Hermetschwil
Nach sexuellem Missbrauch: Kinderheim will dunkle Vergangenheit aufarbeiten

Sexuelle und körperliche Gewalt gehörten in vielen Schweizer Heimen zum Alltag. Auch im Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil. Die heutigen Verantwortlichen wollen die dunkle Vergangenheit aufarbeiten. Das schulden sie den Opfern.

Noemi Lea Landolt
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Abt Beda Szukics, Heimleiterin Pia Iff und Guido Fluri, Initiant der Wiedergutmachungsinitiative, setzen sich dafür ein, dass ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte ans Licht kommt.

Abt Beda Szukics, Heimleiterin Pia Iff und Guido Fluri, Initiant der Wiedergutmachungsinitiative, setzen sich dafür ein, dass ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte ans Licht kommt.

Alex Spichale

Das erfahrene Leid kann nicht ungeschehen gemacht werden. Dafür ist es zu spät. Das wissen die Verantwortlichen des Kinderheims St. Benedikt in Hermetschwil genauso wie die Verantwortlichen des Benediktiner-Kollegiums Sarnen. Vor rund zwei Wochen haben sie sich öffentlich bei allen Opfern entschuldigt, nachdem Andreas Santoni sein Schweigen gebrochen hatte, erzählte, dass er während seiner Zeit im Kinderheim vom Pfarrer sexuell missbraucht wurde.

Andreas Santoni dürfte nicht das einzige Opfer gewesen sein, der Pfarrer nicht der einzige Täter. Machtmissbrauch gehörte in vielen Schweizer Kinderheimen zum Alltag. Tausende Kinder wurden über Jahre gedemütigt, gezüchtigt und misshandelt. Die Gesellschaft und die Verantwortlichen schauten weg.

Andreas Santoni wurde Opfer sexuellen Missbrauchs
5 Bilder
Jetzt bricht er sein Schweigen und erzählt über sein Schicksal.
Eingeladen hat die Medien aber nicht Andreas Santoni, sondern das Kinderheim Hermetschwil und das Benediktiner-Kollegium Sarnen.
Sie wollen, obwohl der Missbrauch verjährt und der Pfarrer tot ist, die Sache nicht verschweigen.
Sie wollen sich öffentlich entschuldigen. Bei Andreas Santoni und allen anderen Opfern. Ihnen sagen: «Der Täter ist schuld.»

Andreas Santoni wurde Opfer sexuellen Missbrauchs

Chris Iseli

Historikerin steigt ins Archiv

Wegschauen wollen die heutigen Verantwortlichen des Kinderheims und des Benediktiner-Kollegiums nicht mehr. Sie möchten die dunkle Vergangenheit aufarbeiten. Das sagte Heimleiterin Pia Iff gestern anlässlich einer Medienkonferenz. Mit der Aufarbeitung des dunklen Kapitels hat sie eine Historikerin beauftragt. Diese wird in die Archive steigen, noch vorhandene Akten wälzen und Puzzleteile zusammensetzen – bis sich ein klareres Bild der Vergangenheit ergibt.

Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist neben der Entschuldigung das Einzige, was die heutigen Verantwortlichen für die Opfer von damals noch tun können. Eine «schonungslose Aufarbeitung» sei zentral, sagte Guido Fluri, Initiant der Wiedergutmachungsinitiative, an der Medienkonferenz. «Heute leben viele Zeitzeugen noch, deshalb ist es wichtig, dass die Vergangenheit jetzt aufgearbeitet wird.»

Es sei bekannt, dass es eine grosse Dunkelziffer gebe. «Wir wissen, dass viele Opfer von damals nicht über das Erlebte sprechen können, weil sie sich schämen. Diese Menschen tragen das seelische Leid nach wie vor in sich.» Umso mehr sei es «vorbildlich», was in Hermetschwil geschehe. «Ich wünschte mir das noch mehr», sagte Fluri.

Es dürfte nicht allen passen, dass Licht in die dunkle Vergangenheit gebracht werden soll. Zuletzt spielte der damalige Heimleiter Peter Bringold die Vergangenheit herunter. Verurteilte zwar, was der Pfarrer Andreas Santoni angetan hatte, kritisierte aber gleichzeitig die heutige Heimleitung dafür, dass sie sich öffentlich bei ihm entschuldigt hatte.

