Zuerst tappte ein Wolf in Erlinsbach in eine Fotofalle, dann riss wohl dasselbe Tier in Oberhof zwei Ziegen. Ein DNA-Test durch Experten des Kantons bestätigte, dass es sich um einenn Wolfsriss handelte.

Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbands Aargau, sieht trotz des Vorfalls momentan keinen Handlungsbedarf: «Es ist sicher noch zu früh, um weitere Massnahmen zum Schutz von Nutztieren zu treffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Wolf hier niederlässt.» Raubtiere wie Luchse und Wölfe seien im Aargau ein neues Phänomen, Angriffe durch solche Tiere kämen eher selten vor: «Im Aargau haben wir wenige bis gar keine Nutztierschäden, die durch Raubtiere verursacht werden», so Bucher. Es komme hingegen vor, dass Füchse oder Marder Hühner fressen: «Das Problem ist, dass der Fuchs sich mittlerweile an den Menschen gewöhnt und seine Scheu verloren hat», erklärt der Bauer.

Strom gegen den Wolf

Sollten sich Luchse oder Wölfe künftig trotzdem öfters im Kanton aufhalten, wären Schafe und Ziegen durch die Raubtiere am stärksten gefährdet: «Sie sind kleiner und in der Regel 24 Stunden draussen», erklärt Bucher. Diese Nutztiere sind im Aargau üblicherweise durch einen sogenannten Flexinet-Draht eingezäunt, ein Weidenetz, das elektrisch aufgeladen ist. Kühe wären hingegen nicht gefährdet, sagt Bucher: «Raubtiere kommen problemlos durch den Zaun, eine Kuh wiege aber zwischen 600 und 800 Kilo.» Ein Kalb könnte aufgrund seiner Grösse durch einen Wolf oder Luchs eher gefährdet sein. «Die Kälber sind aber durch die Muttertiere geschützt», so Bucher.

Im Kanton Graubünden, wo sich der Wolf dauerhaft aufhält, gibt das Amt für Jagd und Fischerei den Landwirten Ratschläge, wie sie ihre Herden vor dem Raubtier schützen können. Auf dem Merkblatt empfiehlt der Kanton unter anderem Flexinet-Elektrozäune, wie sie auch im Aargau oft verwendet werden: «Der unterste Draht soll höchstens 15 cm ab Boden sein und weder Boden noch Gras berühren. So steht bei der Berührung die volle Leistung für den Stromschlag zur Verfügung». Weiter wird im Merkblatt des Kantons Graubünden die Haltung von Herdenschutzhunden empfohlen. «Das ist kostenintensiv und aufwändig», weiss Bucher und betont: «Davon sind wir im Kanton Aargau aber weit entfernt.»

Das Foto des Erlinsbacher Wolfes und die Tatsache, dass er bei einem Bauern in Oberhof zwei Ziegen gerissen hat, sorgt für Gesprächsstoff. Die Rolle des Kantons, der über den Vorfall nicht von sich aus informiert hat, auch. Auch Ralf Bucher wünscht sich für die Landwirte eine klarere Kommunikation: «Nach dem aktuellen Fall finde ich, dass der Kanton für die Zukunft transparent informieren soll. Das weckt Vertrauen bei den Bauern.»

Entschädigung durch Kanton

Der Wolf von Erlinsbach ist sozusagen ein Präzedenzfall. Die Weisungen des Departements Bau, Verkehr und Umwelt über die Vergütung von Wildschäden sehen eine Entschädigung für den Bauern vor, wenn Nutztiere von einem Wildtier gerissen werden. «Für die Bestimmung der Entschädigungshöhe werden Empfehlungen der nationalen Zuchtverbände beigezogen», schreibt Alain Morier, Abteilungsleiter Wald, auf Anfrage. Da es bis zum aktuellen Vorfall noch keine Wolfsrisse im Kanton Aargau gab, wurden dafür bisher noch keine Entschädigungen gezahlt.

Wenn ein Bauer der Jagdverwaltung einen Riss meldet, überprüft diese wie im Fall von Oberhof, ob dieser tatsächlich von einem Wolf stammt. «Danach erfolgt die Schadensschätzung und Auszahlung», erklärt Morier. Aktuell werde mit erfahrenen Experten abgeklärt, welche Entschädigung im konkreten Fall angemessen sei. «Die erwähnten Empfehlungen der Zuchtverbände sehen für junge Ziegen Entschädigungen von 300 bis 500 Franken vor, für ältere Tiere sind es zwischen 800 und 1000 Franken», so Morier.