Tierhaltung
Nach gerissenen Rehen: Kann man Hunden Jagdtrieb abtrainieren?

Hundehalter stehen nach mehreren gerissenen Rehen im Aargau in der Kritik. Nützen Antijagdkurse, trainiertes Abbruchsignal und weitere Konditionierungen, um Hunde von Jagd abzuhalten?

Roman Huber
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Mit Leine sind alle auf der besseren Seite.

Mit Leine sind alle auf der besseren Seite.

Susanne Hörth

In Bergdietikon und Oberfrick wurden in jüngster Zeit Rehe gerissen. Gemäss Jagdaufsicht sind sie höchstwahrscheinlich Hunden zum Opfer gefallen. Zeitungsberichte mit abgebildeten Kadavern lassen die Emotionen hochgehen. Viele Hundehalter sind verunsichert.

Die Rehe sind Ende Winter oft geschwächt

«Wir haben eine längere Kälteperiode zum Ende dieses Winters erlebt. Geschwächte Wildtiere haben vermehrt nicht mehr die Kraft zu fliehen », sagt Reto Fischer, Fachspezialist Jagd beim Kanton. Zudem würden gerissene Tiere bei Schneelage eher entdeckt. Die jährliche Zahl gerissener Rehe bewege sich um die 100 Fälle, die als Hunderisse deklariert würden. Er weist daraufhin, dass das Rissbild nicht immer eindeutig auf einen Hund hinweise. Im Juragebiet, im Nordwesten des Kantons streifen vereinzelt Luchse umher. Nur der Riss- Experte oder eine Laboranalyse geben Gewissheit über den «Täter». Zum Vergleich: Pro Jahr werden im Aargau um 1000 Rehe Opfer des Strassenverkehrs. (-RR-)

Einige fragen sich, ob und wie beim Hund der Jagdtrieb eliminiert werden könnte. Jede Fachperson weiss, dass der Jagdtrieb zum Wesen des Hundes gehört und es im Wald – ausser der Leine – keine Garantie gegen Jagdausflüge gibt.

Einmal Jäger, immer Jäger

Hundetrainer, die eine Verhaltensausbildung haben, sind sich auch bewusst, dass es gegen jagdliches Verhalten kein hundertprozentiges Rezept gibt.

Antijagdkurse, trainiertes Abbruchsignal, sonstige Konditionierungsmethoden oder Kommando-Gehorsam halten einen jagdlich motivierten Hund kaum davon ab, einem Reh nachzustellen, wenn es ihm vor der Nase durchspringt. Viele Hundebesitzer, die ihren Hund auf Unterordnung trainiert haben, verlassen sich im Wald darauf, dass er über die Kontrolle funktioniert. Das kann ins Auge gehen: Wird ihr Hund mit einem Jagdobjekt konfrontiert, wenn er gerade nicht unter Kontrolle steht, ist es meist zu spät, um zu handeln.

Ausgebildete Jagdhunde können ihre Fertigkeiten je nach Trainingsstand kontrolliert einsetzen. Ansonsten steht fest: Jeder Hund ist ein Beutegreifer. Sieht er eine Beute, nimmt die Fährte auf und verfolgt sie, werden im Gehirn Hormone ausgeschüttet. Der Hund ist in dieser Phase unfähig, noch etwas anderes wahrzunehmen. Im Jagdfieber durchqueren Hunde gar Dornengebüsche.

Je nach Jagdverhalten, das nicht nur rassebedingt ist, kommt es vielleicht nur zum Verfolgen, Treiben oder Stellen des Fluchttiers. Im schlimmeren Fall schnappt der Hund die Beute, beisst mehrfach zu oder schüttelt sie zu Tode. Ein Hund, der bei einer dieser Jagdsequenzen das «Glücksgefühl» erleben durfte, wird bei jeder weiteren Gelegenheit erneut jagen.

Stets Vorsicht geboten

Kleine Hunderassen können dem Wild nicht gefährlich werden. Andere Hunde zeigen an potenziellen Jagdobjekten kein Interesse, so oft im fortgeschrittenen Alter. Halter müssen sich aber bewusst sein, dass ein vermeintlich nicht jagdlich interessierter Hund plötzlich umschalten kann, wenn sich der Gesundheits- oder Gefühlszustand verändert oder der Stresspegel erhöht hat. Ebenso kann häufiges Ball- und Stöckchenwerfen vermeintliche Nichtjäger zu Jägern machen.

Mit einer 3- oder 5-Meter-Leine kann der Hund einige Freiheit und der Halter einen unbeschwerten Waldspaziergang geniessen. Schleppleinen geben keine Garantie und können für den Hund gefährlich werden, wenn er trotzdem auf Jagd geht und sich die Schleppleine irgendwo verwickelt.

Wer den Hund – im Aargau nur von Anfang September bis Ende März auf befestigten Waldwegen erlaubt – von der Leine lässt, muss folgende Kriterien erfüllen: sicherer Rückruf unter Ablenkung, Distanz Hund/Halter nicht zu gross, Hund und Umgebung stets gut beobachten. Sonst gehört ein Hund an die Leine.

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