AZ-Dokumentarfilm
Mehr Hühner als Menschen und überraschend wenige Autos: Was die Statistik über den Aargau verrät

In diesen Tagen findet in der Schweiz die Volkszählung statt. Das passiert heute alles digital und wird deshalb kaum bemerkt. Ein Blick zurück auf die statistische Arbeit im Aargau enthüllt manch kantonale Eigenheit. Ein Film über Menschen, Tiere und Autos.

Patrick Zehnder* und Simone Morger
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Im Aargau leben mehr Hühner als Menschen. Und der Aargau ist kein Autokanton. Zwei etwas überraschende Erkenntnisse aus einem gewaltigen Fundus an Zahlen, der beim Kanton lagert und ständig wächst.

Dieser Film blickt auf die Geschichte der Statistik im Aargau zurück, erzählt, wie aufwändig es früher war, Zahlen zu erheben und wie dieser Vorgang digital geworden ist. Und räumt nebenbei mit Kantons-Klischees auf – um neue zu schaffen.

Anlass ist die eidgenössische Volkszählung, die in diesen Tagen zum 18. Mal stattfindet. 1850 war es, als der junge Schweizer Bundesstaat erstmals eine Eidgenössische Volkszählung anordnete. Seit der zweiten nationalen Volkszählung liegt der Stichtag jeweils im Dezember.

Bis 1990 schwärmten unter Aufsicht der Gemeindekanzleien Zählerinnen und Zähler mit Fragebogen und dem Bleistift hinter dem Ohr aus:

Eine Zählerin und ein Zähler überreichen den Fragebogen der Volkszählung 1960 persönlich an der Wohnungstüre.
13 Bilder
30’000 Zählerinnen und Zähler nahmen an der Volkszählung 1960 über 3000 Gemeinden in der ganzen Schweiz unter die Lupe.
Die Schulung erfolgte in Schulhäusern durch kantonale Fachleute, damit am Stichtag vom 1. Dezember 1960 alles wie am Schnürchen lief.
Volkszählungschef Dr. Zollinger erklärt am Lehrerpult den Zählerinnen und Zählern, wie die Volkszählung 1960 abläuft. Das Gewicht sämtlicher Formulare betrug 170 Tonnen.
Im grossen Schulzimmer sitzen die Zählerinnen und Zähler, die für die Volkszählung 1960 die Fragebögen verteilen und nach dem Stichtag vom 1. Dezember wieder einsammeln. Danach sammeln die kantonalen und eidgenössischen Behörden diese Dokumente und werten sie aus.
Mit diesem Plakat machten die Behörden auf die Volkszählung von 1960 aufmerksam. Schweizweit standen die Fragebögen in sechs Sprachen zur Verfügung, abgesehen von den vier Landessprachen auch auf Englisch und Spanisch.
Die Zahlenflut der Volkszählung 1950 bewältigten das Eidgenössische Amt für Statistik erstmals mit elektronischer Datenverarbeitung. Die «Wundermaschine aus den USA» von der Firma International Business Machines verarbeitete 27’000 Lochkarten pro Stunde und errechnete anschliessend die neusten Werte.
Eine junge Frau instruiert im Treppenhaus, wie die Fragebogen der Volkszählung 1950 auszufüllen sind. Aus den Fragebogen entstehen Datenreihen, die es beispielsweise ermöglichen, die Nationalratsmandate auf die Kantone zu verteilen.
Ein Zähler gibt die Formulare der Volkszählung 1950 an der Wohnungstüre ab. Für den kleinen Jungen ist es die erste solche Zählung.
Bürodiener in weissen Überschürzen koordinieren 1950 die Volkszählung und erteilen am Telefon fernmündlich Auskunft.
Im Volkszählungsbüro im 3.Stock werden 1950 die Fragebogen gesammelt und fein säuberlich sortiert.
Gegen die Volkszählung 1980 gab es Widerstand, wie diese Wandschmiererei zeigt.
Mit der Zeitung “Boik Otto” versuchten die Gegner der Volkszählung 1980 eine Anleitung zu geben, wie die maschinenlesbaren Fragebögen manipuliert werden können.

Eine Zählerin und ein Zähler überreichen den Fragebogen der Volkszählung 1960 persönlich an der Wohnungstüre.

Ringier Bildarchiv

Nur zweimal übrigens geriet der Rhythmus von zehn Jahren aus dem Tritt: 1888 sollte die Volkzählung in die neue Wahlkreiseinteilung für die Nationalratswahlen zwei Jahre darauf einfliessen und 1941 als Folge der zweiten Mobilmachung der Armee.

Die unbemerkte Volkszählung 2020

Von der aktuellen Zählung merkt die Bevölkerung kaum etwas: Seit der Jahrtausendwende werden die Einwohnerinnen und Einwohner des Landes fast unbemerkt in den elektronischen Registern der Behörden gezählt. Ergänzt wird diese digitale Zählung allerdings durch Stichproben.

Forschen und vermitteln

«Zeitgeschichte Aargau» ist ein Forschungs- und Vermittlungsprojekt der Historischen Gesellschaft Aargau. Ein Team aus acht Historikerinnen und Historikern erarbeitet die wissenschaftlichen Grundlagen für die Vermittlung der Aargauer Zeitgeschichte zwischen 1950 und 2000 in verschiedenen Formaten. Der Aargauer Regierungsrat hat beschlossen, das Unterfangen mit Geldern aus dem Swisslos-Fonds zu finanzieren. Mit der Aargauer Zeitung besteht eine Medienkooperation, zudem wird das Projekt von SRF, der Bildagentur Keystone und mehreren Stiftungen unterstützt.

Mehr dazu unter zeitgeschichte-aargau.ch

Das Statistische Amt Aargau, heute Statistik Aargau, startete seine eigene kantonale Bevölkerungsstatistik 1972. Mit der Zeit erhob man die Bevölkerungszahlen gar vierteljährlich, so gross war das Verlangen von Politik, Wirtschaft und Verwaltung nach möglichst aktuellen Daten.

Denn Statistik dient vor allem der Planung. Indem man zählt, wie viele Babys zur Welt kommen, kann man etwa die Ausbildung von Lehrpersonen oder den Bau von Schulhäusern steuern.

Ab 1974 begann der Kanton, auch Bevölkerungsprognosen zu erstellen. Auf 900'000 Einwohner soll die Bevölkerung im Aargau laut der jüngsten Vorhersage bis 2050 anwachsen. Doch selbst dann werden die Menschen die aktuelle Hühnerpopulation noch nicht überflügelt haben. Über eine Million sind es, Stand 2015.

*Patrick Zehnder ist Autor beim Projekt «Zeitgeschichte Aargau»