Zeitgeschichte Aargau
Orientteppich und Wohnwand: Sie kamen dank diesem Mann in die Schweizer Stuben

Der heute 84-jährige Toni Cipolat war in den 60er- und 70er Jahren Chefeinkäufer bei Möbel Pfister. Er ist einer der 60 Zeitzeugen, die im Projekt Zeitgeschichte Aargau aus ihrem Leben erzählen.

Jörg Meier
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Zeitgeschichte Aargau – Möbel Pfister
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Blick in ein Möbel-Pfister-Schlafzimmer aus dem Jahr 1963.
Wohnzimmer-Idylle: Das Titelbild des Möbel-Pfister-Katalogs aus dem Jahr 1963.

Zeitgeschichte Aargau – Möbel Pfister

Colin Frei

Der freundliche ältere Herr, der heute in einer unauffälligen Wohnung in Unterentfelden lebt, hat während dreier Jahrzehnte massgeblich bestimmt, wie die Schweizerinnen und Schweizer wohnen. Der 84-jährige Toni Cipolat arbeitete von 1958 bis 1995 für Möbel Pfister und machte das Unternehmen in dieser Zeit durch seinen zielgerichteten Ausbau des Sortiments zum grössten und erfolgreichsten Einrichtungshaus der Schweiz und zum Mass aller Dinge in der Einrichtungsbranche.

Cipolat stammt aus einfachen Verhältnissen, wächst in Zürich-Unterstrass auf, verliert früh den Vater. Er hätte gerne Geschichte studiert und möchte Lehrer werden; er ist leidenschaftlicher Pfadfinder und talentierter Ruderer.

Zeitzeugen bezeichneten ihn als ungeheuer fleissig. Nach der Handelsschule und der Rekrutenschule arbeitet er bei der Rückversicherungsgesellschaft in Zürich; das Geschichtsstudium kann er sich nicht leisten.

Nebenbei startet er seine eindrückliche militärische Karriere und lernt Schwedisch. Letzteres sollte ihm Jahre später zugutekommen in den Gesprächen mit Ikea-Gründer Ingvar Kamprad, mit dem er sich gelegentlich über die neuesten Möbel- und Einrichtungstrends austauschen konnte. 1958 holt ihn ein Ruderfreund vom Belvoir-Ruder-Club als Kalkulator in die Abteilung Einkauf bei Möbel Pfister in Zürich. Anfangslohn: 470 Franken pro Monat.

77 Ballen Teppiche aus Afghanistan sorgen für Erstaunen

Bei Möbel Pfister machte Cipolat rasch Karriere, aus dem Kalkulator wurde ein Einkäufer mit grossem Flair für Trends. So entdeckte Cipolat das Potenzial der Orientteppiche. «Ich war begeistert von diesem Kulturgut», erzählt er.

Und er war überzeugt, solche Teppiche könnten doch auch gut in die Schweizer Stuben passen «Das geschah intuitiv», sagt er rückblickend, «ich kann das nicht rational erklären.» Toni Cipolat beschloss, die Teppiche für Möbel Pfister selber direkt im Orient einzukaufen. Mitte der 60er-Jahre reiste er in die Herkunftsländer, lernte persisch, beschäftigte sich intensiv mit den komplexen Ornamenten.

«Vielfalt und Bedeutung der jahrhundertealten Muster faszinieren mich bis heute», sagt Cipolat. Und tatsächlich: Schaut man sich in seiner Wohnung um, liegen da noch immer schöne Orientteppiche.

Damals kümmerte sich Cipolat auch um den Transport der Teppiche, die er vor Ort ausgesucht hatte. Dabei vertraute er auf häufig auf Schweizer Lastwagenchauffeure. «Transporte aus Teheran waren einfacher zu organisieren als jene aus Kabul», sagt Cipolat. Auf dem Tisch liegt sein Persisch-Deutsches Wörterheft, das er sich damals angefertigt hat.

«Einmal habe ich in Kabul eine Lieferung mit 77 Ballen Teppichen bestellt», erzählt er. Von da an habe man ihn nur noch «Agaye Haftadahaft» genannt, was auf Deutsch «Herr Siebenundsiebzig» bedeute. Der Name sei ihm bis heute geblieben.

Wohnwand und Spannteppiche halten Einzug in der Schweiz

Den Schweizern gefielen die Orientteppiche, die Cipolat für sie ausgesucht hatte: Möbel Pfister wurde zum grössten Teppichhändler der Schweiz und verkaufte in Spitzenjahren für 80 Millionen Franken Orientteppiche. Jedes Preisschild wurde von Cipolat höchstpersönlich beschriftet, er prüfte die Qualität und bestimmte den Preis.

Fünf Prozent des Verkaufspreises erhielten die jeweiligen Verkäufer als Provision. Sie waren von Cipolat zuvor gründlich geschult worden, er hatte dazu auch ein leicht verständliches Lehrbuch über Orientteppiche, ihre Geschichte und die Bedeutung der Ornamente verfasst.

Doch mit der Zeit gerieten die Orientteppiche aus der Mode; neue Trends erreichten die Schweiz. Zum Beispiel kam aus Dänemark die Wohnwand aus Eiche – sie eroberte innert kurzer Zeit die Schweizer Stuben.

Und mit den Wohnwänden kamen die Spannteppiche, die von Wand zu Wand verlegt wurden. Die Nachfrage nach dem neuen Bodenbelag war riesig und stellte die Crew um Cipolat vor grosse logistische Herausforderungen.