In einem Brief an die AZ hielt Peter Bringold mit aller Deutlichkeit fest, dass keiner der angeschuldigten Verantwortungsträger von den «verabscheuungswürdigen Machenschaften im Pfarrhaus je etwas erfahren oder davon gewusst hat». Das zu lesen, war für Andreas Santoni wie ein Faustschlag ins Gesicht. Guido Fluri kann das nachvollziehen. Werden solche Vorfälle relativiert, kämen die Betroffenen wieder in eine Situation, «in der sie sich für den Missbrauch rechtfertigen müssen».

Genau das wollen die heutigen Verantwortlichen verhindern, indem sie genauer hinschauen, die Mitarbeitenden sorgfältig auswählen und jedem geäusserten Verdacht konsequent nachgehen. Auch das war Thema an der Medienkonferenz. Für Abt Beda Szukics vom Benediktiner-Kollegium Sarnen sind sexuelle Übergriffe ein belastendes Thema.

«Dass es sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld gegeben hat, wussten wir immer», so der Abt. «Dass die Übergriffe öffentlich wurden, beschämt uns und bereitete uns Sorgen.» Die Öffentlichkeit habe aber auch dazu geführt, dass sich die katholische Kirche überlegen musste, «wie sie mit dem Thema umgeht und welche Massnahmen sie ergreift, damit es in Zukunft nicht mehr – oder zumindest sehr viel weniger – zu Übergriffen kommt».

Zusammen mit der Schweizer Bischofskonferenz wurden Richtlinien zu sexuellen Übergriffen im kirchlichen Umfeld erarbeitet. Die jetzige, dritte Fassung ist aus dem Jahr 2014. Die Richtlinien seien verpflichtend und eine Orientierungshilfe, sagte Abt Beda. Das Machtgefälle zwischen Seelsorger und hilfesuchenden Personen spiele darin eine wichtige Rolle. «Übergriffe geschehen, wenn jemand das Machtgefälle ausnutzt», ist Szukics überzeugt.

Ausserdem spiele die Versuchung eine zentrale Rolle. Viele Täter würden zu ihrer Verteidigung sagen, sie seien versucht worden. «Das ist falsch», stellt Beda Szukics klar. «Es gibt keine Versuchung. Wenn etwas geschieht, ist immer der Seelsorger der Täter und sein Gegenüber das Opfer.»

Den Täter nicht in Schutz nehmen und das Opfer nicht beschuldigen, die sexuelle Gewalt herausgefordert zu haben, ist auch im Sexualpädagogik-Konzept des Kinderheims St. Benedikt ein zentraler Punkt. Das Heim setzt im Alltag auf die drei Säulen Prävention, Null-Toleranz und Fürsorge (siehe Box), damit Fälle wie der von Andreas Santoni sich in Zukunft nicht wiederholen.

So will das Kinderheim Missbrauch verhindern

Prävention und Schutz Die Kinder und Jugendlichen werden aufgeklärt, lernen, was (sexueller) Missbrauch ist und wie sie ihn benennen können. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden sorgfältig ausgewählt. Sie müssen einen Privat- und Sonderprivatauszug aus dem Strafregister einreichen.

Nulltoleranz und Haltung Sexuelle Gewalt und Grenzüberschreitungen werden nicht geduldet. Jede Verdachtssituation wird konsequent untersucht. Dabei ist der Kinderschutz immer mit im Team. Ein Interventionsverfahren unterstützt die Betroffenen und sanktioniert die grenzüberschreitende Person.

Fürsorge Kinder und Jugendlichen werden altersgerecht über das weitere Vorgehen informiert. Es werden Lösungsmöglichkeiten, aber auch Grenzen aufgezeigt. Die gewaltausübende Person wird nicht verteidigt, ebenso werden Kinder und Jugendliche nicht beschuldigt, sexuelle Gewalt herausgefordert zu haben.

Santoni beim Talk-Täglich: