was sie sonst zu fassen kriegen, in Plastiksäcke und verschwinden wieder. Nur wenige Minuten dauert ein solcher Einbruch jeweils. Bei insgesamt sechs Einbrüchen in diesem Zeitraum sollen sie Geräte im Wert von über 300'000 Franken erbeutet haben. Beim letzten werden sie von der Polizei geschnappt. Es handle sich schon fast um einen mustergültigen Fall von gewerbs- und bandenmässigem Diebstahl, kommentierte der Staatsanwalt ihre Taten. Und genau für dieses Vergehen mussten sich die drei Männer jetzt vor Bezirksgericht Aarau verantworten.

Für diejenigen Einbrüche, die den Männern zweifelsfrei nachgewiesen werden konnten, standen sie gerade. So etwa für den Einbruch, bei dem sie geschnappt wurden, oder für einen zweiten, bei dem man Blut am Tatort fand, welches einem der Beschuldigten zugewiesen werden konnte. Mit «Ja das haben wir getan, es tut uns leid», kommentierten die Beschuldigten diese Taten. Die anderen Einbrüche wollten sie jedoch nicht begangen haben.

Ein Schuhabdruck, ein Pulli und Plastiksäcke

Daraufhin lieferte der Staatsanwalt eine ganze Reihe von Indizien, die darauf hindeuteten, dass diese Einbrüche eben doch auch von den Beschuldigten begangen wurden. So fand sich an einem Tatort ein Schuhabdruck, der zu einem Schuh passte, den einer der Beschuldigten bei seiner Verhaftung trug. Und die Bilder der Überwachungskamera zeigten, dass ein anderer Täter denselben Pullover trug wie ein anderer Beschuldigter bei dessen Verhaftung. Und bei allen Einbrüchen wurden identische Plastiksäcke benutzt, um die Beute davonzutragen.

Die Verteidiger versuchten daraufhin, diese Indizien zu zerzausen. Der Pulli sei gar nicht derselbe, solche Plastiksäcke könne man überall kaufen, und den zum Abdruck passende Schuh habe der Beschuldigte bei seiner Verhaftung zum ersten Mal getragen. Er könne sich durchaus vorstellen, so der Verteidiger, dass eine Diebesbande Kleider und Schuhe in einer Wohnung lagern und damit ihre Mitglieder ausrüsten würden, dass also derselbe Schuh beim erwähnten Einbruch von einem anderen Einbrecher getragen worden sei.

Fast schon skurril mutete die Diskussion zwischen Staatsanwalt und der Verteidigung dann an, als es um ein mutmassliches Alibi eines der Beschuldigten für nochmals einen anderen Einbruch ging. Eine Woche vor dieser Tat sei er in Rumänien am Hintern operiert wurden, wegen Hämmorrhoiden oder Analfisteln, je nachdem ob man Kläger oder Verteidigung folgte.

Die beiden steigerten sich in der Folge in eine Diskussion, ob man eine Woche nach einem chirurgischen Eingriff am Hintern bereits in der Lage sei, stundenlang zu sitzen und von Rumänien mit dem Auto via Belgien in die Schweiz zu fahren. Die medizinischen Fachexpertisen von Staatsanwalt und Verteidiger zu diesem Thema gingen auseinander.

«Die Fülle an Indizien reichte aus»

Das Gericht unter Leitung von Gerichtspräsidentin Bettina Keller nahm diese Diskussion kommentarlos zur Kenntnis. Nach ausführlicher Debatte folgten die Richter schliesslich mehrheitlich der Argumentation der Staatsanwaltschaft. «Einzelne Indizien wären zu wenig gewesen», begründete Keller den Entscheid. «Doch die Fülle an Indizien reicht für einen Schuldspruch aus.» Das Gericht steckt zwei der drei Männer für vier beziehungsweise 3,5 Jahre ins Gefängnis und verweist sie anschliessend für zehn Jahre des Landes, der dritte Beschuldigte, der insgesamt an weniger Einbrüchen beteiligt war, muss «nur» für 18 Monate bedingt hinter Gitter und anschliessend die Schweiz für fünf Jahre verlassen. Beim Entscheid des Gerichts hat den Angeklagten sicherlich nicht geholfen, dass sie alle unterschiedlich lange Vorstrafenregister haben. Zwei Männer waren bereits mehrere Jahre hinter Gittern.

Das letzte Wort hatten die Beschuldigten. Er würde nicht aus Spass stehlen, meinte einer der beiden, der bereits im Gefängnis gesessen hatte: «Die Gesellschaft verlangt, dass man eine Arbeit sucht, wenn man das Gefängnis verlässt, aber sie stellen einen nicht ein. Das ist keine Entschuldigung für das, was ich getan habe, aber ich sah keine andere Lösung.»

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