So brauchte Möbel Pfister nun auch Bodenleger, welche die in vier Meter breiten Rollen angelieferten Teppiche verlegen konnten. Nicht nur die neuen Teppiche waren eine Sensation, sondern auch der Preis: Bei Möbel Pfister kostete ein Spannteppich 19.50 Franken pro Quadratmeter; andere Schweizer Teppichhersteller und -verkäufer gerieten dadurch heftig unter Druck.

Einkaufstourismus und «Möbelmeile» verändern vieles

Unter Cipolat wandelte sich Möbel Pfister vom reinen Möbel- zum Einrichtungshaus; Möbel wurden zwar weiterhin verkauft, aber man ergänzte das Angebot um Lampen, Teppiche, Vorhänge, Möbelbezugsstoffe und weitere Accessoires. Aus Verkäufern wurden Verkaufsberater, die sorgfältig ausgebildet wurden. Das Konzept des ganzheitlichen Einrichtungshauses hatte Erfolg.

Die Absatzzahlen von Möbel Pfister verfünffachten sich in den Jahren 1960 bis 1980. An vorderster Front dabei: Toni Cipolat, der unermüdlich Messen besuchte, um die neuen Trends aufzuspüren und via Möbel Pfister in die Schweizer Wohnungen zu bringen.

«Doch dann änderte sich der Zeitgeist», erinnert sich Cipolat. Ikea eröffnete 1974 die Filiale in Spreitenbach, entlang der neuen Autobahn entstand die Aargauer «Möbelmeile».
Dazu kam der Einkaufstourismus nach Deutschland, der immer stärker einsetzte. «Die Leute wollten ohne Beratung kaufen, günstig dazu und die Möbel am liebsten gleich mitnehmen», sagt Cipolat.

Für Möbel Pfister begannen die schwierigen Jahre. 1995 ging Toni Cipolat nach 37 Jahren von Bord. Jahre später widmete ihm sein damaliger Marketingchef Helmut Hillen ein Buch über die erfolgreichen Jahre mit dem sinnigen Titel «Mensch, Toni».

Darin charakterisiert Hillen seinen Chef Cipolat als grossen Menschenfreund. Das hatte nicht nur Vorteile: «Toni Cipolat hat in seiner gesamten Karriere keinen einzigen Mitarbeiter entlassen. Das wäre ein hervorragendes Führungszeugnis, hätte er bei der Wahl seiner Mitarbeiter eine hundertprozentige Treffsicherheit bewiesen.»

Das Gespräch mit Toni Cipolat ist zu Ende; «Agaye Haftadahaft» ist müde geworden vom vielen Erzählen; bietet einen Kaffee an und schenkt dem Journalisten das Buch «Mensch, Toni». Fast schon entschuldigend sagt er: «Da steht alles drin, was Sie wissen müssen und was ich vergessen habe.»

«Was söll i mit dem Chabis vo Suhr?»

Wohnträume Im Jahre 1939 realisierte Fritz-Gottlieb Pfister ziemlich genau in der Mitte der Schweiz seinen kühnen Plan: In Suhr wurde das neue Fabrik- und Verwaltungsgebäude eröffnet und später zur Fabrikausstellung ausgebaut. Im Laufe der Jahre entwickelte sich «Suhr» zum Sehnsuchtsort des bürgerlichen Wohnens. Vor allem an Samstagen strömten Tausende nach Suhr, um sich Wohnträume anzusehen.

Möbel Pfister organisierte aber auch Carreisen, die ins Wohnparadies nach Suhr führten, Verlobte konnten gratis reisen. «Die Idee, im Herzen der Schweiz Wohnen als Erlebnis zu zeigen, und zwar alles an einem Ort, halte ich nach wie vor für genial», sagt Toni Cipolat heute.

«Fritz-Gottlieb Pfister war damit seiner Zeit weit voraus.» Während Cipolats Zeit bei Möbel Pfister versammelte er jeweils am Samstagmorgen um acht Uhr das Team der Verkaufsberater und instruierte sie über Aktionen, Trends und Argumente und gab ihnen Tipps für den Umgang mit Kundinnen und Kunden.

«Es war schon eine gewaltige Blechlawine, die sich ihren Weg durch Suhr bahnte», erinnert sich Cipolat, erst recht, als es die Autobahn A1 noch nicht gegeben habe. Damals seien Mobilität und Auto fahren noch unverdächtig gewesen. Möbel Pfister habe den Autofahrern in der Werbung explizit 1000 Parkplätze versprochen.

«Dabei hatten wir natürlich nie und nimmer 1000 Parkplätze», sagt Cipolat, «höchstens ein paar hundert. Aber es hat ja niemand nachgezählt, es tönte gut und hat funktioniert.» Und wie haben die Suhrerinnen und Suhrer damals auf die Blechlawine reagiert? «Unterschiedlich», sagt Cipolat.

Die Strassen durch das Dorf seien halt schon oft verstopft gewesen. Andrerseits habe Suhr aber sehr von Möbel Pfister profitieren können, sei es finanziell, sei es als Arbeitgeber für viele Suhrerinnen und Suhrer.

Zudem hat Möbel Pfister das Dorf in der ganzen Schweiz bekannt gemacht; so sang Zarli Carigiet 1959 im Musical «Eusi chlii Stadt», allerdings wenig schmeichelhaft: «Was söll i nur mit dem Chabis vo Suhr?»

Was hält der ehemalige Chefeinkäufer Cipolat vom Verkauf von Möbel Pfister an den österreichischen Möbelgiganten XXXLutz? Cipolat schweigt einen Moment lang. Dann sagt er es doch: «Ich bin sehr verärgert.»

Jörg Meier