Vierfachmord Rupperswil
Narzisstisch, zwanghaft, gefährlich: «Thomas N. hat sich heute um eine Chance gebracht»

Opferanwalt, ein Forensiker und ein Kriminalkommissär sind sich einig: Thomas N. ist narzisstisch, zwanghaft, gefährlich. Doch auch ohne lebenslängliche Verwahrung werde der Vierfachmörder von Rupperswil kaum je in Freiheit kommen, wie sie im Talk Täglich erklärten.

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Am Berufungsprozess am Obergericht Aargau richtete sich die Aufmerksamkeit auf den Vierfachmörder Thomas N. und die Frage: ordentliche oder lebenslange Verwahrung?

Moderator Oliver Steffen wollte zum Start des Talk Täglich von Opferanwalt Markus Leimbacher aber wissen: Wie geht es den Angehörigen der Opfer?

Der Lebenspartner von Carla Schauer habe eine zweimonatige Auszeit in den USA nehmen können, so Leimbacher. Er sei auf einem guten Wege, das grausame Ereignis zu verarbeiten. Ähnlich ergehe es dem Bruder von Carla Schauer, er habe erfolgreich eine Psychotherapie abgeschlossen. Bei ihren Eltern sehe es anders aus. Sie könnten das Geschehene nicht verarbeiten, es gehe ihnen nicht gut.

Der Vierfachmord

Der Rupperswiler Thomas N. hatte am 21.Dezember 2015 in einem Einfamilienhaus Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona F. (†21) grausam ermordet.

Von den Angehörigen war am Donnerstag niemand am Prozess dabei. Das sei verständlich, so Leimbacher, denn es ging um technisch-juristische Fragen und nicht mehr um die eigentliche Tat.

Am 21. Dezember jährt sich die Tat zum dritten Mal. Bei Leimbacher löst dies eine Erinnerung aus. Nämlich, an jenem Morgen damals sei er aufgewacht und habe auf einem Onlineportal plötzlich das Foto einer Frau gesehen habe, die er kannte: Carla Schauer. Der Prozess vor Obergericht sei für ihn nicht mehr so schwierig gewesen, anders der erste Prozess im März.

Markus Melzl, ehemaliger Kriminalkommissär, hätte es begrüsst, wenn Thomas N. am Berufungsprozess anwesend gewesen wäre, "damit er sich der Situation nochmals stellen muss". Der Mörder hatte sich aber vom Gericht auf eigenen Wunsch dispensieren lassen. Der Grund: Es ging vor Obergericht nicht um das Strafmass, sondern um technische Aspekte und Massnahmen.

Das Urteil kam kurz vor Mittag und lautete: ordentliche Verwahrung. Weggestrichen wurde die Therapie.

Moderator Steffen kommt auf den zentralen Punkt zu sprechen. Kann es eigentlich eine lebenslange Verwahrung geben? Für Andreas Frei, Leitender Arzt Fachstelle Forensik an der Psychiatrie Baselland, ist die Annahme der lebenslangen Verwahrung durch das Volk ein Unglück. Der Entscheid sei aus dem Zeitgeist heraus zu verstehen. Die ordentliche Verwahrung sei das einzig richtige Urteil.

Lebenslang verwahrt kann jemand nur werden, wenn er nicht therapierbar ist. Das Bundesgericht hat bislang sämtliche derartigen Entscheide aufgehoben. "Ich gebe zu, dass es schwierig ist, eine Veränderung bei Thomas N. festzustellen. Doch zu einer Aussage, dass er nicht therapierbar ist, kann man nicht kommen», so Frei. Zu diesem Schluss kamen auch zwei Gutachter. Einige Momente später sagt Frei: "Ich halte das Konstrukt der lebenslänglichen Verwahrung für falsch."

Die Reaktionen zum Urteil des Aargauer Obergerichts:

Markus Leimbacher, Anwalt der Angehörigen «Die Verhandlung vor Obergericht ist so abgelaufen, wie ich es erwartet habe: wenig spektakulär und technisch. Es hat keine Neuigkeiten gegeben. Ohne die vorgängigen Äusserungen von Psychiater Frank Urbaniok, der die Therapierbarkeit von Thomas N. infrage stellte, wäre es langweilig gewesen. Das Urteil ist meinen Erwartungen entsprechend ausgefallen. Thomas N. hat verloren. Er hat Berufung eingelegt und nun ein schlechteres Urteil als vorher bekommen. Für die Angehörigen der Opfer wäre es nun wichtig, dass das Urteil so bleibt und es keine Ehrenrunde über das Bundesgericht gibt. Ihnen war wichtig, dass Thomas N. verwahrt wird. Ohne Verwahrung wären sie nicht zufrieden gewesen.»
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Natalie Rickli, SVP-Nationalrätin (ZH) «Ich bin froh, dass das Obergericht die ordentliche Verwahrung bestätigt hat. Es wurde das Maximum herausgeholt. Die Hürden für eine lebenslängliche Verwahrung sind wegen des Gesetzes und des Bundesgerichts leider zu hoch. Doch auch die lebenslange Freiheitsstrafe ist ein Etikettenschwindel, da eine bedingte Entlassung nach 15 Jahren möglich ist, was dazu führt, dass die Gerichte zusätzlich die Verwahrung anordnen. Deshalb verlange ich zusammen mit FDP-Ständerat Andrea Caroni vom Bundesrat einen Bericht, wie das System verbessert werden könnte, um bei besonders schweren Straftaten eine bedingte Entlassung für einen längeren Zeitraum oder ganz auszuschliessen.»
Matthias Fricker, Anwalt des Lucie-Mörders «Das Urteil entspricht in etwa dem, was man erwarten konnte. Im Vorfeld zur Verhandlung war ich gespannt darauf, wie sich das Obergericht zur ambulanten Massnahme äussert, die das Bezirksgericht angeordnet hatte. Es stellte sich die Frage, ob eine solche Massnahme neben einer Verwahrung überhaupt zulässig ist. Es ist ja gerade Bedingung für die Anordnung einer Verwahrung, dass eine Massnahme keinen Erfolg verspricht. Dieser Meinung ist auch das Obergericht, das die Therapie aufgehoben hat. Für den Beschuldigten ist dies sicherlich keine gute Nachricht. Es bleibt ihm nun lediglich die psychiatrische ‹Grundversorgung›, wie sie allen Personen im Strafvollzug zusteht.»
Muriel Trummer, Juristin Amnesty International «Das Urteil zeigt die grundlegende Problematik der Verwahrungsinitiative. Für Psychiaterinnen ist es kaum je möglich, eine Untherapierbarkeit vorherzusagen. Deshalb wird die lebenslange Verwahrung wohl nie verhängt werden. Selbst bei einem solch schrecklichen Verbrechen muss die Möglichkeit einer Überprüfung der Gefährlichkeit eines Täters garantiert bleiben. Dies ist mit der ordentlichen Verwahrung nach Ende der verbüssten Freiheitsstrafe gewährleistet. Das Urteil berücksichtigt die absolut legitimen Ansprüche der Hinterbliebenen und der Gesellschaft nach strenger Bestrafung und nach Schutz vor weiteren Taten, ohne jedoch internationale Menschenrechtsgarantien zu verletzen.»
Ruedi Hediger, Gemeindeammann Rupperswil «Ich bin froh, dass das Obergericht die ordentliche Verwahrung von Thomas N. bestätigt hat und die Therapie aufgehoben hat. Auffallend für mich war, dass die Verhandlung vor Ober-gericht nicht mehr die gleiche Brisanz hatte wie jene vor dem Bezirksgericht Lenzburg im März. Diese sorgte in unserem Dorf für Unruhe – das war dieses Mal nicht der Fall. Aber das liegt sicher daran, dass es nur noch um juristische Fragen ging und auch der Täter nicht mehr befragt wurde. Ich rechne damit, dass Thomas N. das Urteil beziehungsweise die Verwahrung nicht akzeptieren wird und sich als Nächstes auch noch das Bundesgericht mit dem Fall Rupperswil befassen muss.»
Marianne Heer, Lehrbeauftragte für Strafrecht «Ich finde es einen Unsinn, eine Verwahrung neben einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe auszusprechen. Zuerst wird die Freiheitsstrafe vollzogen, im Anschluss daran die Verwahrung. Solange der Täter gefährlich ist, wird er aber nicht aus der lebenslänglichen Freiheitsstrafe entlassen werden. Wenn man ihn irgendwann als nicht mehr gefährlich erachten sollte, dann würde er auch die Bedingungen für eine Verwahrung nicht mehr erfüllen. Deshalb braucht es sie nicht. Das ist eine symbolische Rechtsprechung. Aber das Bundesgericht unterstützt dieses Vorgehen und bestätigt es regelmässig, zuletzt am Mittwoch im Rahmen einer öffentlichen Urteilsberatung.»
Daniel Jositsch, Strafrechtsprofessor «Das Obergericht hat das richtige Urteil gefällt. Ich habe nie verstanden, warum die Staatsanwaltschaft in diesem Fall eine lebenslängliche Verwahrung beantragt hat. Kein Gutachter kann eine lebenslängliche Untherapierbarkeit prognostizieren. Ausserdem ist der Unterschied zwischen der ordentlichen und der lebenslänglichen Verwahrung sowieso nur theoretisch. Es ist so oder so unwahrscheinlich, dass Thomas N. je entlassen wird. Deshalb würde bereits eine lebenslängliche Freiheitsstrafe reichen. Auch diese wird nur bei günstiger Prognose aufgehoben und wäre die Prognose günstig, käme keine Verwahrung infrage. Aber das Bundesgericht heisst diese Praxis der Gerichte gut.»

Markus Leimbacher, Anwalt der Angehörigen «Die Verhandlung vor Obergericht ist so abgelaufen, wie ich es erwartet habe: wenig spektakulär und technisch. Es hat keine Neuigkeiten gegeben. Ohne die vorgängigen Äusserungen von Psychiater Frank Urbaniok, der die Therapierbarkeit von Thomas N. infrage stellte, wäre es langweilig gewesen. Das Urteil ist meinen Erwartungen entsprechend ausgefallen. Thomas N. hat verloren. Er hat Berufung eingelegt und nun ein schlechteres Urteil als vorher bekommen. Für die Angehörigen der Opfer wäre es nun wichtig, dass das Urteil so bleibt und es keine Ehrenrunde über das Bundesgericht gibt. Ihnen war wichtig, dass Thomas N. verwahrt wird. Ohne Verwahrung wären sie nicht zufrieden gewesen.»

Für die Angehörigen sei entscheidend, dass Thomas N. nie mehr das Gefängnis verlasse. "Eine letzte Sicherheit dafür gibt es nie, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross", so Leimbacher. Den Angehörigen sei es letztlich egal, auf welche Art die Haft ablaufe. Sie hätten bereits das Urteil des Bezirksgerichts akzeptieren können und es als gut befunden.

Der Starpsychiater Frank Urbaniok hatte im Vorfeld der Gerichtsverhandlung die Gutachter-Kollegen kritisiert: «Man kann nicht sagen, Thomas N. sei therapierbar.» Das hatte selbst an der Verhandlung Erwähnung gefunden. Psychiater Andreas Frei wieder kritisiert Urbaniok. Sich im Vorfeld des Anlasses bei maximaler Medienpräsenz ungerechtfertigt ins Geschehen einzugreifen, könne er nicht gutheissen. "Alles nur fürs Ego?", so Steffen. "Das haben Sie gesagt", entgegnet Frei.

«Verkorkste Existenz»

Psychiater Frei nennt Thomas N. eine "verkorkste Existenz" mit einer "zwanghaften und narzisstischen Störung". Und er sei offensichtlich gefährlich. Offen sei: Ist Thomas N. sadistisch veranlagt – habe er also Lust am Töten gehabt – oder hat es sich um eine Verdeckungstat gehandelt? Vieles sei offen, deshalb sei eine Therapie zu versuchen. Diese aber hat das Obergericht gestrichen.

Anwalt Leimbacher glaubt: Mit dem Gang ans Obergericht und seiner Absenz dort, habe sich Thomas N. heute um eine Chance gebracht. Nämlich: Zu beweisen, dass es ihm mit einer Therapie ernst ist. Eine solche hat er angestrebt.

Was wird jetzt mit Thomas N. geschehen? Frei: "Er wird in Genuss der psychiatrischen Grundversorgung des Gefängnisses kommen und in einer Spezialabteilung untergebracht." Thomas N. sitzt in der Strafanstalt Pöschwies (ZH) ein.

«Wir haben keine Erfahrung»

Die Gäste diskutieren, ob Thomas N. je wieder frei kommt, was allerdings niemand glaubt. Die Hürden gerade in seinem Falle seien hoch. Doch man müsse aufpassen.

Das Problem im Umgang mit Thomas N. ist gemäss Psychiater Frei: "Wir haben keine Erfahrung mit einem solchen Täter." Es bestehe die Gefahr, dass er seiner Umgebung etwas vorspielen wird, seine manipulative Seite sei nicht zu unterschätzen. Auch Leimbacher glaubt: "Er probiert die Leute um die Finger zu wickeln."

Die Sendung abschliessend sagt Leimbacher: "Ich wünsche den Angehörigen, dass das Urteil auf dem heutigen Stand rechtskräftig wird, dass sie damit abschliessen können. Und dass sie einen Weg finden, mit dieser ganz schwierigen Situation umzugehen." (jk)

Sehen Sie hier die Sendung «TalkTäglich» mit Markus Leimbacher, Andreas Frei und Markus Melzl in voller Länge: